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Filmemacher aus Weilersbach in Südkorea ausgezeichnet

In der Welt des Films Fuß gefasst: Martin Kießling (34) berichtet von seinem Werdegang - 15.08.2020 13:57 Uhr

Martin Kießling (34) lebt als Filmemacher inzwischen in München und hat jüngst mit einem Dokumentarfilm bei einem Filmfestival in Südkorea gewonnen.

© Udo Güldner


Gerade erst hat der Filmemacher Martin Kießling (34) aus München für seinen Dokumentarfilm "Südstadthelden" den Regiepreis bei einem renommierten Kinder- und Jugendfilm-Festival in Seoul gewonnen. Nun will er sich als Freiberufler ganz neuen Projekten widmen. Wir haben mit dem Mann gesprochen, den es aus Weilersbach in die Welt gezogen hat, der seine Wurzeln in Franken jedoch nie vergessen hat.

Seit kurzem ist Kießling Millionär, zumindest in Südkorea: Für den Film "Südstadthelden" gab es drei Millionen Won. Auch wenn das umgerechnet nicht einmal 2500 Euro sind. "Über die Anerkennung habe ich mich sehr gefreut, stecken doch Jahre Arbeit drin." Man könne daran sehen, dass das Thema von Bildung und Chancengleichheit aber ein globales sei. Der Film handelt von fünf Teenagern aus der Nürnberger Südstadt, die in einer Welt zwischen Tanzunterricht und Schulhofschlägerei leben. Sechs Monate lang ist die Kamera dabei, wie Kathi, Giselle, Omar, Alida und Nadine an ihrer Mittelschule den Workshop für kreatives Schreiben des Poetry Slammers Lucas Fassnacht besuchen.

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Das Ziel: Sie sollen auftreten, mit eigenen Texten, vor großem Publikum. Sie sollen ihre Welt zeigen – sie sind die Experten. Langsam entdecken sie ihre Faszination für die eigene Kreativität und überraschen mit persönlichen, unerwarteten Erzählungen. Der Dokumentarfilm lief auf dem International Human Rights Film Festival in Nürnberg und in Seoul. Vor wenigen Wochen gab es gar eine öffentliche Vorführung im E-Werk Erlangen und demnächst wird er im Pop Up-Autokino in München zu sehen sein: "Das Ziel ist ja, dass möglichst viele Leute den Film sehen."

Intimes Porträt

Überhaupt hat der Ferne Osten ihn in den letzten drei Jahren oft beschäftigt. Das hing mit seinem ehemaligen Arbeitgeber zusammen, der Münchner Produktionsfirma NGLOW. Die hatte ihn 2017 nach Südkorea geschickt, um dort zum Atomwaffen-Programm Nordkoreas zu drehen. "Da hatte Diktator Kim gerade seine neueste Rakete gezündet. An der Grenze in Südkorea aber war man ganz entspannt, Einheimische schauten durch Ferngläser nach Nordkorea und aßen dabei Softeis."

V.li.: Martin Kießling, die Protagonisten Katharina Schweikowsky, Lucas Fassnacht und Omar Ezbida mit Produzent David Müller und Kameramann Jürgen Berger.

© David Rasche


Im vergangenen Jahr ging es nach Nippon, um den Zweiteiler "Geheimnisvolles Tokio" zu den Olympischen Spielen 2020 aufzunehmen. "Fünf Wochen lang haben wir ganz unterschiedliche Menschen und ihre Lebenswege begleitet: Zwei extravagante Modeschöpferinnen, ehemalige Mafia-Mitglieder, eine alte Schuhputzerin und einen traditionellen Washi-Papier-Hersteller." Dabei hat er Wert auf Details gelegt und Dinge beleuchtet, die sonst nicht sichtbar sind. Das sei ein ganz intimes Porträt über diese Stadt und ihre Bewohner geworden.

Kameramann, Filmeditor und Regisseur

Martin Kießling könnte man einen Filmemacher nennen. Das klingt altmodisch, weil es das Handwerkliche betont. "Eine Geschichte zu erzählen, das macht nicht jeden Tag Spaß. Es ist total anstrengend und aufreibend. Am Ende des Tages ist es aber wichtig und macht mir unglaublichen Spaß." Es klingt aber auch sehr modern, kann er doch als Kameramann, Filmeditor und Regisseur viele Bereiche abdecken. "Die Budgets sind oft wahnsinnig eng. Da ist man im Vorteil, wenn man mehr anbieten kann."

In den 15 Jahren nach der Ausbildung zum Mediengestalter und dem Design-Studium mit Schwerpunkt Film an der Technischen Hochschule Nürnberg hat er sich seine inzwischen unverwechselbare Handschrift durch viele Filme selbst erarbeitet. "Man lernt am besten, wenn man ins kalte Wasser springt." Dabei hat er auch keine Berührungsängste mit Werbefilmen: "Das sind absolut wirkungsvolle Formen, die großes Können erfordern." Für Borussia Mönchengladbach etwa hat er einen Image-Film erstellt, für Club Mate ein Werbevideo, und Cordula Wirkners Musik in Bilder umgesetzt.

Erste Drehs in Forchheim

Seine ersten Bilder hat Kießling in Forchheim aufgenommen. Als Kulisse dienten 2006 das damalige Jugendzentrum "Mosom", der Bahnhof, die Stadtmauer und eine Wohnung in der Apothekenstraße. Sein erster filmischer Gehversuch "Am seidenen Faden" zum Thema Selbstmord ist allerdings nirgends veröffentlicht. Das soll so bleiben: "Für mich als Perfektionisten ist dieses Frühwerk wahnsinnig schwer anzugucken." Noch ein weiteres Projekt liegt als cineastische Leiche im Keller: "Pandoras´s Box". Der Langfilm, der unter anderem am Büssingbus auf dem Weberei-Gelände gedreht wurde, ist nie fertig geworden. "Da hatte ich mir wohl zu viel zugemutet."

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Dass er Filmemacher werden würde, war anfangs nicht klar. Das Ziel Sportökonom zerschlug sich aber ziemlich schnell. Die künstlerische Ader war zu stark. Es begann mit den Eltern in Weilersbach, die ihm als Kind eine Fotokamera schenkten und ihn ins Kinderkunstatelier von Milada Weber schickten. Es folgte der Englischlehrer Bernd Pilipp mit seiner Theater-Gruppe am Ehrenbürg-Gymnasium Forchheim. Und nicht zu vergessen die HipHop-Band "I-Punkt". Die Rapper hatten Auftritte im Kolpingshaus Forchheim, bei der AnnAnAcht und im Freibad Egloffstein. "Das Kreative hat mich ein Leben lang begleitet."

Jetzt befindet sich Martin Kießling, der sich selbst als erster Zuschauer eines Geschehens versteht, in einer Phase der Neuorientierung. Als Freiberufler kommen die Projekte wie die ZDF-Reportagereihe "37 Grad", die "Story im Ersten" oder ARTE-Dokumentationen nicht mehr zu ihm. Er muss sich die Ideen nun selbst suchen. "Ich bin viel unterwegs und schnappe Geschichten auf." Wobei er bei einem Freund in Argentinien bereits fündig geworden zu sein scheint. Dort hat ihn das Leben der Gauchos in den Bann gezogen. Etwas ähnliches kann er sich auch in der Fränkischen Schweiz vorstellen: "Es gibt hier so viele interessante Lebenswege, Geschichten rund um altes Handwerk und unentdeckte Orte."

"Menschen eine Stimme geben"

Ein Trailer zum Film "Südstadthelden" ist unter www.martinkiessling.de abrufbar. Martin Kießling schreibt selbst zu seinem Film über fünf Jugendliche aus der Nürnberger Südstadt: "Mal gucken, was da geht..." In einem Deutschland, in dem der öffentliche Diskurs geprägt ist von der Frage, wer oder was "Deutsch" ist, treffen sich fünf Teenager, deren Eltern aus sieben Nationen stammen, um in der einen Sprache von sich zu erzählen, die sie verbindet: Deutsch. Aus ihrem Leben, von Träumen, Herkunft und Identität.

Als Hauptschüler auf dem Abstellgleis eines Schulsystems, das Kinder mehr in einen leistungsorientierten Gleichschritt zwingt, als die Lust am Entdecken, freien Gestalten oder die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit zu fördern. Ein weißes Blatt Papier wird zu einer kaum überwindbaren Hürde. Mit dem Dokumentarfilm "Südstadthelden" möchte ich Menschen eine Stimme geben, die eigentlich keine haben. Der Frage nachgehen, was möglich ist, wenn die gelernten Normen und Regeln behutsam und vertrauensvoll aufgebrochen werden. Wenn ein Kind sich wieder trauen kann, etwas Neues und Fremdes auszuprobieren. Spielerisch, instinktiv und vor allem: Mit Freude.

Kießlings weiteres Werk, die zweiteilige Dokumentation "Geheimnisvolles Tokio", ist online noch ein ganzes Jahr in der ARD-Mediathek zu sehen.

UDO GÜLDNER ug

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