Firmengeschichte

Fritsche: Der Aufstieg über Fürth zum Forchheimer Papier- und Pappkarton-Imperium

15.9.2021, 05:24 Uhr
Das Firmengelände an der Bayreuther Straße. 

Das Firmengelände an der Bayreuther Straße.  © Udo Güldner, NNZ

Im vergangenen Jahr feierte die Firma Fritsche ihr 100-jähriges Bestehen. Damals kamen die Anfangsjahre des Unternehmens und insbesondere sein Gründer Rudolf Fritsche (1881-1971) in der Berichterstattung etwas zu kurz. Sein Enkel Dieter Haensch (geb. 1937), einst Richter am Amtsgericht Forchheim, hat uns vom Leben seines äußerst erfolgreichen Vorfahren berichtet. Auch Dank des einmaligen Bildmaterials entsteht so ein Stück Lokalgeschichte.

Dieter Haensch war einst Richter am Amtsgericht Forchheim und ist der Enkel des Firmengründers Rudolf Fritsche. 
 

Dieter Haensch war einst Richter am Amtsgericht Forchheim und ist der Enkel des Firmengründers Rudolf Fritsche.    © Udo Güldner, NNZ

Dabei stammt Rudolf Fritsche aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Straßendorf namens Losdorf im Kreis Tetschen-Bodenbach. Dort betreibt seine Mutter Franziska (1854-1942) einen kleinen Laden, in dem man Spirituosen, Weine und Tabak erwerben kann. Dieter Haensch weiß freilich nicht, welchen Beruf Rudolf Fritsche erlernt hat. Es dürfte angesichts des familiären Umfeldes und seiner späteren Karriere ein kaufmännischer gewesen sein.

Den ehrgeizigen jungen Mann zieht es in die Welt hinaus und zunächst nach Fürth

Früh zieht es den ehrgeizigen jungen Mann in die Welt hinaus. Er verlässt seine sudetendeutsche Heimat und geht nach Fürth. Um 1900 ist es eines der industriellen Zentren des Deutschen Reiches. Schnell gelingt ihm der Aufstieg beim Papier- und Pappkarton-Imperium der Brüder Max und Martin Ellern-Eichmann.

Ein weiterer Blick in das Familienalbum der Familie auf Franziska Fritsche, Adolf Haensch, Cläre Haensch sowie auf Rudolf mit Babette Fritsche (v.l.n.r). 
 

Ein weiterer Blick in das Familienalbum der Familie auf Franziska Fritsche, Adolf Haensch, Cläre Haensch sowie auf Rudolf mit Babette Fritsche (v.l.n.r).    © Udo Güldner, NNZ

„Deren Eltern haben auch mit dem Altpapier-Handel angefangen, später aber auf die Papierproduktion umgestellt." Die Unternehmer haben nicht nur ein Stammwerk in Fürth, sondern auch Fabriken in Forchheim und Stadtsteinach.

Erste Erfahrungen sammelte Rudolf Fritsche quasi von Kindheit an - im Laden seiner Mutter Franziska. Sie verkaufte im Heimatort Spirituosen, Weine und Tabak.

Erste Erfahrungen sammelte Rudolf Fritsche quasi von Kindheit an - im Laden seiner Mutter Franziska. Sie verkaufte im Heimatort Spirituosen, Weine und Tabak. © Udo Güldner, NNZ

„Er hat sich schnell hochgearbeitet, wurde einer der wichtigsten Einkäufer." Der Wohlstand erlaubt es ihm auch, die Müllerstochter Babette Lützendorfer (1872-1961) aus Leichendorf (Landkreis Fürth) zu heiraten und in der Zweibrückenstraße 28 in Forchheim eine Wohnung zu mieten. Ein Jahr später wird Tochter Cläre geboren (1910-1965), die einmal Dieter Haensch und seinen Bruder Peter (geb. 1940) zur Welt bringen wird.

Im Zweiten Weltkrieg ist Fritsche mit seinen Ideen unabkömmlich

Während des Ersten Weltkrieges bleibt Rudolf Fritsche die Front erspart. Er ist mit seinen innovativen Ideen unabkömmlich, darf sogar mit dem Chef der Obersten Heeresleitung, General Erich Ludendorff in Berlin sprechen. „Einer der Vorschläge meines Großvaters war es, in den Fabriken statt der teuren Steinkohle die günstigere Braunkohle zu verfeuern."

Da die Papierherstellung äußerst energieintensiv ist, gelingt es ihm so, seinem Arbeitgeber viel Geld zu sparen. So kann er sich 1917 von seinem Gehalt und den Extra-Prämien ein riesiges Grundstück am Neuenberg kaufen. Hier gibt es Hopfengärten, Wiesen und eine Weiherkette. Später errichtet Rudolf Fritsche hier ein Gartenhäuschen, in das man nach 1945 notgedrungen einziehen muss, weil die US-Armee das Wohnhaus beschlagnahmt.

In Forchheim wohnt die Familie in der Villa

Als sich die Gelegenheit ergibt, sich in Forchheim mit „Papiergroßhandlung & Papierrohstoffe“ selbständig zu machen, ergreift Rudolf Fritsche sie beim Schopf. 1920 erwirbt er das Gelände an der Bayreuther Straße 1, auf dem nach ihm der Gebrauchtwarenhof Pack Mer's und heute das Arivo-Hotel stehen. Dort hat zuvor der Zimmerer-Meister Gottfried Walz seine Werkstatt mit Lagerhallen.

Das alte Fuhrwerk der Firma.

 

Das alte Fuhrwerk der Firma.   © Udo Güldner, NNZ

Die Lage in der Nähe des Güterbahnhofs ist von Vorteil. Neben dem Betriebsgelände steht auch eine Gründerzeit-Villa, in der die Familie Fritsche fortan lebt. Wenn man nicht zur Kur in Bad Kissingen, Marienbad oder Karlsbad weilt. Der Wohlstand wächst.

„Er hatte eines der ersten Telefone, eines der ersten Automobile, konnte sich mehrere Mietshäuser in Nürnberg kaufen und sogar mit Aktien spekulieren. Man nannte ihn den "kleinen Stinnes" von Forchheim“. Ein Grund für den Erfolg sind sicherlich seine exzellenten Kontakte. Als Cläre Fritsche, übrigens eine der ersten Frauen Forchheims mit Führerschein, den Düsseldorfer Bank-Kaufmann Adolf Haensch (1906-1974) heiratet, kommt weiterer kaufmännischer Sachverstand ins Unternehmen.

Ein stiller Zeuge der Vergangenheit und der Firmengeschichte: ein Firmenschild mit dem Namen des Firmengründers. 
 

Ein stiller Zeuge der Vergangenheit und der Firmengeschichte: ein Firmenschild mit dem Namen des Firmengründers.    © Udo Güldner, NNZ

Von überall her bekommt Rudolf Fritsche Material, um es zu sortieren und aufzubereiten, um es an Papierfabriken im ganzen Reich zu liefern, unter anderem nach Alzenau. „Er hatte vier oder fünf Arbeiter, die zupacken konnten und eine Schreibkraft im Büro." So finden alte Zeitungen und die Papierhülsen für Garne aus der Spinnerei und Weberei den Weg zum Recycling. „Mit einem Fuhrwerk haben seine Mitarbeiter die Rohstoffe dann über die Straße in einen Güter-Waggon transportiert."

Das Wohnhaus der Familie Fritsche in der Bayreuther Straße in Forchheim. 

Das Wohnhaus der Familie Fritsche in der Bayreuther Straße in Forchheim.  © Udo Güldner, NNZ

Während des Zweiten Weltkrieges sind es, daran kann sich Dieter Haensch noch erinnern, zwei Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, da alle wehrfähigen Männer eingezogen werden. Rudolf Fritsche verkauft aber auch Papier, insbesondere das hochwertige, reißfeste Natron-Kraftpapier.

Auch im Zweiten Weltkrieg macht er glänzende Geschäfte. Nach dem Einmarsch der Amerikaner kann er mit einigen großen Rollen klanghart gewickelten Seidenpapiers, die er aus dem Untergang eines Donaufrachters hatte erwerben können, einen Neustart wagen. Auch mit der Herstellung von Seifen und Schreibmappen hält man sich über Wasser. 1948 kommt nach fünfjähriger russischer Kriegsgefangenschaft Adolf Haensch zurück nach Forchheim. Er tritt 1949 in die Firma ein und bleibt, bis er im Dezember 1966 in Ruhestand geht.

Lebenstraum mit 80 erfüllt: Fritsche kauft sich ein Schloss

Dieter Haensch hat seinen Eltern und Großeltern viel zu verdanken. Dank ihres wirtschaftlichen Erfolges kann er Jurist werden. „Dabei hätte ich Papierchemie in Darmstadt studieren wollen." Doch der Handel ist nichts für ihn.

Sein Bruder Peter übernimmt nach einer Einarbeitungsphase den Familienbetrieb, den Rudolf Fritsche mit Schwiegersohn Adolf Haensch bis zuletzt geführt hat. „Er war es auch, der in den 50er Jahren den ersten Lastwagen angeschafft hat." Mit 80 Jahren erfüllt sich Rudolf Fritsche noch einen Lebenstraum. Er wird Schlossbesitzer.

Von der Familie Groß von Trockau erwirbt er die Burg Kohlstein bei Gößweinstein. Zehn Jahre später, kurz vor seinem Tod 1971, verkauft er die vergleichsweise kleine Anlage wieder. Peter Haensch, seit 1960 im Familienunternehmen, führt nun die Geschäfte. Eine neue Ära beginnt. Heute leitet Rudolf Fritsches Urenkel Michael Haensch (geb. 1967) den mittelständischen Betrieb.

Keine Kommentare