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Forchheim: Junge Asylbewerber ohne Ausbildung

Netzwerk Asyl und Wirtschaftsverbände auf Lösungssuche - 20.05.2019 12:00 Uhr

„Sie wollen eine Ausbildung machen und arbeiten. Sie können deutsch und haben die Schule abgeschlossen. Warum bekommen sie keine Chance?“ Als der Dackdecker-Lehrling Reza Jafare aus Kirchehrenbach für seine vielen Freunde im Raum das Wort ergreift, schlägt ihm bleiernes Schweigen entgegen. Es ist ein symptomatischer Moment an diesem Abend, der eigentlich Lösungen aufzeigen sollte. © Foto: Udo Güldner


Fast zwei Stunden dauert es, bis die Betroffenen selbst erstmals zu Wort kommen. Bis regionale Unternehmer und hier gestrandete Flüchtlinge ihre oft unerträglichen Erfahrungen schildern dürfen. Bis dahin haben Politiker im Konferenzsaal der Sparkasse die Großwetterlage, und Juristen allerlei Spitzfindigkeiten vorgetragen. Von einem Dialog zu "Fachkräftemangel? Ressourcen nutzen!", den das Netzwerk Asyl und etliche Wirtschaftsverbände anstoßen wollten, ist da nichts zu vernehmen, obwohl sich NN-Redakteur Patrick Schroll als Moderator alle Mühe gibt.

"Viele von meinen Freunden warten seit ein, zwei, drei Jahren darauf, dass sie eine Chance bekommen. Sie wollen kein Geld von der Regierung von Deutschland, damit sie zu Hause bleiben und schlafen. Sie wollen eine Ausbildung machen und arbeiten. Sie können deutsch und haben die Schule abgeschlossen. Warum bekommen sie keine Chance?" Als der Dackdecker-Lehrling Reza Jafare aus Kirchehrenbach für seine vielen Freunde im Raum, die geduldig gewartet haben, das Wort ergreift, schlägt ihm bleiernes Schweigen entgegen. Weder Hans-Peter Ströbel von der Zentralen Ausländerbehörde der Regierung von Oberfranken in Bayreuth, noch der Landtagsvizepräsident Alexander Hold, immerhin im Ausschuss für Integration, können oder wollen ihm antworten. Es ist ein symptomatischer Moment an diesem Abend.

Rezas Freunde kommen aus Afghanistan, Iran, Eritrea oder Sudan. Sie haben bereits auf dem Bau gearbeitet, sprechen bis zu fünf Sprachen und kennen viele Handwerksbetriebe durch Praktika. Sie möchten Fahrzeuglackierer, Industriemechaniker oder Friseur werden. Und dennoch sind Ali Alkheder, Abdibari Deek Mohammed oder Brhane Gebru-Gebremichal noch immer auf der Suche. Das liegt nicht etwa an der Sprachbarriere, denn mit den jungen Leuten, die sich aus einer Gemeinschaftsunterkunft kennen, kann man sich problemlos unterhalten. Auch nicht an der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Es liegt an fehlenden Genehmigungen und an der Unsicherheit, ob der Azubi nicht noch kurz vor der Gesellenprüfung abgeschoben wird.

Dieses organisatorische und finanzielle Risiko möchten viele Handwerker oder kleine Selbstständige nicht eingehen. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Branche die Betriebe tätig oder wie groß sie sind. Überall hat man mit dem "ewigen Hin und Her" bei der Identitätsfeststellung, den überlangen Bearbeitungszeiten und dem mangelnden Pragmatismus zu kämpfen. Dabei bräuchte man jede helfende Hand.

Behörden versagen Ausbildung

So wie der Kfz-Mechanikermeister Oliver Markeli. Der Unternehmer aus Nürnberg hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um seinen Auszubildenden Fahim Rasooli zu gewinnen – und zu behalten. Weil er wie viele andere in der Region auf engagierten Nachwuchs angewiesen ist. Zuerst wurde dem Afghanen eine Einstiegsqualifizierung genehmigt, dann aber von den Behörden die anschließende Ausbildung versagt. Von einer Vielzahl an Hindernissen spricht Markeli. Sogar die Gerichts- und Anwaltskosten für seinen Azubi hat er getragen. Vor dem Verwaltungsgericht Ansbach habe man die Sprachkenntnisse seines afghanischen Schützlings gelobt. Die Zentrale Ausländerbehörde Mittelfrankens hingegen habe diese bemängelt. Warum man das für die Betriebe nicht einfacher gestalte, könne er nicht verstehen. Es ist nicht die einzige frustrierte Wortmeldung, die dem Beifall nach den Anwesenden aus dem Herzen spricht.

Da ist auch noch Robert Schmitt. Er hat sich in Gundelsheim eine mittelständische Firma aufgebaut und sich daran gewagt, einem jungen Menschen eine Berufsperspektive zu eröffnen. Dreieinhalb Jahre dauert die sehr anspruchsvolle Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme. Nur wäre sein Lehrling beinahe gar nicht zum Zug gekommen. Denn erst nach einer erneuten Einzelfallprüfung und zwei Jahren Rechtsstreits durfte Ahmad anfangen. Allerdings müsse der Jugendliche nun alle vier Wochen nach Bayreuth, um dort seine Aufenthaltsgenehmigung abzuholen – persönlich. Weil er mit Bus und Bahn einen Tag Urlaub nehmen müsste, chauffiert sein Chef ihn selbst dorthin.

Selbst der sonst so zurückhaltenden Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Gudrun Brendel-Fischer, fällt da nur das Wort "Schikane" ein. Schmitt hingegen ist überzeugt: Es sei die richtige Entscheidung gewesen und für alle Seiten ein Gewinn.

Hotelier Georg Leisgang aus Schlüsselfeld findet deutliche Worte. Der Unternehmer, der rund 30 Leute beschäftigt, darunter Bulgaren und Ungarn, würde gerne einen Koch ausbilden, hat aber mit der Bürokratie zu kämpfen. Nicht mit der nordafrikanischen, sondern mit der deutschen. Er habe einen Marokkaner an der Hand, der gerne legal mit einem Visum einreisen möchte. Doch in der deutschen Botschaft in Rabat warte man seit fast sechs Monaten auf einen Termin. Er habe den Eindruck, die Politik wolle einfach nicht, dabei sei der junge Mann hochmotiviert. Und dann wundere man sich, warum die Leute illegal ins Land kämen? 

UDO GÜLDNER

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