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Erinnerungen an Forchheim: So lief es in den 1950ern in der Schule

Thomas Walther blickt aus Japan zurück auf seine Kindheit und Jugend in der Stadt - 26.09.2020 16:00 Uhr

Höchstkonzentrierte Mitarbeit im Schreibunterricht, noch mittendrin im Zeitalter der Schiefertafeln und Leselernkarten an der Wand (li.). 

25.09.2020 © privat


„Bald geht für dich der Ernst des Lebens los!“ Meine Eltern, Verwandte und Nachbarn fanden diese Worte offenbar originell und aufmunternd, schon Monate bevor ich mit der Schultüte vor der Zentralschule stand.

Das Gebäude war 1952 erweitert und sogleich zweigeteilt worden, mit streng nach Konfessionen getrennten Stockwerken und Pausenhöfen. Bis zur Einschulung hatte ich mich weder katholisch noch evangelisch gefühlt, eher als Kind aus dem Forchheimer Nordviertel. Nun lernte ich mit knapp sieben Jahren erstmals gleichaltrigen und evangelischen Nachwuchs aus der Innenstadt kennen. Im Unterricht von Herrn van Seil, meinem ersten Lehrmeister für das Schreiben, Lesen und Einmaleins.

1959 frisch eingeschult: Thomas (re.) mit Freund Gerd am Südportal der Zentralschule. 

25.09.2020 © privat


Im Schulranzen, einer robusten Ausführung in schuhsohlendickem Leder, trug ich als ABC-Schütze Schiefertafel, Schwamm, Griffel, Holz-Federkästchen und erste Bücher mit mir herum, dazu das Pausenbrot im Umhängetäschla. Im nicht zu kleinen Klassenzimmer ging es eng zu, denn über 30 Kinder wollten was wissen, sollten was lernen. Die an Wandleisten befestigten, anfangs bestaunten Leselernkarten hielten uns den frischen Start und neue Ziele vor Augen. Zum Schönschreiben würden wir später die Feder ins Tintenfass tauchen und auch die Sütterlinschrift erlernen, bis der Geha- oder Pelikan-Patronenfüller den tintenfleckenblauen Fingern ein Ende setzte – und jemand würde Jugendlust- und Rasselbande-Hefte mitbringen.

In der zweiten Klasse erweiterte Frau Tischler unser Wissen, das Schuljahr drauf, in der neuen Nordschule, Herr Marzek. Der Stundenplan dort sah Extra-Singschulstunden vor. In meinem Fall bis Schulleiter Zahn beim Vorsingen von mir den Mund noch mehr verzog als ich die Töne und er mich zu meiner Freude von der weiteren Teilnahme befreite. Als Viertklässler kehrte ich in die Zentralschule, nun mit Oberlehrer Frank vor der Tafel, und zur totalen Zweiteilung zurück: Erdgeschoss und 1. Stock, hinterer Hof katholisch, 2. Stock und Dachgeschoss, vorderer Hof evangelisch.

Die Zentralschule (heute „Ritter-von-Traitteur-Schule“) mit dem damaligen evangelischen Pausenhof links an der Stirnseite. 

25.09.2020 © Stadtarchiv Forchheim


Die katholische Schule begann und schloss den Unterricht fünf Minuten vor uns, damit wir Kinder nicht Schulter an Schulter in die zugewiesenen Stockwerke drängten? Die beiden Schulhöfe berührten sich an einer Engstelle neben der südlichen Giebelseite. An dieser unsichtbaren Demarkationslinie fehlte nur noch das Warnschild „Achtung, Ende des protestantischen Sektors!“ 

Allzu viele Gedanken machte ich mir zu der offiziellen gegenseitigen Ausgrenzung nicht, zu den Prügelstrafen schon: Der Hausmeister schlug Kinder beider Konfessionen, Herr Sokolowski watschte andersgläubige Schüler nur ab, wenn er sie in unserem Pausenhof ertappte.

Frau Huber betreute uns in Stundenvertretung und gleichzeitig ihre eigene Klasse nebenan, wobei sie die Türen beider Klassenzimmer weit offen ließ und im Dunkel des Korridors lauschte. Keinen Mucks wollte sie hören, denn sonst …, wehe dem Schwätzer! Herr van Seil ging entspannter mit uns um: Als er bei Freund Gerd den Stock pfeifen ließ, zog Gerd die Hand weg und der Schlag endete auf dem Oberschenkel des Pädagogen. Der fügte diesem Missgeschick überraschend bloß ein „Setz dich“ an. Bei anderen Lehrern soll sich bei Hand wegziehen die Schlagzahl verdoppelt haben. Mit der Aura eines Lenkers über dem Ganzen und im Habitus eines Gelehrten trat Rektor Staude dem Schulalltag entrückt nur selten in Erscheinung.

Damals auf dem Schulweg von Thomas: Die Kanalbrücke (heute Kreuzung Adenauer-Allee und Bamberger Straße) mit dem Schleusenhaus. 

25.09.2020 © Stadtarchiv Forchheim


Hätte ich damals ein Tagebuch geführt, das Wesentliche würde sich so lesen: „Schule nicht ideal, ganz zufrieden mit meinen Lehrern, weiß, von wem ich nicht unterrichtet werden möchte.“ An Lernstoff-Details aus diesen Jahren kann ich mich kaum erinnern, gerade dass ich Anorak einmal Annarock schrieb, wir zum Muttertag ein paar Blatt Papier in Herzform ausschnitten, bemalten und beschrifteten, anhand eines Pappmodells die Uhr lesen lernten und ein Heft führten, in dem wir die Sonnenaufgangs- und -untergangszeiten festhielten. 

Auf unserem Stockwerk befanden sich auch die Räume der Hilfsschule (damals offizielle Bezeichnung). Dort hatten Schüler das Regnitz- und Wiesenttal nahe um Forchheim herum als Sandkasten-Relief nachgeformt. Oberlehrer Frank, dem die Heimatkunde sehr am Herzen lag, schickte einige gut Benotete von uns hin, um sie mit ihrem Wissen glänzen zu lassen. Einer (ich) verwechselte Pretzfeld mit Pautzfeld, Herr Frank war nicht amüsiert.

Erfreut zeigte er sich an seinem Geburtstag, als ihn die Klasse beschenkte. Nicht alle Kinder gaben. Semsia toppte alle Präsente mit einer Flasche Pitralon — wir hatten auch fröhliche Momente mit unseren Erziehern. Zur Auflockerung des Stundenplans fand ein Sportfest am Jahn-Sportplatz einschließlich Sackhüpfen statt, in der Schule führte uns ein Glasbläser sein Können vor und im Schulhof wurden uns lebende Exemplare aus der tropischen Kleintierwelt präsentiert, Flughunde, Vogelspinnen und andere Exoten. 

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Die Forchheimer Innenstadt, nicht exotisch, damals aber noch weitgehend Terra incognita für mich, öffnete sich mir in kleinen Schritten. Mein Schulweg führte entlang der Bamberger-Straße über die Brücke zwischen Schleuse und Hafen vom alten Kanal und am Capitol-Kino vorbei. Gegenüber vom Park-Café öffneten Herr und Frau Wiemann ihren sehr kompakten Schreibwarenladen schon vor acht Uhr, man konnte sich noch schnell ein Heft, einen Stift und Wunderkugeln (die änderten ihre Farbe beim Lutschen, sehr sinnvoll) kaufen. Als Heimweg bot sich zur Abwechslung die Route über den alten Kanal beim Friedhof an. Gelegentlich lauerten einige Kinder, die mit dem Fünf-Minuten-Vorsprung, evangelischen Nachzüglern auf.

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An Prügeleien in unserer Klasse habe ich keine Erinnerungen, an Demütigungen, heute unter Mobbing eingeordnet, schon. Das Spottgedicht eines Lehrers (nicht unserer Klasse) kommt mir in den Sinn: „Kann nix Polnisch, kann nix Daitsch, kummt der Mudda mit das Peitsch, kummt die Vadder …“ Wer damit gemeint war, Kinder wissen so etwas oder finden es heraus, können extra liebreizend sein, wenn sie Schwächen erkennen und Außenseiter wittern. Besonders wenn ein Pädagoge schon mal die Richtung vorgibt. 

Es existieren viele Formen von Herabsetzung: Eine Mutter erzählte mir viele Jahre später, wie ein Oberlehrer darauf bestand, dass Arbeiterkinder nicht aufs Gymnasium gehörten. Ein anderer Erzieher forderte sie auf, gebührlichen Abstand zu halten, er sei schließlich Akademiker. Aus unserer vierten Klasse wechselten von etwa 30 Kindern zwei ins Gymnasium. 

Meine Zeit an der Zentralschule endete im sonnigen und sehr warmen Juli 1963. Während der Sommerferien begleiteten mich die vorauseilenden Kommentare der Erwachsenenwelt nun in Richtung „Da musst du dich aber anstrengen, an der Oberschule!“ Tat ich nicht richtig, eine Klasse habe ich wiederholt.

Thomas Walther

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