Montag, 30.03.2020

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Forchheimer Verein hilft Trauma-Patienten

Assistenzhunde erschnuppern Panikattacken und lösen Schockstarren - 11.09.2015 06:00 Uhr

Bea Schultes traute sich nicht mehr aus dem Haus und mied Telefonate, bevor sie durch ihren Labrador Valentino wieder die Lust am Leben, aber auch die Kontrolle darüber wiedergewann. © privat


Stellen Sie sich vor, Sie könnten vor lauter Panik keinen Supermarkt betreten, Aufzug fahren oder auch nur ans Telefon gehen. So geht es Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung (DIS). In frühester Kindheit, meist bevor sie gerade einmal vier Jahre auf der Welt waren, haben sie so grausige Taten erlebt, dass sie alleine es nicht mehr auszuhalten vermögen. Das kann Gewalt und Missbrauch durch die Eltern oder nahe Familienangehörige sein, aber auch andere Dinge, die sich dem Vorstellungsvermögen entziehen. Beispielsweise sexuelle Übergriffe bei schwarzen Messen.

„So etwas ist unvorstellbar. Aber es kommt gerade in angesehenen Familien vor“, erklärt die Forchheimerin Katja Gütlein (40). Sie hat im November letzten Jahres den Verein Fidelius gegründet, der Menschen mit Diabetes, Epileptikern und eben auch Menschen mit DIS unterstützt — und zwar dabei, mit Hilfe eines Assistenzhunds ins Leben zurückzufinden.

Spalten oder sterben

Eine der ersten Klienten war Bea Schultes. Hört die 27-Jährige ein Lied, das sie an die Erlebnisse in ihrer Kindheit erinnert, wird sie ohnmächtig. Erinnert sie ein Gesichtsausdruck eines Fremden im Supermarkt an einen ihrer Täter, verfällt sie in Schockstarre. Sie trägt mehrere Charaktere in sich.

Weil manche Erlebnisse für die menschliche Seele nicht zu ertragen sind, bilden sich in ihr eine Vielzahl an Persönlichkeiten, die den Schmerz für die Betroffenen mittragen. „Spalten oder sterben“, erklärt Bea Schultes. Oft merken die Betroffenen erst spät, was mit ihnen los ist, beispielsweise weil eine ihrer Persönlichkeiten einen Satz Autoreifen im Internet bestellt und die andere sich fragt, woher denn die Reifen auf einmal kommen.

Schultes hangelte sich von einem Medikament zum nächsten, ging in die Therapie, in eine Klinik. Panikattacken, Albträume, Gefühlsstürze waren für sie plagender Alltag. Ihre Persönlichkeiten sind ihr bewusst, sie hört deren Stimmen. „Manchmal unterhalten sich nur zwei, manchmal klingt es in meinem Kopf wie auf einem vollen Bahngleis“, erklärt sie. „Menschen mit multiplen Persönlichkeiten litten meist über Jahre unter den schlimmsten Formen des Missbrauchs. Der Wille der Kinder wurde gebrochen, sie wurden in Kisten eingesperrt, mussten Verbrennungen und Verbrühungen erleiden.“ Ihre eigenen Erlebnisse möchte Schultes lieber nicht thematisieren.

Stupsen hilft gegen Panik

Heute ist sie dem Leben wieder zugewandt. Dank Valentino. Der Labrador ist ausgebildeter Assistenzhund. Er half ihr dabei, wieder in den Supermarkt zu gehen, indem er sich hinter sie stellt, wenn ihr Menschen an der Kasse zu nahe kommen. Verfällt Bea Schultes in Panik, springt er an ihr hoch, schleckt sie ab, bringt sie wieder in einen normalen Zustand. Valentino stupst, hüpft und zur Not bellt er die junge Frau auch mal an. „Das half mir beispielsweise bei der Starre im Supermarkt“, sagt Schultes und fügt hinzu: „Und wenn gar nichts mehr geht, bringt er mir die Tasche mit meinen Medikamenten.“

Bis ein Hund solche Verhaltensweisen lernt, ist einiges an Ausbildung nötig. Und Geld. Im Fall von Valentino waren es 8500 Euro. Der Verein Fidelius informiert, hilft bei der Organisation der Spendengelder und gibt den Betroffenen Zuversicht und Halt auf dem langen Weg zum Assistenzhund. Bea Schultes Wunsch nach einem Begleiter auf vier Pfoten erfüllte sich nach einem Jahr — zum Teil über den „Fonds Sexueller Missbrauch“ der Bundesregierung.

Wem hilft der Verein Fidelius?

Der Verein, den Katja Gütlein von Forchheim aus organisiert, ist eine von wenigen Trauma-Anlaufstellen in Deutschland. Mit ihrer Arbeit verhilft sie Menschen mit finanzieller Bedürftigkeit und diagnostizierter Krankheit mit dem Wunsch nach einem Assistenzhund. Das können beispielsweise Kinder sein, die Diabetes haben, Menschen mit Epilepsie oder dissoziativer Identitätsstörung. Wichtig ist, dass der Betroffene ein „Hundemensch“ ist, erklärt Gütlein: „Ein Assistenzhund ist kein Rollstuhl, den ich nur dann benutze, wenn ich ihn brauche.“

Weitere Informationen und die Möglichkeit, die ehrenamtliche Arbeit des Vereins mit einer Spende zu unterstützen, gibt es unter: www.fidelius-ev.de

BARBARA ZINECKER

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