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Interview über den Tod: Wie Hospizhelfer zu wahren Engeln werden

Einblick: Was das Sterben ausmacht und wie wichtig Rituale beim Trauern sind - 01.04.2021 20:00 Uhr

An Allerheiligen gedenken Katholiken ihrer Verstorbenen. Blumenschmuck auf den Gräbern – wie hier auf dem Friedhof in Kirchehrenbach – Gebete und Gottesdienstbesuche gehören für viele Menschen an diesem Tag dazu.

30.10.2020 © Foto: Edgar Pfrogner


Einfach mal einen Kaffee trinken oder in Ruhe einkaufen gehen? Für Menschen, die sich um sterbende Angehörige kümmern, ist der Alltag auf den Kopf gestellt und extrem belastend. Ehrenamtliche des Hospizvereins unterstützen und entlasten Angehörige, begleiten Menschen bis zum Abschied aus dem Leben und lassen Trauernde danach nicht alleine. Anja Raue aus Wohlmannsgesees trägt als eine von drei Koordinatorinnen des Vereins im Landkreis dazu bei. Der Tod ist ständiger Begleiter in ihrem Leben.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Anja Raue: Hatte ich früher. Die Angst vor dem Tod war immer ein Hindernis für mich, den Pflegeberuf auszuüben. Ich hatte Angst, mit der Situation alleine zu sein. Als ich meine Oma und meinen Schwiegervater daheim beim Sterben begleitet habe, verlor ich diese Angst. Ich war alleine, konnte mich verabschieden und habe gemerkt, dass es nicht schlimm für mich ist. Daraufhin habe ich mit 32 Jahren mit der Pflegeausbildung gestartet. Mir ist es wichtig gewesen im Beruf, dass niemand alleine sterben muss. Erst später bin ich auf den Hospizverein aufmerksam geworden und habe eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin absolviert.

In dem Moment, in dem ein Mensch das Leben verlässt: Gibt es etwas, das bei allen gleich ist?

Raue: Die Energie im Zimmer ändert sich. Man merkt, dass es anders ist. Der Adrenalinspiegel steigt. Danach ist man total gelöst. Bei den Sterbenden entsteht beim Loslassen ein leichtes Lächeln im Gesicht, egal wie schwer die Krankheit war. Es ist ein Gesichtsausdruck, als würden sie noch etwas Schönes sehen. Dieses Fallenlassen spürt man bei allen. Dann kommt eine angenehme, schöne Stimmung im Zimmer auf. Das sagen auch die Angehörigen. Nicht immer erleben Sterbebegleiter den Tod der Person, die sie begleitet haben. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Sterbende. Er und seine Angehörigen bestimmen den Prozess. Wir nehmen uns als Begleiter zurück, stehen aber auf Wunsch zur Seite.

Reden wir zu wenig über den Tod?

Raue: Man kann heute mehr über das Sterben und den Tod in der Familie reden, aber es ist immer noch ein Tabu-Thema.

Sie hat jeden Tag mit dem Tod zu tun: Anja Raue (49) aus Wohlmannsgesees, einem Ortsteil von Ebermannstadt, ist beim Hospizverein für den Landkreis Forchheim für die Koordination der 96 Ehrenamtlichen verantwortlich, die Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten. Bevor sie hauptberuflich Koordinatorin war, hat sie über Jahre Menschen ehrenamtlich in den Tod begleitet.

30.10.2020 © privat, NN


Lassen wir Trauer ausreichend zu?

Raue: Freunde eines Hinterbliebenen gehen bei der Trauer im ersten Jahr noch relativ gut mit, ab dann heißt es, der Trauernde muss wieder so sein wie vorher. Das geht nicht. Die Trauer ist nach einem Jahr nicht weg. Sie wird leichter, hört aber nie auf. Es ist wie Ebbe und Flut. Sie kommt und geht wieder. Es gibt Tage mit viel Lachen, an denen man sich wieder dem Leben widmet. Aber es kommen auch traurige Tage. Die Erinnerungen an den Verstorbenen bleiben und sie sollen auch nicht verloren gehen.

Wie wichtig ist es, zu trauern?

Raue: Die Zeit zwischen dem Tod und der Beerdigung ist eine ganz wichtige Phase. Wenn hierbei eine gute Verabschiedung nicht möglich ist, tun sich Angehörige im Nachgang sehr schwer. Die Beerdigung zu organisieren, den Angehörigen zu waschen oder anzuziehen, sich bewusst mit dem Verlust auseinanderzusetzen, ist für viele sehr hilfreich. Viele Angehörige erleben den Sterbeprozess heutzutage nicht mehr selbst. Menschen sterben in Heimen oder Krankenhäusern, kaum zu Hause.

Gerade auf dem Land sind Verstorbene früher oft zu Hause aufgebahrt worden. Familie und Nachbarschaft konnten sich verabschieden. Dieses Ritual gibt es fast nicht mehr. Es fehlt das Praktizieren, die Zeit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, oder?

Raue: Bei uns auf dem Land wird das noch eher praktiziert. Für den Toten gibt es eine Leichenwache, eine Aussegnung findet statt. Familie, Angehörige und die Dorfgemeinschaft haben die Möglichkeit, sich vom Toten zu verabschieden. Sich bewusst mit dem Tod des geliebten Menschen auseinanderzusetzen und das zu praktizieren, kann hilfreich sein.

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Der Tod kann aber auch Angst machen.

Raue: Definitiv. Es gibt Menschen, die mit dem Tod zu Hause nicht zurechtkommen. Das muss jeder für sich entscheiden. Hierzu beraten wir auch. Es gibt aber auch Menschen, die zu Hause sterben wollen. Ihnen und ihren Angehörigen stehen ehrenamtliche Hospizhelfer dabei zur Seite und wenn es nur das gemeinsame Kochen ist.

Wie können Angehörige wieder zurück ins Leben finden?

Raue: Über die Trauer zu reden, ist das Wichtigste. Das wird mit der Zeit auch leichter. Viele versuchen einen Neubeginn, ohne einen wirklichen Abschluss mit dem Alten zu machen. Das macht einen Neubeginn sehr schwer. Das gilt auch nach einer Trennung, bei Veränderungen im Beruf oder nach einer überstandenen schweren Krankheit. Mit solchen Trauerprozessen sind wir im Leben oft konfrontiert.

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Wie begleiten Sie Trauernde?

Raue: Hinterbliebene begleiten wir beim Trauerprozess mit zunächst wöchentlichen Sitzungen und bleiben jederzeit Ansprechpartner. Wobei der Prozess schon in der letzten Lebensphase des Sterbenden beginnt. Gerade Weihnachten, der Geburtstag des Verstorbenen oder der erste Todestag sind gravierende Daten für Angehörige. Für Gespräche oder auch gemeinsames Weinen können sie sich jederzeit bei uns melden. Hierfür haben wir ein Büro, wir gehen aber auch gemeinsam mit den Trauernden spazieren oder besuchen sie zu Hause. Später finden auch Treffen im Café statt.

Wie hat Corona das Sterben verändert?

Raue: Die Nachfrage nach Trauerbegleitungen ist stark gestiegen, weil Angehörige nicht richtig Abschied nehmen konnten, die Rituale gefehlt haben und Konflikte entstanden sind. Während des Lockdowns waren Beerdigungen auf knapp 15 Personen begrenzt. Sich am offenen Sarg zu verabschieden war nicht mehr erlaubt, Besuche im Krankenhaus oder Pflegeheim waren erschwert oder gar nicht möglich. Der Abschied fehlt, das macht es schwerer, mit dem Verlust umzugehen. Viele haben sich deshalb Hilfe bei uns geholt und hatten Gesprächsbedarf. Auch die Hospizhelfer durften nur kurz vor dem Tod in die Heime.

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Als Angehöriger eines Sterbenden bei Ihnen nach Hilfe zu fragen, ist bestimmt nicht einfach.

Raue: Uns ist es wichtig, die Nachricht in die Welt zu bringen, dass es eine große Stärke und keine Schwäche ist, sich als Angehöriger Hilfe zu holen. Das ermöglicht einen würdevollen Abschied, ohne das Gefühl zu haben, die Situation nicht mehr bewältigen zu können. Manche verlieren aus Überforderung auch die Geduld dem Sterbenden gegenüber, weil es eine extrem belastende Situation ist. Da kann schon mal ein böses Wort fallen, das beim Hinterbliebenen nach dem Tod Schuldgefühle auslöst. Das alles ist nur menschlich. Deswegen sind wir hier, um zu unterstützen. Unser Ehrenamt kostet nichts.

Was bewirkt die Unterstützung bei Hinterbliebenen?
Raue: Das gemeinsame Gespräch wirkt oft wie ein Eisbrecher. "Sie sind ein Engel" hat eine Frau einmal zu einem Hospizhelfer gesagt, weil sie drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes zum ersten Mal wieder lachen konnte.

Der Hospizverein ist für Sterbende, Angehörige wie auch für alle, die an einer ehrenamtlichen Tätigkeit interessiert sind, unter der Telefonnummer (09191) 70 26 26 erreichbar. Der Verein ist Ansprechpartner für die Sterbebegleitung Erwachsener und Kinder, für Trauerbegleitung und bietet Beratungsgespräche zu Hilfen für Angehörige wie Sterbende an.

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