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Forchheimer rettet Flüchtlinge aus dem Mittelmeer

"Das Baby kann ich nicht vergessen" - Retter spricht über seine Erfahrungen - 15.05.2018 05:59 Uhr

Überfüllte Schlauchboote und Menschen, deren Gesichter von Angst, Not und Entbehrungen zeugen: Der Verein Sea Watch rettet Flüchtlinge vor der libyschen Küste aus dem Mittelmeer. © Tim Lüddemann/Sea Watch


"Es war total surreal, als es losging. Alles ging so schnell", erinnert sich Lorenz Schramm. Er wurde geweckt, nachdem ein Holzboot mit 50 Flüchtlingen gesichtet worden war. "Zum Glück waren das Boot und die Menschen in einigermaßen gutem Zustand", sagt der 28-jährige Krankenpfleger. Manche Retter hätten schon erlebt, dass Menschen bereits leblos im Wasser trieben, als die Helfer ankamen. Andere waren dabei, als es so viele Boote waren, dass kaum alle Flüchtlinge eingesammelt werden konnten, bevor die Schiffe zu sinken begannen.

Auf den Ernstfall vorbereitet

Einen bestimmten Auslöser für seinen Einsatz gab es nicht: "Die Situation im Mittelmeer ist eine riesige, humanitäre Krise und ich wollte einfach helfen." Der 28-Jährige ist in Forchheim geboren und aufgewachsen, arbeitet als Krankenpfleger in Freiburg und engagiert sich bei der Grünen Jugend. Im Herbst vergangenen Jahres begann er seinen Einsatz. Zunächst lernte er vier Wochen lang in einer Werft auf Malta, wie ein Schiff ausgestattet sein und worauf er an Deck achten muss. "Ich habe viel geputzt und repariert."

Bevor er Ende November an Bord der Sea Watch 3 ging, hatte er ein mehrtägiges Training für das Schiffsleben durchlaufen. Wie muss ich mich verhalten, wenn das Schiff sinkt oder Feuer ausbricht? Wie werden die Signalraketen abgesetzt und die Überlebensinseln zu Wasser gelassen? Was passiert, wenn Milizen oder die libyische Küstenwache das Schiff stürmen und die Crew als Geiseln nehmen wollen? Im Notfall muss sich die Mannschaft dabei selbst einsperren. Private Elektrogeräte an Bord sind verboten, nur über den Crewcomputer kann Kontakt nach Hause gehalten werden.

Sauerstoffmangel unter Deck

Der Forchheimer Lorenz Schramm hat Flüchtlinge aus dem Meer gerettet und will wieder an Bord eines Rettungsschiffs gehen. /Sea Watch © Tim Lüddemann/Sea Watch


"Man weiß vorher nicht, wie dramatisch es wird", sagt Schramm. Die Retter haben die Windbewegungen im Blick, um abschätzen zu können, wo die Boote in etwa landen. Aber bis zum Eintreffen ist unklar, wie lange die Menschen schon unterwegs sind und ob es zum Beispiel einen Sauerstoffmangel unter Deck gab.

"Man sieht den Menschen auf jeden Fall an, dass sie sehr, sehr verängstigt sind und misshandelt wurden." Deshalb lernten die Retter, wie sie zur Deeskalation beitragen und erklären den Flüchtlingen gleich zu Beginn, dass sie nun in Sicherheit sind, Rettungswesten und medizinische Versorgung bekommen.

Neugeborenes versorgen

"Einmal haben wir 50 Menschen gerettet und dann noch Flüchtlinge von anderen Booten übernommen bis wir 350 Menschen an Bord hatten. Das war hart", so Schramm. Die 20 Crewmitglieder hatten alle Hände voll zu tun. "Eine Frau hatte auf einem Gummiboot im Meer ohne hygienische Standards ein Baby geboren und war so dehydriert, dass sie zu schwach war, es selbst zu versorgen", erzählt Schramm.

Also half er und kümmerte sich um das Baby, vier Tage lang – so lange dauerte die Überfahrt nach Italien. "Das Baby kann ich nicht vergessen. Es ist unter so widrigen Bedingungen auf die Welt gekommen." Auch Andere benötigten medizinische Versorgung. Viele litten an Krätze, aber an Bord konnten die Helfer kaum etwas für sie tun.

35.000 Menschen gerettet

Der Verein Sea Watch wurde im Mai 2015 in Berlin gegründet und hat seitdem etwa 35.000 Flüchtlinge gerettet. Das Ziel war, die Menschen an andere Schiffe wie die der Küstenwache zu übergeben, die sie in Sicherheit bringen. Inzwischen kann der Verein mit einem größeren Schiff, der Sea Watch 3, selbst Menschen an Land bringen. Kritiker werfen den Hilfsorganisationen vor, dass Schlepperbanden von den Rettungen profitieren.

Lorenz Schramm sagt: "Wir hatten keinen Kontakt mit Schleppern." Er sieht die Politik in der Pflicht, Fluchtursachen zu bekämpfen. "Die Not in Libyen ist so groß, dass die Flüchtlinge nach jedem Strohhalm greifen". Er wolle die Menschen nur vor dem Ertrinken bewahren. Die Qualität der Boote sei in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. "Die Leute müssen hoffen, dass sie gerettet werden", so Schramm. Der 28-Jährige war an der Rettung von 650 Menschen beteiligt und will wieder an Bord gehen. "Ich finde, dass wir als Menschen, die sicher leben können, etwas tun müssen, dass andere sich nicht in Lebensgefahr begeben müssen, um auch sicher leben zu können." 

Lea-Verena Meingast Nordbayerische Nachrichten Forchheim-Ebermannstadt E-Mail

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