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Forchheimer Kellerwirte bangen um ihre Existenz

"Verstärker-Erlass" für Kellerwald sei "wie ein Faustschlag ins Gesicht" - 22.05.2019 06:00 Uhr

„Wir müssen schauen, wie wir als Wirte über die Runden kommen“, sagen die Kellerwirte, die durch die Reduzierung der Musik-Veranstaltungen mit Umsatz-Einbußen rechnen. © Archivfoto: Ralf Rödel


Wie lange und wie laut die Musik im Kellerwald künftig spielt, das hatten die Stadträte des Haupt-, Personal- und Kulturausschusses erst vor Kurzem emotional diskutiert und beschlossen: Auf drei genehmigungspflichtige Musik-Veranstaltungen mit Verstärker pro Saison und Keller hatte man sich mehrheitlich geeinigt und war damit einer Empfehlung des Ordnungsamtes gefolgt.

Und auch wann der Regler abgedreht wird, hat man nun schriftlich: Um 22 Uhr ist Schluss mit der Musik.Vorausgegangen war eine aktuelle Abfrage des Ordnungsamtes, das insgesamt 109 Outdoor-Musikveranstaltungen im Heiligen Hain der Forchheimer summierte. Von "Ballermann" war in der Ausschuss-Sitzung die Rede, fürchtete man doch, dass der Wald "ganzjährig zur Discomeile" verkomme.

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Diese Einschätzung kann Birgit Hempel, Pächterin des Schindler-Kellers, nicht teilen. "Der Kellerwald wird nicht zur Partymeile", sagt Hempel, "das hat doch früher mit den Veranstaltungen auch gut geklappt. Hempel arbeitet seit vielen Jahren auf den Kellern, acht Jahre gehörte sie zur festen Kellner-Belegschaft am Schützenkeller, bediente unter anderem auch am Glockenkeller, bevor sie vor gut einem Jahr den Schindler-Keller als Pächterin übernahm "Ich bin nie aus dem Kellerwald rausgekommen", sagt sie, "und versteh’ ehrlich gesagt das Problem nicht".

Dass ab 22 Uhr künftig Ruhe herrschen muss im Kellerwald, sieht sie durchaus mit gemischten Gefühlen. Im Juni habe ein Brautpaar ihren Keller für den Polterabend gebucht. Ab 18 Uhr wird gepoltert, "als ich dem Brautpaar jetzt sagen musste, dass um 22 Uhr die Musik ausgemacht werden muss, waren sie schon enttäuscht".

Einen wirtschaftlichen Schaden könne sie nicht gänzlich ausschließen, meint Hempel. "Ich muss schauen, dass ich hier als Wirtin überlebe. Ich bin nicht in der glücklichen Verfassung, dass ich Veranstaltungen ablehnen könnte." Musik ziehe vielmehr die Menschen an und auf die Keller, ist Hempels Einschätzung. Spiele etwa auf einem Keller die Musik, würden sich auch Besucher am Nachbarkeller gerade wegen der Musik hinsetzen.

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"Wie ein Faustschlag ins Gesicht", sei der Beschluss, heißt es aus dem Winterbauer-Keller, den die Zeckerner Familie Muß seit gut einem Jahr gepachtet hat.

"Viele feiern ihren Geburtstag und einer der Gäste bringt ganz spontan einen Lautsprecher mit und dann wird eine CD für das Geburtstagskind abgespielt, das wissen wir oftmals gar nicht." Das Dilemma: "Wenn der Spielmannszug mit 30 Mann aufspielt, dann ist das nicht genehmigungspflichtig, wenn einer eine CD auflegt aber schon."

Dass ein Kellerbetrieb auch ein Wirtschaftsunternehmen sei, das stellen auch die Winterbauer-Wirte heraus: "Wir müssen schauen, dass wir als Wirte über die Runden kommen. Im Winter ist der Wald tot." Bei all den Auflagen, die an die Wirte gestellt würden, müsse man auch in die Zukunft denken und sich grundsätzlich fragen, "wie man den Kellerwald für die Gastronomie attraktiv halten will".

Ramo Bajric, dessen Familie den Schlößla-Keller führt, findet die neue Regelung im Kellerwald "absolut schlimm". Rund 20 Veranstaltungen seien für diese Saison auf dem Schlößla geplant gewesen, "jetzt müssen wir schauen, welche Veranstaltung wir absagen". "Unser Keller liegt zwischen den Oberen und Unteren Kellern, wir haben eine Halle und stören dort niemanden", betont der Vater der Pächterin Alina Bajric, der sich gegen das Ballermann-Image wehrt: "Wir verkaufen auch kein Bier aus dem Eimer." Auch Bajric stellt den Keller als Wirtschaftsbetrieb in den Fokus: Das Kellergeschäft sei absolut wetterabhängig, in fünf Monaten müsse man quasi den Jahresumsatz erwirtschaften und "der ganze Mai ist bis jetzt ins Wasser gefallen. Bei zehn Grad geht kein Mensch auf den Keller".

Dass der Charme des Kellerwalds durch Musik-Veranstaltungen mit Verstärker verloren gehe, wie einige Stadträte argumentierten, das kann Bajric nicht nachvollziehen: "Da müssen wir jetzt separate Kühlzellen bauen zur Lagerung der Lebensmittel und am Annafest kommen Eisengeländer, damit die Besucher nicht von den Brüstungen stürzen: Da spricht niemand von Charme, der verloren geht."

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