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Forchheim: "Das sind alarmierende Zahlen"

Allein 2019 sind im Dekanat Forchheim fast 900 Katholiken aus der Kirche ausgetreten - 07.07.2020 08:00 Uhr

Eine Frau betet im Dom zu Bamberg. Ein Bild, das die Kirchenflucht zu dokumentieren scheint. Im katholischen Seelsorgebereich Forchheim stieg die Zahl der Kirchenaustritte letztes Jahr an wie nie zuvor.

© Foto: Jens Schulze/epd


"Das sind alarmierende Zahlen." Der Schrecken ist Regionaldekan Martin Emge am Telefon deutlich anzuhören. Fast 900 Katholiken haben ihrer Kirche im Dekanat Forchheim den Rücken gekehrt. Allein im letzten Jahr. "So viele waren es noch nie." Dagegen fallen die wenigen Neu- und Wiederaufnahmen kaum ins Gewicht.

Wobei das Dekanat nicht nur den Landkreis Forchheim umfasst, sondern auch in die angrenzenden Landkreise Erlangen-Höchstadt, Bamberg und Bayreuth ausgreift. Es habe zwar immer wieder Austrittswellen bei Finanzskandalen, Ärger über den Papst oder Missbrauchsvorwürfen gegeben, an solche Dimensionen aber kann Emge sich nicht erinnern. "Jeder einzelne Gläubige, der uns verlässt, tut mir weh." Auch in seiner Heimatgemeinde St. Martin verlassen die Schäfchen ihren Hirten.

 

Was sind die Gründe?

 

Über die Gründe kann Emge nur spekulieren. Ganz sicher spielten auch materielle Motive wie die Ersparnis der Kirchensteuer eine Rolle. "Wenn sich ein junges Paar eine Existenz aufbaut oder jemand eine Firma gründet, muss er auf jeden Euro schauen." Möglicherweise hängt es auch mit der Strukturreform zusammen, die im besagten Jahr 2019 zu ihrem Ende gekommen war. Kurz gesagt hat das Erzbistum Bamberg damit auf den Rückgang der Gläubigen, mehr noch aber auf den gravierenden Personalmangel bei Priestern sowie Gemeinde- und Pastoralreferenten reagiert.

Erstere dürfen nicht heiraten, letztere schon, beide brauchen ein theologisches Studium. Gerade diese Fachkräfte fehlen, nicht nur in Forchheim und Umgebung. "Am Ende der notwendigen Umgestaltung steht das Ergebnis: größere Seelsorgeeinheiten." Das habe wohl den einen oder die andere enttäuscht: "Dadurch wird Kirche als weiter weg empfunden. In einigen Bereichen gibt es nun keinen Pfarrer mehr vor Ort."

Um den Trend zu verlangsamen, ihn zu stoppen, möglicherweise sogar umzukehren, geht der Blick Emges weit zurück. Bis ins Urchristentum, das im Römischen Reich mit den Hauskirchen anwuchs, in denen private Herrenmähler gefeiert wurden. Schließlich gab es noch keine Kapellen oder Kirchen, dafür aber staatliche Verfolgung. Dazu gehört auch der Dialog der Amtsträger mit der Basis und mit den kritischen Stimmen innerhalb der Katholiken. Zum anderen möchte Emge die Missionierung wiederbeleben. Nur dass sie jetzt Evangelisierung heißt.

"Wir haben kein Traditionschristentum mehr, in das man automatisch hineingeboren wird und dann auch bleibt, sondern ein Entscheidungschristentum." Man müsse aus dem Gotteshaus hinaus und auf die Leute zugehen. Erste Schritte sind schon getan: Open-Air-Gottesdienste auf dem Ottilienplatz oder dem DJK-Sportplatz in Kersbach. "Die Kirche muss ihre spirituellen, sozialen und karitativen Angebote für alle Menschen deutlicher machen," so Erzbischof Ludwig Schick in einer Pressemitteilung.

 

Klares Stadt-Land-Gefälle

 

Emges evangelischer Kollege Günther Werner sieht in seinem Bereich ein klares Stadt-Land-Gefälle. "Je ländlicher der Raum ist, desto weniger Kirchenaustritte sind zu verzeichnen." Das sieht man an den rund 120 Protestanten in Forchheim, die sich abgekehrt haben, und an den "Heiligen Ländern" wie Streitberg, Muggendorf, Aufseß oder Kirchahorn, die als Festungen des Glaubens gelten dürfen. Die Austritte erklärt er mit Übertritten zum Katholizismus, um heiraten zu können und mit der Hinwendung "zu christlichen Sekten, die in der Fränkischen Schweiz ihr Unwesen treiben". Es sei die Aufgabe der Evangelisch-Lutherischen Kirche, die jüngere Generation aktiv davon zu überzeugen, dass der christliche Glaube eine gute und stärkende Lebensgrundlage sei, so Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in einer Presseaussendung vom 26. Juni.

Sorgen macht sich Werner eher langfristig. Denn bis 2050 könnte durch eine Fortschreibung der Entwicklung die Zahl der Gemeindeglieder um die Hälfte schrumpfen. "Kurz- und mittelfristig haben wir genug Substanz." Damit meint der Theologe, der in Muggendorf seinen Amtssitz hat, die aus seiner Sicht ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung. "Wir haben derzeit einige Leute mehr als wir Pfarrstellen haben. Wenn jemand wie ich, ich bin ja Jahrgang 1957, in den Ruhestand geht, dann entsteht keine Lücke."

Erstaunlich ist auch, dass die Zahl der kirchlichen Beerdigungen trotz zunehmender Urnenmitgabe, Seebestattung oder Friedwaldnutzung nicht rückläufig ist. Nur bei den Taufen sieht es, auch auf Grund der zuletzt gestiegenen Geburtenrate, etwas freundlicher aus. Werner: "Das macht mir Hoffnung."

UDO GÜLDNER

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