Donnerstag, 14.11.2019

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In Afrika fand sich die 19-jährige Jasmin Ochs selbst

Die Veilbronnerin erzählt von den vielen Auf und Abs ihres Jahres in Benin - 18.10.2019 11:08 Uhr

„Es war nicht immer schön, es war nicht immer gut, aber es war notwendig und das Beste, was ich hätte tun können“, sagt Jasmin Ochs (Mitte) über ihren Auslandsaufenthalt. Beschwerlich ist schon das Essen kochen. Auf dem Bild stampft sie Mais. © Foto: Jasmin Ochs


Ein Jahr lang hat Jasmin Ochs (19) aus Veilbronn einen Freiwilligendienst im westafrikanischen Benin absolviert. Die NN haben bereits im August 2018 und im März 2019 berichtet. Nun ist sie zurück in Franken und zieht ein zwiespältiges Fazit ihres Auslandsaufenthaltes: Beinahe wäre sie wegen einer Erkrankung und Ärger in der Gastfamilie vorzeitig zurückgekehrt. Dann aber lernte sie das Land und die Leute noch einmal kennen – und fand sich selbst.

"Das Beste, was ich tun konnte"

"Es war nicht immer schön, es war nicht immer gut, aber es war notwendig und das Beste, was ich hätte tun können." Ein bisschen erschöpft klingt Jasmin Ochs, aber auch euphorisch, wenn sie auf die letzten Monate zu sprechen kommt. Da lebte die junge Frau in Natitingou im Norden Benins und unterrichtete Mädchen und Frauen im Lesen, Schreiben und Rechnen.

Beinahe wäre das ganze Projekt gescheitert. Zunächst wegen ihrer Gastfamilie. "Ich fühlte mich dort lange Zeit sehr einsam", erzählt Ochs. Erst ein Umzug in den Haushalt des dortigen Pastors, in dem insgesamt 57 Personen lebten, habe einen Umschwung gebracht. Hier war sie nicht nur Beobachterin, sondern Mitwirkende: Sie half beim Kochen und anderen anfallenden Tätigkeiten – Waschen, Geschirrspülen, Kehren oder Feldarbeit. "Ich war Teil einer Familie und der Gesellschaft, mir wurde vertraut, ich war nicht mehr nur ,die Weiße‘, sondern eine von ihnen, akzeptiert und eingebunden."

Der Tag begann für Ochs um halb Fünf mit einem lautstarken Hahn, der solange vor ihrem Fenster krähte, bis er im Kochtopf landete. Um sechs Uhr folgte das Morgengebet, nach dem die Freiwillige alleine sein konnte. "Da las ich gerne in der Bibel oder spielte Gitarre."

Nach dem Frühstück bei Maman Marthe ging es um neun Uhr an die Arbeit ins "Centre Déborah". Erst einmal die Schülerinnen suchen, dann Unterricht mit Lesen, Schreiben und Rechnen und auch bei bis zu 40 Grad im Schatten einen kühlen Kopf bewahren. Um ein Uhr nachmittags ein Schläfchen unter dem Baum, ein Happen zu essen oder ein bisschen Fernsehschauen. Um 15 Uhr ging es im Klassenzimmer weiter. Manchmal mussten aber auch Wasser geholt, Holz gesucht oder die Bohnen geerntet werden. Dann waren alle auf den Beinen. Bis am Abend ein gemeinsames Gebet den Arbeitstag beendete.

Essen, Gottesdienst, Chorprobe und schließlich Bibelstudium

Nach dem Essen stand entweder ein Gottesdienst, eine Chorprobe oder das Bibelstudium an. "Es gefiel mir sehr gut, zu singen und zu tanzen, auch wenn ich von der Predigt danach nicht soviel verstand." Wenn es dunkel wurde, ging Ochs sich "amüsieren": Mit Léontine quatschen, mit Edith die Sterne anschauen, mit anderen ein zweites, drittes oder viertes Abendessen einnehmen, mit Rosalie singen, mit Clémentine tanzen, mit Péniel deutsch sprechen oder mit dem Pastor über Gott und die Welt reden.

Den Alltag lernte sie auch in dem Dorf Kouberepou kennen, wo sie während einer Hochzeit mit ihrem Chor den Einzug der Braut besang. "Es war so ein schöner Abend am Kochfeuer." Sie schälte mit anderen Frauen säckeweise Zwiebeln und Knoblauch. "Da war es völlig egal, welche Hautfarbe ich hatte."

Nicht am Pool sondern in der Großstadt unterwegs

In Cotonou erfreute sie sich am riesigen Markt, in dem sie sich auch verlief. Sie kam mit den Einheimischen ins Gespräch. "Die Leute wunderten sich, dass ich nicht wie andere Europäer am Pool liege, sondern die Großstadt erkunde."

Bei den Ausflügen in den Süden Benins legte Ochs großen Wert darauf, kein touristisches Programm abzuspulen. So besuchte sie zwar den "bernsteinfarbenen Sandstrand" von Grand Popo. Dort aber legte sie sich nicht in die Sonne. "An Schwimmen war wegen der gefährlichen Strömung nicht zu denken. Ich war nur knöcheltief im Wasser, da zog es mir schon die Beine weg." In Ouidah besichtigte sie den Hafen, über den jahrhundertelang afrikanische Sklaven in die Neue Welt verschleppt worden waren. "Das war extrem erschreckend."

Auch eine unerklärliche Krankheit suchte Jasmin Ochs heim. Für solche "Bauchgeschichten" sei das tropenmedizinisch fabelhafte Krankenhaus im Ort nicht ausgelegt gewesen. Und sich eineinhalb Stunden in ein Taxi setzen, um zum nächsten Klinikum zu kommen, das habe sie sich dann doch nicht getraut. "Nach einigen negativen Tests dachte ich, in den übrigen eineinhalb Monaten würde ich schon nicht sterben."

Zeit für etwas Neues

Nach solchen Erfahrungen hat Ochs sich nun auch selbst gefunden: Lehrerin möchte sie nicht mehr werden. "Ich habe zwar die Geduld dafür, aber nicht die Lust, diese Geduld ständig neu aufzubringen." Stattdessen hat sie sich für ein Pharmazie-Studium in Würzburg entschieden.

Sie habe einen kleinen Teil ihres Herzens in Benin gelassen, wo sie auch viel über Heilpflanzen erfahren habe. "Als ich zurückkam fühlte ich mich plötzlich so fremd in der eigenen Heimat." Da war es Zeit für einen Neuanfang.

UDO GÜLDNER

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