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Im Corona-Notfall muss Hochprozentiges aus der Fränkischen Schweiz helfen

Krisenstab bereitet sich auf Engpässe bei Desinfektionsmittel vor - 25.03.2020 18:26 Uhr

Die Brennereien in der Fränkischen Schweiz lassen jährlich beim Tag der Offenen Brennereien in ihre Brennstube blicken. Bald könnte von dort der notwendige Alkohol stammen, um in Corona-Zeiten genügend Desinfektionsmittel im Landkreis parat zu haben. © Roland Huber-Altjohann


Als Renate Hofmann aus Oberzaunsbach den Brief in den Händen gehalten hat, musste sie an den Zweiten Weltkrieg denken: "Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mir mein Opa als junges Mädchen erzählt hat, dass er als Brenner Alkohol abgeben hat müssen. Dieser wurde in der Kriegszeit eingezogen, weil man ihn für die Wundversorgung gebraucht hat", erzählt Hofmann. In Oberzaunsbach betreibt sie die gleichnamige Brennerei, ein Betrieb von rund 100 im Landkreis Forchheim, der vom Landratsamt angeschrieben worden ist.

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Der Krisenstab will auf den Ernstfall vorbereitet sein. Desinfektionsmittel darf während der Corona-Pandemie nicht ausgehen. Im Notfall lässt sich das mit dem Alkohol herstellen, der in den Brennereien der Fränkischen Schweiz lagert. "Wir sind noch nicht in der Notlage, dass wir sofort die Brennereien anzapfen müssten", sagt Dominik Bigge, am Landratsamt eigentlich für den Klimaschutz verantwortlich. Im Katastrophenfall geht der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung vor. Dafür ist Personal in verschiedenen Abteilungen gebündelt worden.

Alkohol ist nicht gleich Alkohol

Noch ist die Lieferkette intakt, sagt Bigge. Desinfektionsmittel kommen dort an, wo sie gebraucht werden: in Arztpraxen oder im Klinikum. Mit dem Rundschreiben will das Landratsamt eine Datenbank aufbauen - zur Übersicht. Dafür sollen sich die Brennereien zurückmelden und angeben, wie viele Liter Alkohol sie gelagert haben.

In Oberzaunsbach hat Renate Hofmann hochprozentigen Alkohol gelagert. Und sie ist bereit, im Notfall davon etwas abzugeben. "Ich nehme die Sache sehr ernst. Wir befinden uns in einem gesundheitlichen Notstand." Hofmann arbeitet in der Verwaltung eines Pflegeheims und weiß um die tägliche Situation in Zeiten von Corona. "Ich will gerne meinen Beitrag leisten und helfen."

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Nicht alle Brennereien haben aber reinen Alkohol gelagert. Dieser hat einen Gehalt von 96 Prozent. Nur Betriebe, die ihrem Produkt künstlich Alkohol zuführen müssen, damit es überhaupt hochprozentig wird, haben diesen gelagert.

Bei einem ausschließlichen Obstbrenner entsteht der Alkohol ganz natürlich und automatisch. "Der Alkohol entsteht beim Vergären von Birne, Zwetschge und Co.", sagt Norbert Winkelmann vom Brauhaus am Kreuzberg in Hallerndorf. Das ist auch bei Susann Singer von der Brennerei Singer in Mittelehrenbach der Grund, weshalb sie im Notfall dem Landratsamt keinen reinen Alkohol anbieten kann, höchstens den so genannten Vorlauf.

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Dieser fällt beim Destillationsprozess an und landet nicht in der Schnapsflasche. Winkelmann verkauft den 80 bis 85 prozentigen Vorlauf bisher an die Industrie. Doch darin enthalten ist Methanol, das nicht im Desinfektionsmittel landen darf, sagt Dr. Günther Hammer, Apotheker in Forchheim. Ein Rat ist ihm ganz wichtig: "Wer sich die Hände viel desinfiziert, soll sie bitte regelmäßig eincremen, egal mit welcher Creme." Das verhindere Schäden an der Haut.

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Es mangelt an Flaschen für die Abfüllung

Seine Mitarbeiter produzieren selbst Desinfektionsmittel. Die Nachfrage sei neben dem klinischen Personal besonders bei Zahnarztpraxen groß. Dort kommen Angestellte und Ärzte den Patienten sehr nahe. Liefer-engpässe beim Alkohol stellt Hammer noch nicht fest. "Hauptproblem sind Flaschen, die für die Abfüllung geeignet sind." Die Apothekenkammer habe dennoch vorsorglich darauf aufmerksam gemacht, über Brennereien den Alkohol für die Herstellung zu beziehen. "Viel hilft nicht viel", schränkt Hammer ein.

Seine beste desinfizierende Wirkung entfalte Alkohol bei einer Konzentration zwischen 68 und 80 Prozent. Um das zu erreichen und um den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gerecht zu werden, müssen neben Wasser zum verdünnen auch noch andere Stoffe für ein Desinfektionsmittel herangezogen werden.

An den WHO-Standard orientiert sich auch der Landkreis, sagt Bigge. Noch sei offen, wo der Alkohol zum Desinfektionsmittel verwandelt werden soll. Diese Aufgabe könnte auf die Apotheken zukommen. Das Landratsamt will zudem prüfen, ob das kreiseigene Obstinformationszentrum in Hiltpoltstein für den Alkoholankauf in Aktion tritt. Der Landkreis will zunächst das medizinische Personal versorgen. Auch in der Krisenzeit lässt sich aus einer Genussregion Potenzial schöpfen.

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