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Fränkische Schweiz: Naturschützer klagen gegen Kanus auf der Wiesent

Bund Naturschutz geht gegen Genehmigung des Landratsamtes vor - 10.04.2019 18:44 Uhr

Die Wiesent sorgt im Sommer für Erfrischung und Spaß unter den Kanuten. Um die Nutzung des fränkischen Wildwassers wird seit mehreren Jahren gestritten. Jetzt erheben Naturschützer vom Bund Naturschutz Klage gegen den Landkreis. Damit könnte die diesjährige Kanusaison ins Wasser fallen. © Ralf Rödel


Trotz eines heißen Sommers steht der Wiesent das Wasser bis zum Hals. Meint der Bund Naturschutz (BN) und will gegen den Landkreis Forchheim gerichtlich vorgehen. Der hatte eine Schifffahrtsgenehmigung für das fränkische Wildwasser erlassen und dabei weder die Umweltschützer gehört, noch ein Umwelt-Verträglichkeits-Gutachten zu Rate gezogen. Das haben BN-Vertreter bei einem Pressegespräch erläutert.

Nach neun Jahren des Redens und der Runden Tische reicht es Ulrich Buchholz und seinen Mitgliedern der BN-Kreisgruppe. "Wir mussten angesichts des ungelenkten Zustroms von Touristen unsere Stimme erheben. Nicht um uns in den Mittelpunkt zu rücken, sondern um mit das Wertvollste zu bewahren, was wir in der Fränkischen Schweiz haben." Es gehe ihnen nur darum, dass bestehende Gesetze eingehalten würden.In Sachen Kontrolle mangele es an politischem Willen und notwendigem Personal. Auch nehme das Landratsamt die ehrenamtlichen Naturwächter und ihre Hinweise auf Verstöße nicht ernst. "In der vergangenen Saison gab es bei zehntausenden Kanuten nur eine einzige Verwarnung. Das ist schon sehr merkwürdig."

Hinterlassen von Müll

Im Zentrum der Kritik steht die "Übernutzung" der Wiesent durch Kanuten, die das einmalige Vogelschutzgebiet "Fels und Hangwände in der Fränkischen Schweiz" und das Flora-Fauna-Habitat-Gebiet "Wiesenttal mit Nebentälern" von europäischem Rang gefährdeten - durch wildes Anlanden, Hinterlassen von Müll und Exkrementen, Anlegen von brandgefährlichen Feuerstellen, Aufwühlen des Untergrundes.

28 000 Paddler im Jahr 2016 und der Kanu-Saison-Beginn ab dem 1. Mai lassen Friedrich Oehme nicht ruhig schlafen. Der BN-Kreisgeschäftsführer verweist auf den Eisvogel, die Wasseramsel oder die Gebirgsstelze, die in ihrer Brutphase gestört würden. "Hinter jeder dieser Arten stehen hunderte weitere, die auch gefährdet sind."

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Das Fass zum Überlaufen gebracht hat nun offensichtlich die vor wenigen Tagen erlassene Genehmigung für die 28 Kilometer befahrbare Wasserstraße. Darin wird die kommerzielle Nutzung der Wiesent zwischen der Eichenmühle bei Plankenfels und der Leinleiter-Mündung bei Gasseldorf geregelt. Näher zur Quelle hin und auf den Nebenflüssen wie Püttlach oder Trubach ist das Kanufahren sowieso untersagt. Weiter Flussabwärts Richtung Forchheim darf sich jeder auf das Wasser begeben.

23.000 Kanuten allein bei Einzelfahrern

Nun soll ab dem 1. Mai den drei Kanuverleihern erlaubt sein, in der Saison von Mai bis September rund 19.500 Boote einzusetzen. Wären es lauter Einzelfahrer, wären das knapp 23.000 Kanuten, die bei den Kanuverleihern für Umsatz und Arbeitsplätze sorgen. Doch schon bei den Zweisitzern würde die bisherige Anzahl an Besuchern deutlich überschritten. Für lebensnah hält das behördliche Zahlenwerk sowieso niemand in der BN-Geschäftsstelle. Schließlich kämen auch von außerhalb noch Kanuverleiher in die Region, die Zahlen seien drei Jahre alt.

Für das Pressegespräch hat der BN Herbert Körber aus Heinersreuth an Land gezogen. Der Vertreter der Naturfreunde Bayreuth war jahrelang oberfränkischer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Kanuverbandes und sieht die Sache ähnlich. "Die Beschaulichkeit hat ganz gewaltig gelitten", sagt er. Bisweilen würden bis zu 50 Boote und deren Besatzung mit Bussen angekarrt und dann ohne fachkundige Begleitung auf die Wiesent losgelassen. Dabei sei sie keinesfalls ein Gewässer für ungeübte Anfänger. "So kann es nicht weitergehen."

Klage hat sofortige Wirkung

Knackpunkt ist nun ein Verträglichkeitsgutachten, dass die Kanuverleiher nach Ansicht Tom Konopkas hätten anfertigen lassen und selbst bezahlen müssen, bevor der Bescheid ergeht. Allerdings sei das Gutachten nur angekündigt und der Bescheid trotzdem erlassen worden. "Das ist aus unserer Sicht klar rechtswidrig." Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth wird sich wohl einige Zeit hinziehen. Doch die Klageerhebung hat sofortige Wirkung.

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Denn dadurch, so Konopka, werde die Genehmigung erst einmal ausgesetzt. Sollte der Landkreis einen Sofortvollzug anordnen, gebe es die Möglichkeit einer Eilklage. Da es sich beim Umweltrecht um EU-Gesetzgebung handelt, hat der BN die renommierte Fachanwältin Ursula Philipp-Gerlach beauftragt. "Wir verschließen uns aber auch nicht einer Mediation, denn uns geht es um die Umwelt."

Kommerz oder Landschaft erhalten?

"Wir wollen nicht alles verbieten", so Christian Kiehr. Die Regelungen zum Gemeingebrauch, die es jeder Privatperson ermöglichten, unter Auflagen auf der Wiesent zu paddeln, seien nicht Ziel der juristischen Auseinandersetzung. Der BN-Ortsvorsitzende für Ebermannstadt und Wiesenttal möchte aber schon wissen, wohin die Reise gehen soll.

"Wollen wir Fun, Kommerz und Action in der Fränkischen Schweiz oder doch lieber qualitativen Tourismus, der die landschaftlichen Schönheiten für Einheimische wie Erholungssuchende erhält?" Was beim Kletter-Tourismus durch das vorübergehende Sperren von Felswänden gelungen sei, könne auch auf der Wiesent gelingen, so Kiehr.

UDO GÜLDNER

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