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Sonntag, 29.11.2020

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Forchheim: Spielmannszug nimmt Abschied von Jahnhalle

Ein Abend zwischen Wehmut und Wohlklang im langjährigen "Spiel-Zimmer" - 06.10.2019 17:02 Uhr

Erinnerungen an 67 gemeinsame Jahre: Der Spielmannszug sagte musikalisch Adieu zur Jahnhalle.

06.10.2019 © Udo Güldner


Ausgerechnet kein Blasmusiker bekommt den meisten Beifall: Den erst elfjährigen Benjamin Heermann hat nämlich ein Wirbel-Wahn erfasst. Vor sich hat er all die Holzstäbe eines Xylophons, hinter sich das Jugendorchester, die den Solisten auf Tönen tragen, in sich hat er den Ehrgeiz, den verrückten Schlegel-Virtuosen Ralph Heid ganz alt aussehen zu lassen.

Denn Benjamin hat die „Xylomania“. Die aber ist ansteckend. Gerade weil der Schüler immer neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellt. Nach den wenigen Minuten, in denen man kaum seinen Händen folgen kann, bleibt nur der Jubel für den jüngsten Musiker aus Neunkirchen.

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Forchheim: Spielmannszug verabschiedet sich von der Jahnhalle

Ein Abschied mit Pauken und Trompeten: Das Orchester des Spielmannszugs Jahn Forchheim hat ein letztes Mal ganz groß in der Jahnhalle aufgespielt. Mit dem Jugendorchester der Jugend- und Trachtenkapelle Neunkirchen und mehr als 400 Zuhörern wurde es ein wuchtiger und wohlklingender Abend.


Mit der Jahnhalle verbindet fast jeder der anwesenden Musiker eigene Erinnerungen. Die einen denken an den Probenraum unter dem Dach, der schmerzhaft vermisst wird, seitdem dort eine Hausmeisterwohnung Einzug hielt. Die anderen blicken auf fünf internationale Folklore-Festivals zurück, die Gäste aus ganz Europa anlockten.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Nachwuchs aus Neunkirchen zum Auszug aus der alten Heimat vorbeikommt. Beiden Klangkörpern zeigt Josef Maderer seinen Musikern, was der Takt geschlagen hat, in beiden Fällen gibt Luisa Zametzer den Ton an. Einmal am Saxofon, wo sie „The Cream of Clapton“ nachschmeckt. Dann wieder am Mikrofon, wo sie als „Modern Girl“ singt – als ob Meat Loaf die Ballade nur für sie geschrieben hätte. Später wird Katharina Hölzl als „Queen“ mit ihrem geschwungenen Holzblasinstrument noch im Mittelpunkt stehen. An ihrer Seite die Flötistinnen Birgit Frank und Celina Schuberth.

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Mit dem geplanten Umzug und dem Geländeverkauf der SpVgg Jahn ist ihr Schicksal besiegelt. Die Forchheimer Jahn-Kulturhalle wurde zwischen 1924 und 1926 gebaut. Tag für Tag arbeiteten an die 100 Mitglieder ehrenamtlich auf der Baustelle mit. Bereits in den ersten Jahren wurde sie nicht nur als reine Turnhalle genutzt, sondern auch als Veranstaltungsort. Wir blicken in Bildern zurück.


Dann macht die Jugend- und Trachtenkapelle mit einem Santiano-Medley fette melodische Beute. Die piratöse Mischung aus alten Seemannsliedern, Folk, Schlager und Rock bringen die Ex-Kapitäne Heinrich Eiermann (1959-66), Norbert Kramperth (1966-67), Raimund Schuh (1969-1987), Eduard Schuberth (1987-1992) und Wolfgang Dötzer (1992-2000) noch einmal an Deck.

Es ist, als ob die früheren Stabführer, wie die Dirigenten beim Spielmannszug genannt werden, am liebsten selbst noch einmal ans Ruder wollten. Insgesamt sechs Zugaben sind nötig, um die Besatzung der Jahnhalle zu besänftigen, die einem Blasmusik-Schatz nach dem nächsten auf der Spur ist. Mit Peter Leitners „My Dream“ kommt Andreas Müllers große Stunde: Sein Flügelhorn gleitet mit solcher Sanftheit durch die Partitur, dass nicht wenige gebannt lauschen und glatt zu klatschen vergessen.

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Das furiose Finale mit Knall-Effekt bietet der Spielmannszug, der eigentlich den Radetzky-Marsch spielen soll. Doch dann entwickelt sich ein Zweikampf mit Ralf Schuberth, dem Mann am Pult, der sich erst in Ägypten wiederfindet, wo man Aida mit Schläuchen und Trichtern den Marsch bläst. Danach trabt der Jäger aus Kurpfalz durch den Saal, und irgend so ein Torero sucht ausgerechnet auf der Bühne nach seiner Carmen. Wem das noch nicht spanisch genug vorkommt, der trifft erst ein blutjunges Hochzeitspaar in Mendelssohn-Laune und dann den Hammer aus der Amboss-Polka.

Am Ende klatschen sogar die Tiroler Holzhackerbuam, bis es selbst die anwesenden ehemaligen Abteilungsleiter Josef Siebenhaar (1994-99), Marco Roth (1999-08) und Jörg Rödel (2013-18) nicht mehr auf den Sitzen hält.

Ein gemeinsamer Auftritt beider Orchester auf und vor der Bühne ist das Letzte, was in Erinnerung bleiben wird. Der langanhaltende, donnernde Applaus hat nun schon einmal die Fugen im Mauerwerk gelockert. Nun haben die Abrissbagger leichtes Spiel. Der Spielmannszug träumt derweil von neuen, lichten Proberäumen, um die vielen Provisorien in Gasthäusern und Schulaulen nach 23 Jahren endlich hinter sich lassen zu können. Die derzeitigen Chefs Dominik Trautner und Günther Meier sehen schon eine neue Zeit heraufdämmern. Ein größeres Angebot will man im Norden der Stadt machen und hat auch schon die Gründung eines Fördervereins ins Auge gefasst.

Udo Güldner

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