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Jugend in den 1960ern: Im Sog des Annafestes

Neue Serie: Thomas Walther blickt zurück auf Kindheit und Jugend in Forchheim-Nord. - 25.07.2020 09:00 Uhr

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So feierte Forchheim sein Annafest in den 1960er Jahren

Socken in Sandalen und kurze Hosen bei den Buben, Anzug und Krawatte bei den Herren: Wer in den 1960er Jahren das Forchheimer Annafest besuchte, achtete darauf, festlich gekleidet zu sein. Wir haben zurückgeblickt und kleine Schätze aus unserem Bildarchiv gehoben. Fahrgeschäfte von anno dazumals, das frühere Riesenrad, Schießbuden und Anstich mit OB Ritter von Traitteur. Finden Sie sich oder Ihre Eltern/Großeltern auf den Bildern? viel Vergnügen!


Gegen Ende der 80er Jahre hat ein Freund mit seinem Walkman-Rekorder spätabends Annafest-Atmosphäre im Ton festgehalten, darunter auch einige Minuten neben dem Pistolenschießstand von Heinz Melchior. Zu hören war die unvergessliche Stimme mit dem unvergesslichen “Obacht geben (Pause) und aufpassen” und diesen feierlichen Worten bei der Preisvergabe: “Du hosd an Abfelkorn zer viel gkriechd, schbei na wieder aus!” Die Kassette ist leider verloren gegangen, viele Erinnerungen sind noch vorhanden. Bis zurück in meine Vorschulzeit.

Fest war — und fest steht: Ich wollte schon früh im Leben dabei sein, denn Ende Juli war Forchheim anders, das hatte auch ein Fünfjähriger in der Paul-Keller-Straße begriffen. Es gab nur ein Ziel, jenseits vom Piasten-Bahnübergang. An den beiden Annafest-Sonntagen schon vormittags, wenn die Sonne die blinkenden Lichter überstrahlte, die gebrannten Mandeln warm und frisch waren und es zwischen den Kellern sauer nach Bierresten roch. Ohne allzu viel Konkurrenz am Kinderkarussell bekam ich endlich eine Chance, auf einem der heiß begehrten Traktoren mitzufahren.

1970: Der große Annafestzug passiert in historischen Kostümen den Piasten-Bahnübergang auf dem Weg in den Kellerwald. Tatsächlich: Es gab damals noch keine Brücke.

24.07.2020 © Foto: NN-Archiv


Damals wurden die Route und Knotenpunkte für alle Annafestbesuche mit und später ohne Eltern abgesteckt: Untere Keller bis hinter den Autoscooter, obere Keller bis Schützenhaus und zurück. Mit ersten "tollen" Preisen: Waschlappen (Karlsruhe) vom Glückshafen und Winky-Blinky-Quietschfigur aus der Schießbude in der Kurve. Einmal ganz durchlaufen sicherte in jedem Fall die Versorgung mit Fisch- und Brodwurschdbrödla oder Schaschlik, statt Bier gab es eine Bluna, Sinalco, Libella, Afri-Cola oder Chabeso.

Jahre später, ohne erziehungsberechtigte Begleitung, traf man sich zum Zuschauen, Rumhängen und Mitfahren am Autoscooter. Hinter dem rotierte zunächst der Lindwurm, ein Karussell, bei dem sich gegen Ende der Fahrt für ein paar Runden eine grüne Stoffplane über die Sitzbänke stülpte. Dieser Sichtschutz fand bei Verliebten und anderweitig angeregten Menschen großen Anklang, gekreischt wurde auch bei offenem Verdeck. Spätere Modelle rasten dort ohne Verdunkelung und hießen darum auch nicht mehr Lindwurm.

1970: Das Riesenrad stand schon immer dort, wo es – beziehungsweise sein Nachfolgemodell – noch heute steht.

24.07.2020 © Foto: NN-Archiv


Mein Star unter allen Fahrgeschäften blieb das original "Michel’s" Riesenrad. Mit dem ging es, wenn es das Personal am Bremshebel so wollte, sehr flott rundherum. In einer nicht voll besetzten Gondel konnte man es durch heftiges Schaukeln so anstellen, dass die bei Abwärtsrichtung kurz waagerecht in der Luft hing und man entweder senkrecht zum Himmel oder auf den Erdboden schaute; ein echter Annafesthöhepunkt, besonders nachmittags, weil da die Fahrten länger dauerten.

Ich bevorzugte Fahrten in die Höhe, drum stieg ich gleich nebenan in den Pressluftflieger, um rauf und runter meine Kreise zu ziehen.

1966 gehörten Socken in Sandalen einfach zum guten Ton. Auch beim Schießen auf dem Annafest.

24.07.2020 © Foto: NN-Archiv


Zum Annafest ging es immer nach oben, für Jahre in der Lichteneiche ab dem enormen Bierzelt, das von allen Festbierstationen am häufigsten im Forchheimer Polizeibericht auftauchte. An Haupttagen wurde ab Frühschoppen ausgeschenkt, bei Hitze waren die Zeltwände weg. Aber ich war da, denn in den Zeiten der Blaskapellen spielten dort nachmittags die Black Bones frühe Hits der Beatles, Stones und von Simon & Garfunkel wie aus der Musikbox. Schlagzeuger Lucky Schmidt erzählte, dass viele vorabendliche Zeltgäste im Gegensatz zu mir wenig von der musikalischen Abweichung hielten: "Eight Days A Week" statt "Oans, zwoa, gsuffa". Live erklang von den Podien unter den Bäumen nur Blasmusik, mindestens einmal dirigierte der OB den in Forchheim komponierten Musinan-Marsch. Wenn schon richtig was los war, boten die Musikanten unter Kapellmeister Kaspar Feldbaum neben dem Winterbauer einen besonderen Gag: Sie setzten sich riesige Pappmacheeköpfe auf und bliesen los, für extra Stimmung beim Dauerprosit. Am stilleren, weil kapellenfreien Dienstag und Donnerstag sprangen auch mal die beiden Forchheimer Gesangvereine ein und verzauberten Podium und angrenzende Bierkeller mit ihren lieblichen Stimmen.

Mann gegen Bär

Der Pressluftflieger: Sein Anblick (hier ein Bild von 1969) löst wahrscheinlich nicht nur bei Thomas Walther wohlige Gefühle aus.

24.07.2020 © Foto: NN-Archiv


Wem das zu harmonisch war, der konnte beim Ringkampf Mann gegen Bär zuschauen oder selber in die Manege steigen. Wie, so sagt man, Manfred Bienert, damaliger Schwergewichtsmeister vom AC Bavaria, Kampfausgang unbekannt.

Gleich zwei Mini-Zirkusunternehmen machten sich gegenseitig bärige Konkurrenz. Um Kundschaft anzulocken, lud ein Zirkusdirektor das umstehende Publikum ein, einem Fräulein Johanna beim kessen Twist vor dem Zelt zuzusehen. Meinem Kumpel und mir war das Unterhaltung genug, wir pfiffen auf den Bären und gingen weiter, zum Spielen aufgelegt, beim Ballwerfen auf Gummihüte oder Büchsenpyramiden. Wir endeten an der Wurfbude, wo man Holzkugeln in einem Eimer versenken musste, ohne dass diese wieder heraus hüpften. So wie es der Mann in der Bude aus dem Handgelenk vormachte. Das sah einfach aus, doch komplizierte unsere Finanzlage, denn wir ließen einfach zu viel Geld und nicht die Kugeln im Eimer.

Als Multi-Groschengrab erwies sich auch der Meteor-Stand mit seinen Spielautomaten. Las Vegas in Forchheim, für drei angezeigte gleiche Symbole gab es mehr als einen Punkt und eine Glückwunschansage: "Und schon wieder drei kleine Schornsteinfeger." In Zockerstimmung zog es mich zum Fenster der winzigen Spielkartenbude, wo man seinen Groschen auf eines von fünf Feldern (die vier Asse plus Kreuzbube) legte. Ein Zufallsgenerator "mischte", angezeigt durch wildes Blinkern, die Karten durch und die zum Schluss beleuchtete Karte gewann. Gewinnsicher investiert war mein Kleingeld beim Nagel-einschlagen-Spiel, um Fähnchen der ersten Bundesligavereine zu sammeln, ausgenommen das von Tasmania 1900 und Preußen Münster!

Gewinnen ist nicht alles. "Immer wieder dabei sein, das macht Spaß, das bringt Freude", das allseits lautsprecherverstärkte Motto der Schausteller galt auch für die mit dem Alter zunehmenden Stunden an den Bierkrügen. 1975 waren drei belastbare Jungs aus dem Lake District Nordenglands zu Gast und standen zusammen mit ihren Forchheimer Freunden schon bald in Vollform auf dem Biertisch. Um die Taktzahl beim Krüge leeren zu erhöhen, begannen wir, die Namen englischer Fußballvereine zu grölen, stets gefolgt vom enthusiastischen "Yeah" aller Beteiligten und einem tiefen Schluck. Belastbar? Yes! Einer fiel vom Tisch, wir befürchteten Schlimmeres, doch er war gleich wieder obenauf: "Liverpool" — "Yeah". Ein anderer schlug nicht nur einmal beim späten Heimweg auf die Konradstraße auf und sich gut hörbar den Kopf an, was er locker bis zur Bergstraße wegsteckte. Dort zelteten die Drei beim Dolp Martin. An diesem Abend  nur zu zweit, denn beim allerletzten Gang durch die Menge war uns ein Duo selbstbewusster Mädels entgegengekommen und eines griff zu, zog ohne anzuhalten einen der Northern Boys an sich, der die abrupte Kehrtwende und restliche Nacht gut überstand. Am nächsten Tage erklärte er mir "I still feel rocking", in etwa "Ich spür immer noch ein Schaukeln."

Das Annafest konnte anstrengend sein. Schon vor über 60 Jahren, als ich mit Lebkuchenherz um den Hals und einer Papierlaterne in der Hand nachhause strebte. Vater trug mich auf den Schultern, Mutter den Topflappen und eine Tüte gebrannte Mandeln in der Handtasche. An der Festgeländeabsperrung Straßenabsperrung Untere-Keller/Hans-Sachs-Straße winkte mir ein freundlicher Polizist mit seiner Leuchtkelle zu: "Schau, ich habe auch eine Laterne!" Das habe ich nie vergessen — schö’ war’s!

THOMAS WALTHER

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