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Franz Streit: Humorvoll. Geradlinig. Forchheim.

Ein "Meister der Bürger" und Urgestein der Stadtpolitik zieht sich zurück - 13.08.2019 16:00 Uhr

Franz Streit, zusammen mit seiner Ehefrau Karin, beim historischen Annafest-Umzug. © Archivbild: Ralf Rödel


Bürgermeister ist er seit Mai 2002, Stadtrat gar seit Mai 1978 und Forchheim verkörpert er – vollumfänglich – wie kaum ein anderer: Franz Streit, geboren am 18. November 1949 in Forchheim, Vater zweier Söhne, (Senior-) Druckerei-Chef, überzeugter Hosenträger-Träger und Christsozialer. Spätestens seit er Vize-Stadtoberhaupt ist, gilt der 69-Jährige als Personifizierung dreier Dinge, die in der großen Kreisstadt eine identitätstiftende, ja, sakrale Bedeutung haben: Kellerwald, Annafest und Bierkultur.

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Franz Streit: Ein Forchheimer mit Leib und Seele

Nach 42 Jahren verabschiedet sich Franz Streit aus der Stadtpolitik. Bei den Kommunalwahlen 2020 tritt er nicht mehr, hat Streit verkündet. Seit 2002 ist er Bürgermeister der Stadt und seit 1978 Stadtrat. Wir haben ein wenig in unserem NN-Bildarchiv gestöbert.


Landläufig freut man sich, wenn man den markanten Herren trifft, ob auf dem Fahrrad, im Plenarsaal oder am Biertisch – weil er zwei Eigenschaften mit sich bringt, die sich nur auf den ersten Blick widersprechen: der schon körperlich bedingte Respekt, den man vor ihm hat, und die entwaffnende Geselligkeit, die er ausstrahlt. Beispiel? Einen jungen, leicht nervösen Lokaljournalisten in spe begrüßt er zum Interview-Termin mit einem jovialen "So, Meister, leg mer los" – und das Eis ist gebrochen.

Nach den Kommunalwahlen am 15. März 2020 verabschiedet sich mit Streit ein Urgestein der Stadtpolitik in den Ruhestand: Aus Altersgründen kandidiert er nicht für den Stadtrat, er überlässt das Feld der jüngeren Generation (wir berichteten). Ob er auch als Kreisrat in Pension geht, diese Entscheidung steht noch aus. Streit gesteht aber, dass es "mir zuletzt sehr viel Spaß gemacht hat, die Interessen der Stadt in den verschieden Kreistagsgremien zu vertreten".

Erst die Stadt, dann das Parteibuch

In denen ist auch Reinhold Otzelberger (früher SPD, jetzt CSU) tätig, der, wie Streit, 1978 in den Forchheimer Stadtrat gewählt wurde. "Ich kenne sein Wirken also über die gesamte Zeitspanne, nur Albert Dorn sitzt noch länger im Rat", erzählt Otzelberger. Streit sei für ihn "immer mit Herzblut ein Forchheimer Kommunalpolitiker" gewesen. "Stets bodenständig, das Parteibuch steht für ihn nicht an erster Stelle, sondern die Stadt mit ihren Entwicklungsmöglichkeiten."

Streit habe zwar die Traditionen im Blick – allen voran das Annafest, den Kellerwald, die Altstadt –, aber auch die Notwendigkeit von Veränderungen erkannt. "Schon als Unternehmer hat er das Wissen im Blut, dass Stillstand keine Option ist." Insofern, erklärt Otzelberger, seien die Ansiedlungen großer Firmen wie Siemens oder Simon Hegele ebenso auch Streits Verdienst gewesen, wie die Schaffung neuer Wohn- und Gewerbegebiete. "Er war nie ein Bremser." Drei Eigenschaften, die den künftigen Polit-Rentner treffend beschreiben? "Verlässlich, humorvoll, heimatverbunden", erwidert Otzelberger.

Für jeden Spaß zu haben: Beim legendären Bobbycar-Rennen im Kellerwald. © Archivbild: Edgar Pfrogner


In der Politik-Rente ist Maria Wagner schon eine ganze Weile: 1972 zog die heute 87-Jährige als eine der ersten Frauen für die CSU in den Forchheimer Stadtrat ein, 1978 wurde sie Kreisrätin, 1996 Dritte Bürgermeisterin. Das erste, was ihr zum Stichwort Franz Streit einfällt: "Er ist ein Forchheimer." Streit kenne die Verhältnisse in der Stadt. Die politische Zusammenarbeit mit ihm habe zu ihrer aktiven Zeit "immer geklappt" – auch, "weil wir uns gegenseitig gesagt haben, wenn uns etwas nicht passt".

Ulli Raab, der "King Alladooch" des Annafestes, ist ein ehemaliger Klassenkamerad von Streit (beide Jahrgang 1949) und findet es "sehr schade, dass er aufhört, denn er hat das Annafest verkörpert, hat es gelebt". Raab erzählt, dass die Idee der Forchheimer Bierkönigin vor allem auf Streit zurückgeht – "oder, wie er einmal flapsig meinte: Ich habe keine Töchter, dafür aber Bierköniginnen". Und für die sei er tatsächlich "ein Übervater", lacht Raab.

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Ihn einen "väterlichen Freund" nennen, will Uwe Kirschstein zwar nicht ("Obwohl es vom Altersunterschied ja möglich wäre"), dennoch habe sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt, die weit über das Berufliche hinausgehe – "die Familie Streit telefoniert auch regelmäßig mit meinen Eltern", so der OB.

Kirschstein lernte ihn 2014 besser kennen, damals noch in anderer Konstellation – Streit war schon Bürgermeister und Kirschstein noch einfacher SPD-Stadtrat. "Ich habe ihn aber sehr schnell sehr schätzen gelernt", erzählt der heutige Oberbürgermeister. "Es hat sich ein partnerschaftliches, ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns entwickelt." Eines, das sich seit Kirschsteins Wahl zum Rathaus-Chef 2016 "wesentlich stärker intensivierte", künftige Zuständigkeiten zwischen dem neuen OB und seinem Stellvertreter seien rasch "und im engen Austausch", geklärt worden.

Ein "Meister der Bürger"

Den Abschied Streits bedauert Kirschstein zwar, kann ihn aber auch "nach so vielen Jahren im Amt absolut nachvollziehen". Nichtsdestotrotz bleibe Forchheim "seine", also Streits Stadt, sagt der OB. "Er ist eine Persönlichkeit, die hier wie keine Zweite den Titel Bürgermeister verdient hat: immer für ein Gespräch mit den Leuten bereit, ein wortwörtlicher Meister der Bürger."

Kirschstein selbst bewundert vor allem Streits "Geradlinigkeit, seine Ehrlichkeit und Verlässlichkeit". Er sei "wirklich das, was man als den ehrenwerten Kaufmann bezeichnen kann". Das sei in der heutigen Politikergeneration keine Selbstverständlichkeit mehr, so Kirschstein, Streit sei – im besten Sinne – ein Politiker alten Schlages. Einen alten O-Ton hat der OB noch im Kopf: "Kurz nach meiner Wahl hat er zu mir gesagt: Ich hab dich nicht gewählt, ich hab mir einen anderen gewünscht, aber du bist es geworden – und ab jetzt arbeiten wir zusammen." Die drei "typisch Streit‘schen Eigenschaften" , die der OB schätzt: Humorvoll ("sein Lachen ist ansteckend"), geradlinig, familiär.

Zwei Sandkasten-Freunde

Einer kann sich heute nicht mehr zu Streit äußern, obwohl er ihn nicht nur wegen der gemeinsamen politischen Arbeit bestens gekannt hat und sie sich den gleichen Vornamen teilten: der im April verstorbene Alt-OB Franz Stumpf. 14 Jahre lang (2002 bis 2016) war Streit sein Stellvertreter, privat verband sie seit frühester Kindheit eine enge Freundschaft. Tieftraurig hielt er einen sehr persönlichen Nachruf auf Stumpfs Beisetzung. "Wir waren wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn – und unser Mississippi war die Wiesent", lautete eine der bewegendsten Passagen.

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Von (Schul-)Kindheit an mit Streit bekannt ist auch Dieter George. "Aber richtig kennengelernt und Freunde geworden sind wir erst, als er Bürgermeister wurde", sagt der langjährige Kulturbeauftragte Forchheims. Er meint damit nicht nur die berufliche Ebene: Vor allem nach diversen Planungssitzungen sei man beieinander gesessen "und weil beide keine Kostverächter sind und vereint sind im Kampf gegen die Kräfte der Erdanziehung, haben sich viele Gesprächsbezüge ergeben".

Auf dem kurzen Dienstweg habe Streit viel für die Kultur in der Stadt geleistet, lobt George. Für ihn ist der Bürgermeister mit den Adjektiven "zuverlässig, vornehm und trotzdem gemütlich" am besten erklärt. Und ob beim gemeinsamen montäglichen Neder-Stammtisch oder in ihrer informellen Teichgenossenschaft (genannt "Die Teichgrafen") an der Hainbrunnenstraße: "Franz Streit wird für mich auch nach 2020 nicht aus der Welt sein", sagt George. "Und ich hoffe, mit ihm noch das ein oder andere Glas leeren zu dürfen."

  

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