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Forchheim: Wer war eigentlich Karl Bröger?

Forchheim widmete ihm einst eine Straße - 26.05.2020 16:00 Uhr

Die Karl-Bröger-Straße im Forchheimer Norden liegt unmittelbar angrenzend an die Schokoladenfabrik Piasten. Der Arbeiterdichter war wahrscheinlich nie in Forchheim, aber durchaus in der Fränkischen Schweiz. © Foto: Udo Güldner


Doch wer war dieser Karl Bröger (1886-1944), der einst in ganz Deutschland als Arbeiterdichter berühmt war, den heute aber kaum noch jemand kennt? Die NN haben mit Michael Ziegler (52) aus Nürnberg gesprochen. Seit fünf Jahren ist er Vorsitzender der dortigen Karl-Bröger-Gesellschaft.

Eineinhalb Jahre nach dem frühen Tod Karl Brögers durch Kehlkopfkrebs im Krankenhaus Erlangen und ein knappes halbes Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ist in Nürnberg die allererste Ausgabe der Nürnberger Nachrichten erschienen.

Am 11. Oktober 1945 bot die junge Zeitung ihren Lesern auf der ersten Seite ein Gedicht von Karl Bröger. "Abkehr vom Krieg" hieß es. Damit hatte der NN-Gründer Joseph E. Drexel, der als engagierter Antifaschist in den Konzentrationslagern von Mauthausen und Flossenbürg eingekerkert war, seinem Leidensgenossen Karl Bröger, der ja auch Feuilletonchef der Fränkischen Tagespost gewesen war, ein journalistisches Denkmal gesetzt.

Das war nach dem pompösen Partei-Begräbnis Brögers 1944 auch nötig. Noch im Tode hatte man ihn für die NS-Propaganda missbraucht. Seine Leiche wurde beschlagnahmt. Die Familie musste hilflos zusehen. Seine Witwe Anna schrieb: "Unsere furchtbare, blutige Zeit hat sicher auch sein Leben verkürzt. Es war zu viel für ihn."

Karl Bröger in einer Wanderpause. © Foto: privat


Bei den Recherchen für dieses Gespräch stellte sich heraus, dass es eine Verbindung Karl Brögers zu Forchheim gibt, obwohl er nie hier war; allerdings verbrachte er regelmäßig seine Urlaube in der Fränkischen Schweiz und schrieb das seinerzeit sehr beliebte Kinderbuch "Die Ferienmühle" über diese idyllischen Aufenthalte.

Im KZ Dachau dürfte Karl Bröger auf Hilmar Wäckerle (1899-1941) getroffen sein, der dort erster Lagerkommandant war. Wäckerle stammte aus Forchheim, wo sein Vater Notar gewesen ist. Von Juni bis September 1933 hatte die SA den gerade erst zum Stadtrat gewählten Karl Bröger schwer misshandelt und in das neu errichtete Konzentrationslager Dachau verschleppt. Angeblich, um ihn mit dieser "Schutzhaft" vor Übergriffen des "Volkszorns" zu bewahren. In Wirklichkeit wollte man ihn und seine Genossen fertigmachen, darunter Gregor Schamberger, den Großvater des Nürnberger Journalisten Klaus Schamberger.

Er hatte es gewagt, dem NS-Gauleiter Julius Streicher die Stirn zu bieten und dessen Angebot, in die NSDAP-Fraktion zu wechseln, zurückgewiesen. Zuvor hatte er den "Stürmer"-Herausgeber jahrelang unter dem Pseudonym Peter Igel mit satirischen Sticheleien geärgert.

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Als Bröger das Konzentrationslager verlassen durfte, war er ergraut und um Jahrzehnte gealtert, ein gebrochener Mann. Doch umgedreht hatten sie ihn trotz allem nicht. Er blieb in Deutschland, wanderte nicht aus, sondern wählte die "innere Emigration". Das mag an der deutschen Sprache gelegen haben, die er nicht verlassen mochte. Dann lag es wohl auch an seinen alten Freunden, die er nicht im Stich lassen wollte. Auch die fehlenden finanziellen Mittel spielten eine Rolle.

Freilich flüchtete sich der Schriftsteller in teilweise harmlose Literatur, etwa Kinderbücher und Historienromane. Von irgendetwas musste er als freier Schriftsteller ja leben. Dass einige seiner Gedichte, durch Weglassungen entstellt, etwa im NSDAP-Propagandablatt "Völkischer Beobachter" abgedruckt wurden, dürfte ihn geschmerzt haben.

Bröger hasste die Nazis, er galt in Gestapo-Berichten als "Judenfreund" und hielt Verbindung zum Widerstand. Seine Antikriegs-Erzählung "Bunker 17", die den Schrecken des Ersten Weltkrieges drastisch vor Augen führte, wurde nach 1933 gegen seinen Willen gekürzt und durch das Weglassen des pazifistischen Schlusses entstellt. Bröger hatte das Schlachten an der Westfront als Verwundeter überlebt.

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Zurück in Brögers Kindheit und Jugend in Nürnberg-Wöhrd. Damals war nicht abzusehen, dass aus ihm einmal ein bedeutender Journalist und Schriftsteller werden würde . . .

Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war Bauarbeiter, seine Mutter arbeitete für eine Textilfabrik. Er besuchte die Realschule in Peunthof, brach eine kaufmännische Lehre ab, schlug sich als Tagelöhner am Bau durch, beging Diebstähle und Betrügereien, saß dafür im Gefängnis. Erst die Hinwendung zur Gewerkschaftsbewegung und zur Sozialdemokratie und deren Unterstützung retteten ihn. Die Lehrer Felix Schwarz und Emil Grimm, sowie der Journalist Adolf Braun erkannten sein literarisches Talent und förderten ihn.

Bröger gilt als "Arbeiterdichter". Das hat ihm auch international Ansehen verschafft. Er kam aus dem Arbeitermilieu, kannte die Denkweise und Probleme der unteren Schichten. Umso wichtiger war es für ihn, den Arbeitern zu sagen: Ihr seid wertvoll, wichtig, edel. Sie sollten stolz auf das Geleistete sein.

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In der Industriestadt Nürnberg lasen die Benachteiligten seine Artikel und Gedichte. Da hatte jede Schicht ihr eigenes Medium. Er war von 1912 bis zum Verbot der "Fränkischen Tagespost" 1933 deren Kulturredakteur. Die Zeitung ging übrigens 1972 in den Nürnberger Nachrichten auf.

Dieser Einfluss auf den einfachen Arbeiter war es auch, der Propaganda-Minister Joseph Goebbels dazu brachte, Brögers damals weithin bekannte Gedichte zu nutzen und ihm eine Redakteurs-Stelle bei der NSDAP-Zeitung "Der Angriff" anzubieten. Zumal dadurch der Eindruck entstehen sollte, der ehemalige Gegner habe sich mit dem "Dritten Reich" arrangiert. Nichts könnte falscher sein.

Die Karl-Bröger-Gesellschaft, die 2008 in Nürnberg ein großes Symposion zu Ehren des Schriftstellers und Antifaschisten abgehalten hat, bietet eine ausführliche Biographie Karl Brögers mit 128 Seiten an. Das Büchlein kann bei der Karl-Bröger-Gesellschaft für eine Schutzgebühr von fünf Euro plus Porto erworben werden. Bestellungen unter Telefon (09 11) 44 83 83. Mail-Adresse: info@karl-broeger-gesellschaft.de. Im Internet unter www.karl-broeger-gesellschaft.de gibt es auch das aktuelle Programm.

Auskunft zu Karl Bröger gab vor allem Michael Ziegler, 1967 in Nürnberg geboren, SPD-Stadtrat in Nürnberg 2003 bis 2017 und wieder ab 2020; Vorsitzender der Karl Bröger-Gesellschaft ist er seit 2015.

Die Karl Bröger-Gesellschaft wurde 1982 auf Initiative des damaligen Nürnberger SPD-Vorsitzenden Horst Schmidbauer gegründet. Inspirator und Mitbegründer war Kulturreferent Hermann Glaser. Der SPD-nahe Verein versteht sich als eine soziokulturelle Einrichtung. Sein Ziel ist es, im politischen und kulturellen Bereich Anstöße zum Vor- und Weiterdenken zu geben. Rund 130 Mitglieder arbeiten im Sinne Brögers und verleihen seit 2016 die Bröger-Medaille, darunter an den Mundart-Dichter Fitzgerald Kusz, an das Gostner Hoftheater, den Kulturpolitiker Hermann Glaser, Schriftsteller Klaus Schamberger und an das Sozialmagazin Straßenkreuzer.

UDO GÜLDNER

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