Donnerstag, 29.10.2020

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Jahn-Halle ade: Das geheimnisvolle Kassenhäuschen

Die Forchheimer Platzordner plaudern aus dem Nähkästchen - 06.08.2020 14:22 Uhr

Zwei Männer fürs Grobe, die aber immer viel Fingerspitzengefühl beweisen müssen: Karl Eckert (links) und Reiner Täubl haben reichlich Erfahrung als Platzordner bei der SpVgg Jahn Forchheim.

© Foto: Udo Güldner


Die beiden Platzordner Karl Eckert (63) und Reiner Täubl (71) erinnern sich an eineinhalb Jahrzehnte voller brenzliger und kurioser Situationen neben dem Spielfeld. Ihr Motto lautet: "Wir wissen genau, was wir zu tun haben."

Das bekommen während eines Pokalspiels gegen Ingolstadt auch einige Unruhestifter zu spüren. Die fünf Club-Fans nähern sich der Gästebank. Von dort aus coachen Horst Köppel und Michael Wiesinger den Drittligisten. Als es den Trainern an den Kragen gehen soll, greifen Karl Eckert und seine Ordner ein. Eine Aushilfe packt einen und trägt ihn kurzerhand vom Gelände. Das beeindruckt auch Karl Eckert, der 1978 auch schon bei Bundesliga-Spielen im Olympiastadion für Ruhe und Ordnung gesorgt hat: "Es braucht als Ordner Kraft, Übersicht und Menschenkenntnis."

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Die Forchheimer Jahn-Halle - ein Juwel wartet auf den Abrissbagger

Große Pläne hatte der 1904 gegründete TV Jahn Forchheim in den 20er Jahren: Eine eigene Halle sollte her. Die Jahn-Halle war - auch nach der Fusion mit der Sportvereinigung Forchheim im Jahr 1947 - viele Jahrzehnte lang ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Forchheim. Im Spätsommer sollen die Bagger anrollen. Auch die Jahn-Halle muss dem Wohngebiet "Philosophenviertel" weichen, der gesamte Verein zieht in den Stadtnorden um. Wir blicken nostalgisch zurück und haben mit zwei Jahn-Urgesteinen noch einmal einen Rundgang durch "ihre" Halle unternommen.


Selbst verletzt wurden die beiden übrigens nie. Auch weil der Alkohol nicht mehr die Rolle wie früher spiele. Die schwierigsten Gegner für Karl Eckert und seine Jungs in den gelben Westen sind Schweinfurt, Würzburg, Hof oder Aschaffenburg. Je höher die Liga, desto mehr gibt es auf der Tribüne zu tun. Wenn solche "Risikospiele" anstehen, dann reichen die sechs Ehrenamtlichen an der Bande nicht mehr aus. Dann braucht es jeden Mann und Verstärkung durch die Bereitschaftspolizei und den Einsatz-Zug aus Bamberg.

"Echte Schläger"

Nicht nur, weil da rund 1500 Zuschauer auf das Jahn-Gelände drängen. Auch weil die Gäste kampferprobte Hooligans mitbringen. "Das sind dann keine Ultras, denen es um den Sport geht, sondern echte Schläger, die nur kommen, um zu schlägern", sagen Eckert und Täubl. Mit der Methode, die Unruhestifter einzukesseln und so die echten Fußballfans zu schützen, sei man immer gut gefahren.

Seit Jahrzehnten ein heimlicher „Hotspot“: Im Kassenhäuschen der SpVgg Jahn werden nicht nur die Eintrittskarten verkauft.


Als Sicherheitskraft ist man aber auch Bodyguard des Schiedsrichters. Einmal hätten es einige besoffene Fans aus Hof auf den Linienrichter abgesehen. "Da sind wir dazwischen. Woher die das Bierglas hatten, wissen wir bis heute nicht", so das Ordner-Duo. Denn auf dem Jahngelände gibt es Getränke nur in Plastikbechern. Zudem wird am Eingang kontrolliert. Damit niemand gefährliche Gegenstände oder Bengalisches Feuer hineinschmuggeln kann.

Manchmal reiche es, die körperliche Überlegenheit zu zeigen, manchmal müsse man den Leuten reden. Es gebe aber auch Fälle, wie Fans aus Aschaffenburg, die erledigten sich von selbst. "Die haben sich auf dem Weg ins Stadion schon gegenseitig verprügelt", erinnern sich die beiden. Ohnehin sei es am besten, wenn die Lage erst gar nicht eskaliere.

"Vertrauensbildende Maßnahmen"

Karl Eckert und seine Kollegen haben da einige "vertrauensbildende Maßnahmen", die mit dem Kassenhäuschen zusammenhängen. Einmal wollen Anhänger aus Würzburg sich den Jahn-Coach Michael Hutzler schnappen. Die Ordner verhindern durch schnelles Eingreifen Schlimmeres: "Nach dem Spiel saßen wir dann mit denen auf ein Bier beisammen und wurden Freunde." Manchmal aber geht der Schuss nach hinten los. Wie bei einem ehemaligen Jahn-Spieler, der im entscheidenden Aufstiegsspiel für Bayreuth auflief. "Der bekam von uns zur Begrüßung einen Schnaps und hat uns nachher abgeschossen."

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Die SpVgg Jahn Forchheim - von den Turnvätern bis heute

Der Turnverein 1904 Forchheim war die Keimzelle, die 1924 gegründete Sportvereinigung Forchheim dann das Sammelbecken der von den Turnern verschmähten Fußballer. 1947 fusionierte man zur Sportvereinigung Jahn Forchheim, in der seither viele Sportarten betrieben wurden. Manche sind in der Versenkung verschwunden, andere neu dazu gekommen.


Während Reiner Täubl "ein Näschen" für die Krawallmacher hat, kann Karl Eckert aus seiner langjährigen Erfahrung als Polizeibeamter schöpfen. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum man ihn gefragt hat. Denn bis dahin hat er "nur" den Fußball-Nachwuchs betreut.

Vom Spiel selbst haben die beiden man allerdings nicht viel sehen können, "Tore in der ersten Viertelstunde eigentlich nie". Wenn es ruhiger ist, gehen Eckert und Täubl auch mit der Spendendose herum oder verteilen Lollies an die kleinen Zuschauer. "Wir sind ja auch Botschafter des Jahn und wollen sein Image verbessern". Sie selbst bekommen keinen Euro. Nur ein Getränk und ein Bratwurstbrötchen.

Mitten unter den Fans

Nach einem Jahrzehnt hatte Karl Eckert im vergangenen Frühjahr seinen letzten Einsatz. Nun steht Reiner Täubl, seit 42 Jahren Fan und Mitglied des Jahn, als Leiter des Teams in der Pflicht. Das hat die wichtige Aufgabe, Ausschreitungen und damit auch empfindliche Geldstrafen für die SpVgg Jahn Forchheim zu verhindern. Die Strategie: "Wir plazieren uns oft im Publikum, um bessere Sicht zu haben." Auch auf der "blauen Bank", auf der die lautstarken Jahn-Fans sitzen.

Den Schiri eingesperrt

Neben all den brenzligen Situationen hat das Duo aber auch Lustiges zu erzählen. Etwa wie man einmal aus Versehen einen saumseligen Schiedsrichter aus Eggolsheim, der die zweite Mannschaft gepfiffen hatte, in der Kabine eingesperrt habe.

Oder wie einst Innenminister Joachim Herrmann vorbeigeschaut habe, um seinen beiden Söhne zuzusehen, die bei der SpVgg Erlangen spielten. "Der kam ohne Polizeischutz. Den haben wir dann übernommen", so Eckert und Täubl. Oder als der Trainer sich bei der Feier aus Anlass des Aufstiegs in die Landesliga in der Jahn-Halle einen Ringkampf mit dem stärksten Spieler geliefert und verloren hat.

Oder wie man auf gerade einmal neun Quadratmetern im Kassenhäuschen Meisterfeiern mit bis zu 18 Leuten stemmt. "Das war eine ganz große Zusammengehörigkeit." Es sei auf kleinem Raum auch gelungen, die Neuzugänge in der ersten Mannschaft zu integrieren.

Mitnehmen in den Norden?

Jetzt wo der Jahn-Halle der Abriss droht, haben Karl Eckert und Reiner Täubl noch einen Plan. Sie wollen ihr geliebtes Kassenhäuschen mit in den Norden nehmen. Dorthin wo das neue Sportzentrum entstehen soll. Damit man auch weiterhin im geheimen Jahn-Hauptquartier Brotzeit machen und Freundschaften schließen kann.

UDO GÜLDNER

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