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Forchheim-Nord: Wenn Rosalinde den kleinen Thomas mit Eistörtchen lockte...

Serie: Thomas Walther blickt zurück auf seine Kindheit und Jugend in Forchheim-Nord. - 30.08.2020 08:00 Uhr

Verkäuferin Rosalinde (li.) mit Herrn Geppert, Frau Hertl und Frau Schade bei Lebensmittel Heilmann, in den 1960er Jahren.

28.08.2020 © Foto: privat


Was sehe ich, wenn ich an meine ersten Einkaufserlebnisse zurückdenke? Die Hand, die sich über die Ladentheke senkt und mir einen Bonbon, einen Lutscher oder eine Gelbwurstscheibe anbietet. Als Belohnung, nur fürs Dabeisein. Einkaufen mit Mutter hatte was.

Nebenbei lernte ich Forchheim-Nord kennen. In dem Mitte der 50er Jahre noch ziemlich neuen Wohnviertel formte sich am und neben dem Joseph-Otto-Platz ein kleines Konsum- und Dienstleistungseck. Dorthin begleitete ich Mutter, wenn sie etwas vom Lebensmittel-Bauernschmitt, Wollladen-Ulber oder Metzger Schatz benötigte. Dort suchten wir Dr. Staudigl und die Marien-Apotheke auf, und von dort lief ich mit einem feschen Schnitt vom Friseur Schmitt wieder nachhause, in die Paul-Keller-Straße.

Erste Adresse

Im Stadtmuseum kann der Lebensmitteleinkauf in den 50er und beginnenden 60er Jahren nachempfunden werden. Kinder hatten die Torte direkt vor der Nase.

28.08.2020 © Foto: Pfalzmuseum Forchheim


Als der Lebensmittel-Wünsche seinen Laden mit eigener Milchtheke gleich gegenüber von uns eröffnete, stieg er sofort zur ersten Adresse auf. Von den übrigen Geschäften im Viertel erinnere ich mich an zwei weitere Metzgereien, ein Milchgeschäft, vier Bäckereien und, für ein noch breiteres Lebensmittelangebot, den Gautsch und zwei Läden nach Tante-Emma-Art. Zudem hatte Forchheim-Nord sein eigenes Postamt. Wir waren nicht unterversorgt!

Ich mochte die strahlend weiß gekachelten, immer tipptopp reinlich sauberen Milchverkaufsräume, die rochen ein wenig speziell — ich fand: angenehm säuerlich. Dort bekam man auch Butter und Käse zu kaufen, die Frischmilch wurde gepumpt, Buttermilch und offene Sahne geschöpft.

Irgendwann schickte mich Mutter alleine mit Geld, Einkaufsnetz oder Milchkanne in die gewohnten Läden los. Für das, was wir täglich brauchten, war ich beinahe jeden Tag unterwegs, weil ich nicht zu viel schleppen konnte, unser Kühlschrank klein und der Gang zu den Läden nie wirklich weit war.

Vom Y-Haus zum SB-Lebensmittel-Heilmann. Die “Tradition” des kurzen Wegs zum Einkaufen wurde auch in den 60er Jahren beibehalten. Thomas wohnte in dem in der Mitte gezeigten Y-Haus.

28.08.2020 © Foto: Stadtarchiv Forchheim


Ob kurzer oder etwas längerer Weg, am Ziel musste ich mir Zeit nehmen. Es wurde über die Theke verkauft und jeder Artikel einzeln aus dem Regal genommen. Unverpackte Ware aus Glasschütten oder Schubkästen musste in Papiertüten abgefüllt und abgewogen werden. Plastiktüten? Unbekannt! 40 qm Ladenfläche schienen geräumig. Alle im Laden bekamen mit, was alle einkauften. Tratsch an der Theke belebte das Geschäft: Wie oft habe ich damals "Margarine ist doch viel gesünder als Butter!" gehört? Auch wenn Chef und Chefin und dazu nicht bloß zwei Verkäuferinnen bedienten, konnte es dauern, bis ich dran war.

Man kannte mich, es ging familiär zu, Routine stellte sich ein. Nach dem "Und was bekommt der Thomas heute?" gab ich den Einkaufszettel ab oder leierte mein "Ein Pfund Nudeln, eine Dose Ata, ein Päckchen …" runter. Beim Bäcker und Metzger hatte ich die Auswahl in der Glasvitrine direkt vor der Nase.

Willkommene Ergänzung beim Einkauf im Viertel: Die neue Ladenzeile in der Gerhart-Hauptmann-Straße beherbergte ein Schuhgeschäft, einen Textilladen, eine Drogerie und die Sparkassenfiliale Nord.

28.08.2020 © Foto: Stadtarchiv Forchheim


Ich besorgte für uns die Esswaren, Wasch- und Putzmittel und war für das Sammeln und Einkleben der Rabattmarken zuständig. Das Einlösen war ein besonderer Moment, für ein volles Rabattmarkenheft gab es 1,50 DM in bar und die Hoffnung, dass ich mir etwas kaufen durfte. Der Wünsche (nomen est omen) hatte mitunter verlockende Limonaden im Schaufenster, in den allergrellsten Bonbonfarben, Zitrone, Waldmeister und was sehr Rotes. Mutter sagte nein und mixte mir Himbeersirup ins Glas Leitungswasser. Was habe ich mir für einen Groschen gekauft? Frigeo Brause, schäumte und war gut angelegtes Geld, auch als Tauschobjekt gegen Wundertütenkram und Sammelbilder. Im Winter schlief dieser Straßenhandel meist ein.

Heimatfilm-Romantik

Wenn mich Mutter auf den Schlitten setzte und mir dazu drei oder vier Laibe Rohteig auf den Leib packte, kam Schnee- und Heimatfilm-Romantik auf. Sie zog die ganze Ladung zum Landsmann fürs Backen: Dresdener Christstollen aus Forchheim. Stets gemeinsam brachten wir sauber gewaschenes Verknittertes im Korb in die Kant-Straße, zu einem rumpelnden Monstrum von Wäschemangel im Keller vom Schneider Sappa.

Die Gehwege damals als "von Zigarettenautomaten gesäumt" zu beschreiben, wäre übertrieben, doch gefühlt hing alle 200 Meter einer. Mein vertrautes Wegenetz reichte damals im Süden bis zu den Dichterstraßen. Jenseits von Heine, Goethe und Schiller wagte ich mich ohne Begleitung nur zu einem einzigen "Fernziel", dem roten Blumen-, Obst- und Gemüse-Bungalow von Frau Fuchs am alten Kanal. Ihr Laden war ein wunderbarer Verhau. 1959 wuchs aus der Sandgrube vor unserem Balkon ein neues Wohnhaus einschließlich Ladenzeile mit Schuhhaus und Schuster Kramer, Textil-Winkler, Drogerie Schroll und der Sparkasse. Wir nahmen das erweiterte Angebot gerne und lange Zeit an. Beim Kramer suchte ich mir noch bei meinen ersten Besuchen aus Fernost Schuhe aus, bei der Sparkasse Nord bin ich bis heute Kunde.

Vor den Geschäften sah man kaum abgestellte Fahrräder. Wer im Viertel eines der wenigen Privatautos besaß, kam nie auf den Gedanken, die wenigen Meter zum nächsten Laden zu fahren oder Waren zu befördern. Hier und da parkten Kleintransporter (unvergessen: das Tempo-Dreirad), um in größeren Mengen oder Gewichtiges, Voluminöses anzuliefern.

Bei uns im Keller lagerten Kartoffeln, Winteräpfel, dazu Brennholz und Kohlen, für Küchenherd, Kachel- und Badeofen. Blockeis-Verkäufer und Scherenschleifer fragten um Aufträge nach. Wenn der Mann mit dem lärmenden Sägemobil auftauchte und Feuerholz zerkleinerte, umringte ihn ein enorm interessiertes sehr junges Publikum.

Eistörtchen für 20 Pfennig

Ende 1960 zogen wir noch weiter nördlich und in eines der Y-Häuser. Nicht viel später stellte der Heilmann den ersten und kleinen SB-Laden neben die Wilhelm-Raabe-Straße; ein Konkurrent mehr unter den Lebensmittelhändlern und für die Bäcker und Metzger. Schon bald ein Stammkunde, beschwatzte ich die junge Rosalinde jedes mal, mir für meine 20 Pfennig ein paar Eistörtchen extra in die Tüte zu packen. Sonntags klingelte ich beim Diewel, für ein Eis aus der Kühltruhe in seiner Wohnungsdiele.

Mein Vater betrat ein Geschäft für Esswaren jedes Jahr ein einziges Mal, kurz vor Weihnachten, wenn er in der Stadt beim Früchte-Mirsberger eine Kokosnuss kaufte. Zuhause sorgte das Öffnen der Schale — mit Hammer, Bohrer und Säge — für ein großes Hallo. Frische Kokosmilch brachte die Südsee in die gute Stube. Auch Orangen und Mandarinen galten als exotische Früchte und waren nur im Winter erhältlich. Abwechslung auf dem Speisezettel stand damals nicht an erster Stelle. Wichtig war, dass es gut schmeckte und sättigte. Etwas Anderes oder Besonderes musste man sich leisten können.

Meine Mutter gönnte sich ein wenig Vielfalt beim Stricken, brachte mir bei, was eine Garnbanderole ist, und schickte mich auch zum Wollkauf los. Im kleinen dunklen Verkaufsraum von Frau Ulber stapelten sich Wollknäuel in allen Farbschattierungen bis zur Decke. Mein Einkaufstalent ließ zu wünschen übrig, sobald es nicht glatt lief, wenn die gewünschte Farbe oder Sorte Wolle nachzubestellen, nicht lieferbar oder etwas umzutauschen war. Mutter entschied, dass sie den Wollkauf besser wieder selber in die Hand nahm. Ansonsten blieb ich der lokale Einkäufer Nummer Eins in unserer Familie.

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