Hochwasser

Hallerndorf: Massive Flutwelle setzte Straßenzüge und Häuser unter Wasser

Bis hierher stand ihr Haus im Wasser, zeigt Liselotte Seuberth aus Schlammersdorf an.

Bis hierher stand ihr Haus im Wasser, zeigt Liselotte Seuberth aus Schlammersdorf an. © Maria Däumler

Zahllose Anwesen in Haid, Willersdorf, Hallerndorf und Schlammersdorf standen unter Wasser. Rund 300 Hilfskräfte von örtlichen Feuerwehren, vom Technischen Hilfswerk waren seit Samstag, 14.25 Uhr, zum Teil bis zum nächsten Vormittag im Einsatz, stapelten Sandsäcke und pumpten Wasser ab, um noch größeren Schaden von den vom Hochwasser betroffenen Häusern abzuwenden.

Die ganze Nacht im Einsatz waren der 2. Kommandant der Feuerwehr Hallerndorf, Alexander Steger (2. v. li.), und seine Truppe.

Die ganze Nacht im Einsatz waren der 2. Kommandant der Feuerwehr Hallerndorf, Alexander Steger (2. v. li.), und seine Truppe. © Foto: Maria Däumler

Lieselotte Seuberth wohnt in Schlammersdorf seit 33 Jahren direkt an der Aisch. Hochwasser hat die 58-Jährige schon oft erlebt. "Mich erwischt es fast immer", sagt sie gefasst. Bei einem Wasserpegel von 6,10 Meter habe sie schon mit dem Hochwasser gerechnet. Die Feuerwehr stand bereit und hat nachts ihr Haus mit Sandsäcken umbaut, gegen 1.30 Uhr ist die Mauer allerdings gebrochen und das Wasser lief doch in den Hof und stand bis zur Haustür hoch, dank gestapelter Sandsäcke aber nicht ins Gebäude.

"Jetzt wisch ich durch"

„Das Wasser geht schon wieder zurück“, freut sich Ralph Bauer von der Metzgerei Bauer in Halllerndorf.

„Das Wasser geht schon wieder zurück“, freut sich Ralph Bauer von der Metzgerei Bauer in Halllerndorf. © Foto: Maria Däumler

"Gott sei Dank ist das Wasser dieses Mal nicht bis ins Haus gelaufen", sagt Lieselotte Seuberth erleichtert. Nur ein, zwei Zentimeter sei es auf den Boden gelaufen "Jetzt wisch’ ich ein bisschen durch." Sie bringt nichts mehr so leicht aus der Fassung. "1988 hatte ich innerhalb von einer Woche dreimal Hochwasser im Haus", erzählt sie an der Haustüre, zu ihren Füßen liegen gestapelte Sandsäcke. Und 1995 sei das Wasser auch viel höher gewesen.

Feuerwehrfrau Nadja Klement zeigte ihrem Sohn Fabian, wo sie nachts mit ihrem Mann Andreas Sandsäcke aufgestapelt hat.

Feuerwehrfrau Nadja Klement zeigte ihrem Sohn Fabian, wo sie nachts mit ihrem Mann Andreas Sandsäcke aufgestapelt hat. © Foto: Maria Däumler

Ihre Tochter Anna kommt zum Helfen. "Ach Gott, wo fangen wir denn da an", ruft sie. Die Mutter bleibt ruhig. Es hätte schlimmer kommen können.

Vorne an der Friedensstraße stehen gerade Nadja und Andreas Klement, beide sind bei der Feuerwehr und waren nachts im Einsatz. Gegen 1 Uhr sind sie heimgekommen. Jetzt zeigen die beiden ihrem Sohn Fabian, was sie nachts gemacht haben. Nadja Klement erinnert sich: "1995 war es schlimmer, da stand die Friedensstraße komplett unter Wasser."

Tosende Wassermassen

Das bestätigt auch ein Mann, der von der Brücke aus die tosenden Wassermassen betrachtet. Damals, so der 65-Jährige, habe man an der Sauersmühle die Kurve an der Aisch ausgebaggert, dass das Wasser an der Engstelle besser abläuft und die Ortschaft besser geschützt ist. "Aber jetzt ist halt das Wasser unterhalb höher", glaubt er.

Der Hallerndorfer Sportplatz steht komplett unter Wasser

Der Hallerndorfer Sportplatz steht komplett unter Wasser © Mathias Erlwein, NN

Ein Stückchen weiter in Hallerndorf kontrolliert gerade Ralph Bauer von der Metzgerei Bauer den Wasserstand im Hof. Ein Stein markiert die aktuelle Wassergrenze. "Sehen Sie, das Wasser geht schon zurück", sagt der 32-Jährige und deutet auf eine grüne Markierung weiter oben im Hof. "Bei uns ist der Schaden moderat", erzählen er und sein Vater Robert Bauer.

Bienenkästen schwammen davon

Sandsackbarrieren in Schlammersdorf

Sandsackbarrieren in Schlammersdorf © Mathias Erlwein

"Nur zwei Bienenkästen, die auf der Wiese an der Aisch standen, sind davon geschwommen." Zum Glück seien das THW und die Feuerwehr schnell dagewesen und hätten Sandsäcke verteilt, zeigen sie sich dankbar. "Die Aisch ist unberechenbar", weiß der Senior, 76 Jahre alt. Die Sandsäcke wollen die zwei jetzt erst mal liegen lassen. Es soll weiter regnen, womöglich wieder Starkregen bei Ipsheim weiter oben an der Aisch. "Zwei Tage später kommt das Hochwasser dann zu uns", wissen die beiden.

Hans Baier aus Hallerndorf hat so ein Hochwasser in 50 Jahren noch nicht erlebt.

Hans Baier aus Hallerndorf hat so ein Hochwasser in 50 Jahren noch nicht erlebt. © Maria Däumler

Oliver Lotze lebt seit acht Jahren in seinem Haus an der Aisch, das schon seine Urgroßeltern gebaut haben und das leider sehr tief liegt. "Der Keller ist vollgelaufen, das Wasser stand heute Nacht kniehoch im Hof", erzählt der 41-Jährige. "Die Feuerwehr hat super geholfen, auch Nachbarn und Verwandte." Die Pumpen laufen immer noch, das Wasser sprudelt Richtung Aisch. "Aber das bringt gerade nicht so viel", weiß FFW-Mann Rainer Roppelt, der bei Lotze im Hof steht. "So lange das Wasser im Aischgrund so hoch ist, drückt es das Wasser immer wieder von unten und durch die Wand rein."

Ein Stückchen weiter räumen Alexander Steger, 2. Kommandant der Feuerwehr Hallerndorf, und seine Truppe Material zusammen. Seit Samstag, 14.25 Uhr, ist er im Einsatz – also seit gut 20 Stunden. Am Samstag gegen 18 Uhr sei der Wasserstand hier am höchsten gewesen. "Alles stand unter Wasser, 80 Zentimeter hoch auf der Straße", schildert der junge Feuerwehrmann.

"Das Wasser kam sauschnell"

"Jetzt sinkt das Wasser langsam. Das Wasser kam sauschnell, aber wir haben es nicht in dem Ausmaß erwartet", gesteht er. Die Feuerwehr habe sieben Keller leer gepumpt, in anderen Häusern hätten sich die Leute selbst geholfen, erzählt Steger. "Die Menschen sind echt dankbar", freut sich Feuerwehrmann Maximilian Weisel. Er sei mit Kaffee und Kuchen versorgt worden, gerade habe er noch ein Leberkäsebrötchen bekommen. "Das tut gut." Jetzt brauchen alle Hilfskräfte erst einmal eine Portion Schlaf.

20 Meter weiter lebt Hans Baier seit fast 50 Jahren in seinem Haus, aus dessen Haustüre jetzt zwei weiße Schläuche ragen, in denen munter Wasser gurgelt. Der 79-Jährige führt genau Buch über alle Hochwasserereignisse. 1965 hat er sein Haus hier gebaut, extra alles gegen Hochwasser dicht gemacht, mit dicken Betonwänden und -platten. "Damals dachten wir, das wäre sicher gegen Hochwasser", erzählt er. Lange war das auch so. "Bis gestern, da lief das erste Mal Wasser ins Haus, der Keller steht unter Wasser."

Fassungsloser Senior

Der Senior zeigt mit seinem Stock auf das Wasser unten am Treppenzugang zum Keller. "So was hab ich noch nie erlebt", ist er immer noch etwas fassungslos. Sein Sohn Christian, der gerade zum Helfen kommt, meint: "So schnell gekommen und so hoch war das Wasser noch nie." Jetzt heißt es erst mal aufräumen und alles trocknen. Eine Elementarversicherung, die helfen könnte, so sagen beide, hätte man gerne schon vor vielen Jahren abgeschlossen: "Aber das ging nicht, weil das Haus im Hochwassergebiet liegt."

Inzwischen regnet es wieder stärker. Die grauen Wolken hängen tief über dem Aischtal. Überall gehen Menschen mit Schirmen spazieren und beobachten die breiten Fluten, zu denen sich die sonst so kleine Aisch entwickelt hat. Noch ist die Gefahr nicht vorbei. Es soll noch weiter regnen.

"Schlagartig zugespitzt"

Christian Sailer, Kreisbrandmeister im Landkreis Forchheim, hat den Hochwasser-Einsatz der Hilfskräfte zusammengefasst. "Die ansteigenden Flusspegel im benachbarten Landkreis Erlangen-Höchstadt haben es vermuten lassen. Doch die Ausuferungen der Aisch haben das Erwartete letztendlich übertroffen." Bei strahlendem Sonnenschein habe sich die Hochwassersituation in der Gemeinde Hallerndorf schlagartig zugespitzt. Die Kreisbrandinspektion löste Samstag kurz nach 14 Uhr Vollalarm für die Feuerwehren der Gemeinde Hallerndorf und die Hochwasserkomponenten des Landkreises aus. Der Pegelstand der Aisch stieg zu diesem Zeitpunkt in der vorgelagerten Laufer Mühle schlagartig an und habe jegliche Prognosen übertroffen.

Sofort habe man begonnen, in den Risikogebieten Sandsäcke zu verbauen, um so die Häuser vor dem Hochwasser zu schützen. Landrat Hermann Ulm bestellte Kreisbrandrat Oliver Flake zum örtlichen Einsatzleiter. Dadurch sei ein geordnetes Zusammenwirken aller beteiligten Organisationen sichergestellt gewesen.

Haid haben die massiven Wassermassen zuerst erreicht. Wegen einer überfluteten Trafostation in der Nähe der Laufer Mühle musste im Ort sogar der Strom abgeschaltet werden. Bürger konnten daher ihre bereitgestellten Tauchpumpen nicht nutzen. "Die Einsatzschwerpunkte verlagerten sich stetig flussabwärts nach Willersdorf, Hallerndorf und Schlammersdorf. Um 16 Uhr erreichte der Pegel der Aisch an der Laufer Mühle mit 612 Zentimeter seinen Höchststand und Überstieg die Hochwassergefahrenfläche eines 100- jährigen Hochwassers um zwei Zentimeter", so Sailer. In nur drei Stunden sei der Pegel um einen Meter gestiegen. Parallel zu den Einsätzen im Aischgrund wurde weitere Sandsäcke abgefüllt, da die am Vortag vorbereiteten nicht ausreichten.

10 870 Sandsäcke verbaut

"Die örtlichen Gemeindewehren sowie die Hochwasserkomponenten der Feuerwehr und weitere Löschzüge aus dem Landkreis, die Katastrophenschutzbehörde, das Technisches Hilfswerk und das Bayrische Rote Kreuz waren mit rund 300 Kräften bis spät in der Nacht im Einsatz. Insgesamt sind 10 870 Sandsäcke verbaut worden", informiert der Kreisbrandmeister.

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