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Forchheims Freifunker wollen die Stadt vernetzen

Ehrenamtliche versorgen Menschen mit Internet versorgen, wo es keines gibt - 24.01.2019 06:00 Uhr

Freies WLAN in Forchheim: Das geht (wie hier) mit dem Stadtnetz "Forchheim erleben" – oder den Netzen, die der Freifunk Franken aufbaut. © Horst Linke


Zuhause angekommen, informierte sich Winkler gleich im Internet, was und wer hinter dem Freifunk steckt. „Ich fand das cool und für unsere Familie sicher“. Er wurde selber ein „Freifunker“. Online trat Winkler in Kontakt mit einem halben Dutzend Gleichgesinnter aus der Umgebung, 2016 traf man sich schließlich auf dem Forchheimer Weihnachtsmarkt – und eine neue Freifunker-Ortsgruppe war geboren.

Beruflich im Bereich IT und Softwarentwicklung tätig, ist das Interesse Winklers am Thema verständlich – obwohl er sagt, dass er damals „nicht viel mit Netzwerkarbeit“ zu tun hatte.

Freies Netz für alle: Der Freifunker Steffen Winkler aus Burk. © Roland Huber


Netzwerkarbeit ist aber genau das, was die Freifunker machen, als loser Zusammenschluss von Privatpersonen, Vereinen, Institutionen und Gewerbetreibenden. Der Freifunk ist im besten Sinne eine Bürgerinitiative, die sich Anfang der 2000er Jahre in Berlin formierte und bald im ganzen Land auf Anklang stieß: Freifunker bezeichnen ihre lokale und regionalen Vereinigungen als „Communitys“. Aktuell sind auf der Internetseite freifunk.net über 400 solcher Communitys gelistet. Eine davon ist die Forchheimer Gruppe, die mit anderen Gruppen aus Nürnberg, Fürth, Erlangen und weiteren Städten (darunter auch Ebermannstadt) eine Art Regionalverband bildet, den Freifunk Franken.

Es gibt keine Hierarchien oder Geschäftsführer, jeder Freifunker handelt in Eigenverantwortung und ehrenamtlich in seiner Freizeit. Das idealistische Ziel: Menschen mit Internet versorgen, wo es kein Internet gibt, ob in den Straßen, auf den Plätzen, in Gasthäusern und Läden – und das alles kostenlos, frei und offen, ohne Einschränkungen, ohne Restriktionen, ohne Datenspeicherung und für alle nutzbar.

Freifunker werden kann jeder, der einen Internetanschluss hat – dafür muss man weder Technik-Fanatiker, noch Internet-Mäzen sein: Praktisch braucht es nur einen speziellen Router, der an den bestehenden Router zuhause oder in der Firma mit angeschlossen wird. Geeignete „Freifunk-Router“ gibt es schon ab 25 Euro.

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Auf sie wird eine kostenlose Spezialsoftware installiert, die man auf freifunk-franken.de herunterladen kann. Das und der Strom, den das Gerät braucht, sind die anfallenden Mehrkosten – verschwindend geringe also. „Im Grunde zahlt man nur, was man sowieso zahlt, auch wenn man keinen Freifunk-Router aufstellt“ sagt Winkler. Freifunk sei keine Preisfrage – „es geht ums Teilen“.

Ist zuletzt alles eingerichtet, muss man sich übrigens keine Sorgen machen, dass nun jeder, der vorbeikommt oder gegenüber wohnt, mit dem eigenen, privaten Internetanschluss Schindluder treiben kann – oder gar Zugriff auf den privaten PC, Laptop oder das Smartphone hat: Der Freifunk-Router verbindet sich über den privaten Anschluss nicht direkt mit dem Internet, sondern erst mit einem Freifunk-Rechner (dem Server) in einem Rechenzentrum. Auf dem Weg dahin wird das Freifunk-Signal durch einen sogenannten VPN-Tunnel geleitet (VPN steht für „virtuelles privates Netzwerk“). Das heißt: Was durch den Tunnel läuft, ist vor fremden Zugriffen geschützt, abgekapselt vom privaten Datenverkehr.

Innen und außen

Mit geringem finanziellem Aufwand kann so in relativ kurzer Zeit ein WLAN-Netz entstehen, das den gängigen Sicherheitsstandards entspricht. Auf diese Vorteile werden auch die Kommunen aufmerksam: Die Stadt Erlangen etwa setzt bei der WLAN–Versorgung der Innenstadt besonders auf die Freifunker. Und Forchheim? „Wir haben mit den Freifunkern die Übereinkunft getroffen, dass die Stadt den stark frequentierten öffentlichen Raum mit freiem WLAN versorgt“, sagt Forchheims Wirtschaftsförderer Viktor Naumann — und meint damit die Hauptstraße zwischen Parade- und Rathausplatz. „Der Freifunk hingegen kümmert sich bedarfsorientiert um die Versorgung im privaten und gewerblichen Bereich“ so Naumann weiter.

Das Stadtnetz „Forchheim erleben“ hat den Vorteil, dass es dank der Stadtwerke (mit „foOne“) auf schnelle Glasfasertechnologie bauen kann. Hier steht aber das Marketing im Vordergrund: Loggt man sich bei „Forchheim erleben“ ein, ist eine Anmeldung erforderlich, man landet automatisch auf der gleichnamigen Website, die das touristische Angebot der Stadt präsentiert und die Verbindung wird alle 30 Minuten automatisch getrennt.

Wie eine kleine Satellitenschüssel: Die weiße Richtfunkantenne auf Steffen Winklers Hausdach ist mit einem Ausleger am Mast der Satellitenantenne. © Steffen Winkler


Wie aber bringt man Internet an Orte, an denen weniger los ist – oder die nur einmal im Jahr gut besucht sind? Auf Kirchweihen zum Beispiel? „Dabei helfen Richtfunkantennen“, erklärt Winkler. So eine funkt freilich längst auf seinem Hausdach. Mit ihr können Daten über große Distanzen übertragen werden. Winklers kleine Schüssel zeigt Richtung Innenstadt, wurde aber letztes Jahr auf der Burker Kerwa intensiv für den Freifunk genutzt. Es gehe dabei nicht darum, ultraschnelle Anbindungen wie in den eignen vier Wänden zu realisieren. „E-Mails schreiben, chatten, mobil Websites abrufen, das wollen wir in der Fläche bieten“, sagt Winkler.

Was nun die Zusammenarbeit mit der Stadt angeht, meint er: „Grundsätzlich sind unsere Interessen unterschiedlich, aber wir behindern uns auch nicht gegenseitig.“ Freifunk sei eben weit mehr als nur „einen Router aufzustellen“: „Wir brauchen Entwickler, Serverbetreiber, Grafiker, die Flyer gestalten. Wir wollen vernetzen und Wissen vermitteln.“

Weil das alles ehrenamtlich geschieht, sind die Freifunker auf private oder Firmenspenden angewiesen. Aber auch auf Leute, die nichts dagegen haben, wenn auf ihrem Dach eine kleine Richtfunkantenne steht. Dazu, so Winkler, muss man kein aktiver Freifunker werden – „sondern nur unser Konzept gut finden“.

Philipp Peter Rothenbacher Nordbayerische Nachrichten Forchheim-Ebermannstadt E-Mail

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