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Heiligenstadt trifft sich im gepflasterten und grünen Wohnzimmer

"Mitten unter uns": Der Fixpunkt des Ortes befindet sich im Wandel - 28.03.2021 16:00 Uhr

Die Kirche und der davon rechts gelegene Marktplatz sind das Herz von Heiligenstadt. Zwischen den Häusern, Gassen und Pfaden entlang des Wassers findet das Leben statt. 

24.03.2021 © Eduard Weigert


Radfahrer aus dem Wiesenttal kennen die Vorfreude. In Gasseldorf haben sie den Wiesenttalradweg verlassen, sind in Richtung Norden auf den Main-Leinleiter Radweg abgebogen. Zehn Kilometer auf dem alten Bahndamm mit leichtem, kaum spürbarem Anstieg später führt der Radweg nach dem Ortsende von Traindorf in einem weiten Halbkreis auf eine Brücke über den Bach zu.

Nach einem weiteren halben Kilometer und einer abermaligen Überquerung der Leinleiter wartet beim Aichinger oder beim Harrer (so wird der Heiligenstädter Hof im Gedenken an den verstorbenen früheren Besitzer noch immer genannt) ein kühles Radler oder eine zünftige Halbe als Belohnung für das eifrige Strampeln. 

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Mitten unter uns: So schön ist Heiligenstadt

Im Rahmen der NN-Serie "Mitten unter uns" haben wir Heiligenstadt besucht. Gehen Sie mit uns auf Streifzug - wir blicken auf die schönsten Ecken des Ortes.


Okay, fitte Drahteselpiloten schaffen es auch noch, die sechs Kilometer bis zum Ott in Oberleinleiter zurückzulegen, doch für den Großteil der Radler ist der Marktplatz in Heiligenstadt der erste Fixpunkt, den sie ansteuern. Bei Wanderern, die auf den zahlreichen Rundwegen um die Gemeinde herum unterwegs sind oder auf dem Frankenweg nach Heiligenstadt kommen, ist das nicht anders. 

Der Marktplatz im Zeitraffer

Der historisch gewachsene Platz mit dem Rathaus, dem Kriegerdenkmal und dem Johann-Daum-Brunnen als Schlüsselpunkte ist der sozio-kulturelle Mittelpunkt des Leinleitertals. Dessen ist sich auch Bürgermeister Stefan Reichold (SPD) bewusst. Seit nunmehr fast einem Jahr genießt er von seinem Büro im Rathaus aus den Blick auf das „Wohnzimmer“ seiner Gemeinde. 

Das Zimmer ist zu einem Drittel gepflastert, ein Drittel ist von einer wassergebundenen Schotterdecke geprägt und auf der südlichen Seite sorgt eine große Grünfläche mit einem alten Lindenbestand für ein naturnahes Ambiente. Das jetzige Aussehen mit den umgebenden Häuserzeilen geht auf die 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Starten wir eine Zeitreise.

Stellen Sie sich vor,...

...Sie stehen in der Mitte des Marktplatzes, schließen die Augen und gehen gedanklich ins 12. Jahrhundert zurück. Sie sehen: nichts. Die damalige Besiedlung rund um die St.-Veit-Michaelskirche beschränkte sich auf die westliche Seite der Leinleiter mit der Turmgasse und der Mühlengasse. Dort wurde es irgendwann zu eng, die Bürger wichen auf die andere Seite des Baches aus. 

Ein Anziehungspunkt von vielen im Ortskern: Der Heiligenstädter Hof. Der Hotel- und Gastrobetrieb ist in neuen Händen. 

24.03.2021 © Eduard Weigert


„Der Marktplatz geht wahrscheinlich bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der erste urkundliche Nachweis stammt aus dem Jahre 1529, in diesem Jahr wurde auch der Aichinger als Gasthaus erstmals erwähnt“, weiß Heimat-Historiker Dieter Zöberlein. 

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte das zunehmend zum Zentrum des Orts werdende Areal mehrmals sein Aussehen. Die gravierendsten Änderungen gab es aber im 20. Jahrhundert im Zuge der Städtebauförderung, von der Heiligenstadt als kleinste Kommune im Bundesgebiet sehr stark profitieren konnte. 

Hans Dorsch ist Gemeindearchivar...

...und kommt beim gemeinsamen Betrachten alter Fotos mit dem ehemaligen Bürgermeister (1990-2020) Helmut Krämer ins Fachsimpeln. Die Bilder zeigen den Marktplatz vor und nach der Neugestaltung. „Am Platz wurde mehr verändert als in den Jahrhunderten zuvor“, sagt Dorsch. Krämer: „Die Sanierung war ein Segen für unsere Gemeinde.“

Einzig das Schlachthaus der ehemaligen Metzgerei Seeger auf der Westseite fällt aus dem Rahmen. „Der linke Teil des Gebäudes fiel noch unter die Förderung, beim rechten Teil des Gebäudes ging dann das Geld aus“, sagt Krämer. Die Gemeinde könnte das Gebäude kaufen, „denn es gibt bereits eine Idee einer ehemaligen Heiligenstädter Architektin, mit einem Übergang von dort über die Leinleiter zum Oertelshof“. Dass bis in die frühen 70er Jahre des letzten Jahrhunderts die Hauptstraße noch über den Marktplatz führte und Ende des 19. Jahrhunderts die jetzige Hauptstraße noch ein schmaler Fußweg war, ist heute kaum mehr vorstellbar.

Ebenfalls als Glücksfall...

...bezeichnet Krämer den Erwerb des ehemaligen Gasthofs Fürst im September 1990 durch die Familie Harrer. „Das neue Hotel am Marktplatz war eine Initialzündung für den Tourismus im gesamten Leinleitertal. Das Drei-Sterne Haus mit seiner herrlichen Terrasse war über das ganze Jahr Ziel von Reisegruppen aus dem In- und Ausland. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass da ständig mehrere Busse, vor dem Hotel oder auf dem Marktplatz standen“, würdigt Krämer das Engagement des 2019 verstorbenen Johannes Harrer und seiner Eltern Maria und Engelbert. 

Tages- als auch Übernachtungsgäste vermissen auf dem Marktplatz einen regelmäßigen Markt, wie es ihn in früheren Zeiten gab. Genutzt wird das Areal für einige saisonale Märkte und Feste, wie den Ostermarkt, die Sommerkirchweih mit Markt oder auch den Herbstmarkt. Er ist auch Treffpunkt für spontane Anlässe. 

Bürgermeister Reichold erinnert sich...

...an den Gewinn der Fußball-WM 2014: „Es gab 1990 nach dem WM-Erfolg ein spontanes Fest am Brunnen. Da wollten wir nicht nachstehen, trafen uns kurz nach dem Abpfiff 2014 am Brunnen und sprangen in voller Montur hinein. Manfred Brehm (Inhaber eines Elektrogeschäftes am Marktplatz, Anm. d. Red.) brachte einen Kasten Bier vorbei. Es herrschte eine tolle Atmosphäre.“ 

Bürgermeister-Vorgänger Helmut Krämer (links) und sein Nachfolger Stefan Reichold. 

24.03.2021 © Eduard Weigert


Nicht spontan, aber wesentlich größer waren Feste, an die sich noch heute viele gerne erinnern. „Als 1995 die 450-Jahr-Feier für die Marktprivilegien des Ortes anstanden, wurde ich gebeten, den Heroldsdienst zu übernehmen. Ich habe mich sehr gefreut, in die Rolle des Herolds zu schlüpfen und feierlich auf dem Marktplatz einzureiten, um die Urkunde zu überbringen. Es war eine großartige Feier, bei der alle Beteiligten in historischen Kostümen steckten.“ Der Herold war Christoph Schenk Graf zu Stauffenberg, dem damals Tausende Bürger zujubelten. 

Übertroffen wird dieser Andrang...

...von den Dorfkulturtagen 1999, als sich in zwei Wochen mehr als 40.000 Besucher in Heiligenstadt zu insgesamt 160 Veranstaltungen einfanden.
Was Besuchern heute auffällt, das sind die parkenden Autos. „Es gibt Besucher, die fahren bis direkt vor das Rathaus. Wünschenswert wäre eine Beschränkung auf die eingezeichneten Flächen. Der Platz verliert seinen Charme durch die vielen Fahrzeuge, doch ein komplettes Verbot wäre den Geschäftsleuten gegenüber nicht fair, wir wollen ja Gewerbe hier am Marktplatz“, erklärt Bürgermeister Stefan Reichold. Rund 15 Fahrzeuge parken im Schnitt täglich auf dem Platz, beobachtet er. 

Der Amtsvorgänger erinnert sich an Zeiten, als Anfang der 90er Jahre bis zu 70 Autos abgestellt waren. „Dafür hatten wir damals aber keinen Leerstand. Ich habe einmal versucht, einen Gemüseladen auf den Marktplatz zu holen, hatte aber keine Chance, denn alles war belegt“, erinnert sich Krämer. 

Davon ist Heiligenstadt...

...derzeit ein gutes Stück entfernt. Ende Februar schloss beispielsweise das Schuhgeschäft Ott an der Südseite des Marktplatzes endgültig. Reichold plant, dieser Entwicklung mit einem professionellen Leerstandsmanagement entgegenzutreten. Mut macht in diesem Zusammenhang, dass drei Unternehmer rund um den Marktplatz derzeit investieren und in jüngerer Zeit investiert haben. 

Was der Bürgermeister vermisst, das ist ein Bierkeller oder aber auch ein größerer Biergarten. „Das fehlt nicht nur hier, sondern im ganzen Leinleitertal. Wir müssen fahren, wenn wir ein Bier im Freiausschank trinken wollen.“ Krämer würde ein kleines Café oder Eisdiele mit Radlershop genügen.

Worauf sowohl Stefan Reichold...

...als auch sein Amtsvorgänger Wert legen, ist der Umstand, dass „sich das gesellschaftliche Leben unserer Flächengemeinde nicht nur auf dem Marktplatz im Hauptort konzentriert. Unsere Ortsteile haben alle ihre zentralen Stellen, ihre Plätze, wo sich die Leute zum ungezwungenen Plausch treffen. Das dörfliche Leben ist hier noch sehr ausgeprägt, das Zusammengehörigkeitsgefühl groß.“ Neben Teuchatz und Brunn ist das unter anderem auch in Kalteneggolsfeld der Fall.

„Das Feuerwehrhaus mit dem Vorplatz ist bei uns im Dorf der zentrale Treffpunkt“, sagt Gemeinderätin Elisabeth Dicker. In dem 142-Seelendorf trifft sich nicht nur der regelmäßige Frauenstammtisch im Feuerwehrhaus. Während des Jahres dient der Vorplatz zur Zusammenkunft bei zahlreichen Festen. „Die Termine haben sich die Bewohner dick im Kalender angestrichen“, freut sich die frühere Gemeindekämmerin über das ausgeprägte Dorfleben in Kalteneggolsfeld.

STEFAN BRAUN

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