Sonntag, 12.07.2020

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Expertin: Wie Firmen die Corona-Krise überstehen können

Wer "Spitz auf Kante" genäht hat, wird es schwer haben, zu überleben - 06.05.2020 09:01 Uhr

Frau Ebert, wie viele Unternehmen im Landkreis Forchheim werden diese Krise nicht überstehen?

Ebert: Das ist schwierig zu beantworten. Da es so eine Situation noch nie gegeben hat. Es gibt seit Wochen für viele Betriebe einen totalen Nachfrage- und Angebotsstopp. Es wird drauf ankommen, wie die Unternehmen wirtschaftlich und strategisch aufgestellt sind. Ist das Unternehmenskonzept zu kurzfristig angelegt, auch finanziell, dann wird es schwierig. Dazu kommt natürlich, wie lange dieser Shut Down noch dauern wird. Jene Unternehmen, die vorher schon "Spitz auf Kante" genäht wurden, werden es aus meiner Sicht nicht überleben.

Melanie Ebert (42) aus Willersdorf hat an der IHK Bamberg den Abschluss Bachelor of business administration and operation gemacht, arbeitet als Businesscoach und ist ehrenamtliche Vorsitzende des Unternehmernetzwerkes BDS (Bund der Selbständigen Bayern). © Melanie Ebert


Welche Branchen trifft es besonders hart?

Ebert: Ganz klar die Gastronomie und Hotels, die Reisebranche und alles, was mit Kultur zu tun hat. Die können ja jetzt nichts anderes machen, um Geld zu verdienen. Andere Betriebe können sich neue Strategien und andere Geschäftsmodelle überlegen. Und manche Unternehmen werden durch dieses erzwungene Umdenken vielleicht sogar gestärkt aus der Krise gehen.


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Wie wird sich durch die Krise die Unternehmenskultur ändern?

Ebert: Das Thema Unternehmenskultur und ,New Work‘ wird wohl einen neuen Stellenwert erhalten und das ist auch dringend nötig. Die Bedeutung der emotionalen Intelligenz wird in Zeiten der Digitalisierung noch essenzieller werden. Hier liegt Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in der Statistik relativ weit hinten. Es braucht gerade in Krisenzeiten nicht nur Führungskräfte, wie sie in den meisten Betrieben anzutreffen sind, sondern echte Führungspersönlichkeiten und vor allem Menschlichkeit. Mitarbeiterführung ist Dienstleistung und das ist vor allem im fränkischen Mittelstand aus meinen Erfahrungen noch nicht richtig angekommen. Bei meinen Befragungen in Betrieben zeigt sich das deutlich. Die Mitarbeiter wünschen sich mehr Wertschätzung und vor allem Kommunikation sowie Führung auf Augenhöhe. Die Mitarbeiter sind doch das wichtigste Gut, sie werden aber bei Entscheidungen meist nicht eingebunden. Wahrscheinlich auch jetzt in der Krise nicht. Mitarbeiter haben oft bessere Ideen als ihre Chefs. Warum werden Sie nicht gefragt? Warum gibt es keine gemeinsamen Brainstormings?

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Sind die Unternehmen in der Region technisch gerüstet für die Krise?

Ebert: In vielen Betrieben wird sich die fehlende Digitalisierung rächen. Mitarbeiter wurden ins Home-Office geschickt, obwohl die Voraussetzungen für ein papierloses Büro und für mobile Arbeitsplätze gar nicht geschaffen wurden. Manche sitzen zu Hause, haben zwar einen Laptop erhalten, es fehlen aber teilweise die Zugriffe auf die Firmen-Netzwerke und auf Unterlagen, die noch in Papierform im Betrieb vorhanden sind. Das Thema Datensicherheit ist ein großes Problem. Jetzt verlieren die Unternehmen, die sich aus mangelndem Vertrauen in ihre Mitarbeiter sowie aus Kostengründen sich nicht mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt haben. Mitarbeiter sind aber oft mit dieser Schwachstelle überfordert, da die Rahmenbedingungen nicht vorhanden sind und es jetzt ganz andere Kompetenzen braucht wie Selbstorganisation, Disziplin und Routinen für das Arbeiten im Home-Office. Ganz besondere Hürden haben Eltern zu bewältigen, die zu ihrer Arbeit auch noch die Kinderbetreuung stemmen müssen. Ihnen gilt mein größter Respekt.

Könnte die aktuelle Lage auch eine Chance für Unternehmen sein?

Ebert: Ja, denn einige werden unter dem enormen Druck stärker und erfinden sich neu. Die aktuellen Herausforderungen und die Digitalisierung bieten beste Chancen, die Geschäftsmodelle, Prozesse, Meetingkultur, Home-Office und den Vertrieb neu zu überdenken. Es stellt sich zum Beispiel die Frage, machen die vielen Geschäftsreisen noch Sinn oder kann das über Online-Tools schneller und effizienter gestalten werden? Das kommt auch dem Umweltschutz zugute und dadurch werden Zeit und Kosten gespart.

Was muss sich im Landkreis Forchheim ändern, damit die Unternehmen die Krise überwinden?

Ebert: Es muss ein Umdenken einsetzen. Gerade im ländlichen Bereich gibt es ja durch die Digitalisierung neue Möglichkeiten. Nehmen Sie einmal meinen Wohnort Willersdorf. Hier steht der alte Kindergarten schon lange leer. Warum siedelt die Gemeinde hier nicht junge Unternehmen an, die dann andere Unternehmen unterstützen? Das Haus würde belebt, Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten – und gleichzeitig sorgt die Gemeinde so dafür, dass die Leute im Dorf wohnen bleiben. Durch die Digitalisierung ist es egal, ob ich in Berlin, Hongkong oder in Willersdorf arbeite. Das einzige, was ich brauche ist eine gute Internetverbindung und Ideen.

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Wie können Mitarbeiter dazu beitragen, dass ihre Firma die Krise übersteht?

Ebert: Als Mitarbeiter kann ich hoffen, dass mein Unternehmen gut aufgestellt ist. Einen Beitrag kann man leisten, in dem man Ideen einbringt, eine gute Unternehmenskultur pflegt, offen ist für Neuerungen und digitale Chancen. Außerdem sollte man eine positive Einstellung behalten oder trainieren, anstatt in Angst und Zweifel zu verfallen.

Und wie sollte man privat mit dieser außergewöhnlichen Situation umgehen?

Ebert: Gut ist es, die Zeit für sich selbst zu nutzen, eigene Bedürfnisse zu hinterfragen und seine mentale Stärke weiter ausbauen. Ideal ist es, sich weiter fortzubilden und Strategien für das eigene Wohlbefinden zu erlernen. Gerade in dieser Zeit sind Familie und Freunde ein wichtiger Anker, der bewusst gepflegt werden sollte. Dies kann derzeit zumindest online gut etabliert werden. Das Thema Selbstreflexion wird essenzieller werden und sich Fragen zu stellen, wie "Was brauche ich wirklich im Leben, um glücklich zu sein?" Der Fokus der Menschen wird sich nach der Krise verändern, in dem die materiellen Dinge wie ,mein Haus, mein Auto, mein Boot‘ an Wert verlieren und die Menschen sich mit den "wirklich wichtigen", also den zwischenmenschlichen Themen beschäftigen.

Redaktion:Forchheim..Fotograf:Athina Tsimplostefanaki..Motiv: Siemens Logistik Gebäude. Ort: An der Lände in Forchheim..Datum:24.10.2018 © Athina Tsimplostefanaki


Die Anzahl der Corona-Infizierten in der Region finden Sie hier täglich aktualisiert. Die weltweiten Fallzahlen können Sie an dieser Stelle abrufen.


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