Seit 14 Jahren in Planung

Hochwasserschutz in Kersbach lässt weiter auf sich warten

22.7.2021, 06:00 Uhr
Auf dieser Wiese im Süden Kersbachs, östlich der Pfarrgarten-Siedlung, ist das Regenrückhaltebecken geplant. Der Baubeginn ist allerdings weiterhin unklar.

Auf dieser Wiese im Süden Kersbachs, östlich der Pfarrgarten-Siedlung, ist das Regenrückhaltebecken geplant. Der Baubeginn ist allerdings weiterhin unklar. © Hubert Bösl

Um darüber aufzuklären, hat Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) jetzt in der letzten Vollversammlung des Stadtrates vor der Sommerpause eine "Chronologie der Planung" für den Hochwasserschutz in Kersbach geliefert - und zeichnete ein wenig rühmliches Bild von den Untiefen der hiesigen Bürokratie.

Am Anfang: das Jahrhunderthochwasser 2007, das Teile des Landkreises untergehen ließ. Auch Kersbach war stark betroffen. Und der Ruf nach einem Regenrückhaltebecken zur Abmilderung künftiger Starkregenereignisse wurde laut.

Ein Blick ins NN-Archiv veranschaulicht, dass sich das als langwierige Aufgabe herausstellte - obwohl zwischendurch immer wieder Hoffnung auf schnelles Handeln bestand. "Zu wenig getan für Hochwasserschutz" (2008), "Bau des Hochwasserschutzes schon 2009?" (2008), "Gründliche Planung braucht Zeit" (2008), "Regenrückhaltebecken nicht förderfähig" (2010), "Wenig Erhellendes für Kersbach" (2011), "Kersbach bekommt ein Riesenbecken" (2013), "Bewegung im Hochwasserschutz" (2014), "In vier Jahren könnte es so weit sein" (2019).

Diese Titel dokumentieren auch eine Chronologie des Scheiterns - die sich unter dem aktuellen Eindruck der Bilder aus Westdeutschland und Teilen des Freistaats noch verstärkt. Und die Frage brennt: Woran liegt es, dass auch nach 14 Jahren kein Rückhaltebecken in Kersbach existiert? Kirschstein, seit 2016 Forchheims OB, nahm seine Verwaltung in Schutz: "Wir hatten im Juni 2019 die Entwurfsplanung einschließlich Kostenberechnung fertiggestellt." Kurz darauf aber sei die Antwort des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) aus Kronach gekommen: Aufgrund der Baukosten von damals 7,1 Millionen Euro sei die Förderfähigkeit "nicht mehr wirtschaftlich" und daher gestrichen worden.

Wenig später einigte man sich im Stadtrat darauf, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, sprich auf eigene Kosten zu bauen, "denn der Schutz der Bürger und ihres Hab und Guts kann nicht eine Frage der Wirtschaftlichkeit sein", so Kirschstein.

Ende Juli 2019 trafen sich die Räte zu einem Sonderausschuss vor Ort in Kersbach, um die städtische Alternativplanung zu besprechen - und plötzlich überbrachte ein Vertreter des WWA die "frohe Botschaft", dass diese Alternativplanung doch förderfähig sei. Der OB weiter: "Im gleichen Jahr haben wir die weiteren Auflagen und Anforderungen erfüllt", darunter auch der seitens des Umweltministeriums geforderte Erwerb von Ausgleichsflächen - für Kirschstein ein Umstand, "den ich nicht wirklich verstehe": Handle es sich beim Rückhaltebecken doch um das genaue Gegenteil einer Flächenversiegelung. "Salopp gesagt, ist das eine Wiese, die dann etwas tiefer liegt. Aber offiziell gilt es als Bauwerk."

Jedenfalls habe die Stadt die Pläne schließlich wieder überarbeitet und im Februar 2020 beim Landratsamt eingereicht. Seither, so der OB, habe man weitere acht Einwendungen des WWA in die Entwurfsplanung einarbeiten müssen . "Die letzten Verbesserungsvorschläge kamen im Januar 2021." Erneut mussten diese mit eingearbeitet werden und erneut wurde eine überarbeitete Planung eingereicht. "Und selbst darauf gab es dann noch drei Stellungnahmen des WWA", so Kirschstein.

Der jüngste, um alle Änderungen ergänzte Entwurfsplan sei vor wenigen Tagen eingereicht worden. "Ich hoffe, dass diese Variante nun allem genügt. Das wurde uns von den Behörden auch zugesichert", erklärte der OB. Die Aussage des WWA laut Kirschstein: Die Pläne würden 'zeitnah' geprüft und 'zeitnah' genehmigt. "Damit tue ich mir aber ein bisschen schwer", so Kirschstein, "denn solche Aussagen haben wir auch schon vor zwei Jahren bekommen". Trotzdem ist der Rathaus-Chef optimistisch, dass es nun wirklich etwas wird und die Arbeiten für den Hochwasserschutz beginnen können.

Hier hakte Thomas Werner (CSU) nach, ob es eine "Zeitschiene" gebe, "falls wir denn jetzt eine Genehmigung kriegen". Der OB ging von einer "reinen Bautätigkeit" von 18 bis 19 Monaten aus. Bevor das geschieht, muss aber erst noch das Ausschreibungs- und Vergabeverfahren über die Bühne gegangen sein.

Erwin Held (FW) wurde emotional: Während aktuell weit über 150 Tote in Teilen Deutschlands zu beklagen seien und Schäden in noch gar nicht bezifferbarer Höhe entstanden sind, "machen wir hier seit 14 Jahren rum, um überhaupt ein Hochwasserkonzept zu kriegen - das ist doch einfach lächerlich!" All der "Verwaltungswahnsinn" interessiere "den Bürger da draußen überhaupt gar nicht mehr - wenn er Hof und Haus oder das Leben seiner Angehörigen oder sein eigenes verliert".

Held weiter: "Wie wollen wir das heutzutage noch jemandem begreiflich machen?" Er rechnete vor: Ein Jahr für Ausschreibung und Vergabe, zwei Jahre Bauzeit. Er fragte: "Müssen wir warten bis die nächste Katastrophe kommt?" - und klagte: "Vielleicht erleben manche diesen Hochwasserschutz gar nicht mehr, weil sie das nächste Mal einfach weggespült werden." Am Ende der Appell direkt an OB Kirschstein: "Geben Sie Gas! Wir alle stehen hinter Ihnen!"

Damit traf Held die Stimmung im Gremium auf den Punkt. Ludwig Preusch (FW) ergänzte, dass die aktuelle Katastrophe "uns in Zeiten des Klimawandels eine Warnung sein muss, wie wir Stadtplanung künftig betreiben". Und sein Parteikollege Manfred Hümmer regte zu einer grundsätzlichen Bestandsaufnahme an, was den Katastrophenschutz in Stadt und Landkreis Forchheim betreffe. Sprich: Was hat man aus 2007 gelernt, wie steht es um die Frühwarnsysteme - und wo und wie kann man Schutzmaßnahmen verbessern?

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