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Kanu fahren in der Fränkischen: Wiesent steht unter Druck

Neue Regelungen lassen weiter auf sich warten - 20.08.2020 14:52 Uhr

Stau an der Ausstiegsstelle an der Wiesent in Muggendorf. Hier müssen die Boote umgetragen werden. Vor allen an den Wochenenden ist hier mehr los als der kleine Fluss verträgt.

© privat


Es ist Donnerstagnachmittag: Ein Kanu nach dem anderen landet an der Ausstiegsstelle an der Wiesent in Muggendorf. Manchmal staut es sich ein bisschen und die Boote müssen im Fluss warten. Bernd Meyer, Professor am Computer-Chemie-Centrum Erlangen, ist mit zwölf Leuten unterwegs zwischen Doos und Streitberg. Die meisten haben nasse Hosen. Sie sind begeistert von der Tour.

„Ein super Tag heute“, sagt Meyer. Sie ziehen ihre blauen Boote aus der Wiesent, auf deren Unterseite sieht man auf dem Kunststoff tiefe Furchen – ein Zeichen dafür, dass die Boote heftig über Steine schleifen. Naturschutzwächter Hans Thiem fragt nach, ob sie auf ihrer Tour auf dem Flussboden aufgesessen sind. Ja, es gebe schon einige ziemlich seichte Stellen, so die Kajakfahrer.

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Der Einstieg ist noch etwas wackelig, bis zum endgültigen Sitzen bleibt es spannend: Ob das Kajak eigene Wege geht oder die Besatzung zum Baden zwingt, wird sich zeigen. Manchmal aber und mit etwas Geschick kommt man trocken ins Boot — vorerst. Auch die NN wagen einen Versuch durch das kühle Nass der Wiesent.


„Am Morgen war der Flusspegelstand bei Muggendorf bei 122 Zentimeter“, sagt Thiem. „Ab 120 Zentimeter wird es richtig kritisch.“ Wenn es nicht regnet, sei bald damit zu rechnen. Aufgrund der Trockenheit der vergangenen Jahre führt die Wiesent immer weniger Wasser. Eigentlich dürften die Bootsfahrer im Flachwasser gar nicht aussteigen, weil das die Laichplätze von Fischen wie den stark gefährdeten Bachneunaugen zerstört. Doch nicht alle halten sich dran.

Wer nicht aussteigt, der stochert oft mit dem Paddel im Boden herum – und zerstört dabei ebenfalls die Unterwasservegetation. „Der Druck auf die Wiesent und die Natur ist heuer enorm. Das habe ich so noch nie erlebt“, sagt Hans Thiem, der seit 15 Jahren als Naturschutzwächter die Situation am Fluss beobachtet. Vor allem am Pfingstwochenende sei die Lage eskaliert. Es waren neben den Kanus der drei örtlichen Bootsverleiher auch viele private Boote und vor allem viele Boote von auswärtigen Gewerbetreibenden unterwegs. Thiem hat Autos aus Würzburg, Schweinfurt, Ansbach, Fürth und aus Frankfurt fotografiert.

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Die Wiesent sei enorm belagert gewesen. Zum Teil hätten sich bis zu 80 Boote an Engstellen auf dem Fluss getroffen. Die Leute kentern, steigen aus, laufen über den empfindlichen Flussboden, schleifen ihre Boote über Kiesbänke und Steine, fahren über die Wehre, lagern am Flussufer, machen Picknick auf den Wiesen und manche grillen oder schüren sogar ein Feuer, wie Thiem beobachtet hat. Dem 70-Jährigen blutet das Herz, weil all das eigentlich verboten ist und solches Verhalten die Fauna und Flora in der Wiesent und am Flussufer nachhaltig schädigt. Als Naturschutzwächter darf er die Kajak- und Kanufahrer auf ihr widerrechtliches Verhalten hinweisen. Doch oft handelt er sich dabei wüste Beschimpfungen und Beleidigungen ein. Er dürfte auch Personalien aufnehmen oder bei groben Verstößen die Polizei holen. Auch wenn er ein dickes Fell hat, sucht Thiem inzwischen lieber nur das Gespräch mit den Ausflügler.

Außerdem hofft er – wie all seine neun ehrenamtlichen Naturschutzwächter-Kollegen – endlich auf eine neue Regelung für die Wiesent. Seit vielen Jahren schwelt der Streit um die Bootstouren auf der Wiesent. Im August 2019 haben sich bei einem Termin im Verwaltungsgericht Bayreuth Vertreter der Regierung von Oberfranken, der Fischereifachberatung des Bezirks, des Landratsamtes Forchheim, die drei örtlichen Kanuverleihbetriebe und des Bund Naturschutz auf einen Kompromiss geeinigt.

Karge Antworten

Dazu gehört, dass das Landratsamt Forchheim die Schifffahrtsgenehmigung vom 12. April 2018 ändert und eine FFH-Verträglichkeitsprüfung erstellen lässt, die notwendig ist, weil Flora und Fauna im Gebiet der Wiesent unter europäischem Schutz (FFH-Gebiet) stehen. Doch wo ist dieses Gutachten? Schließlich ist schon ein ganzes Jahr vergangen? Aus dem Amt gibt es dazu nur eine karge Antwort: „Die Untersuchungen zur FFH-Verträglichkeitsprüfung laufen. Das Ergebnis soll im Herbst fertig sein“, so Pressesprecher Holger Strehl.

Und auch Karin Lämmlein, Leiterin der Fachabteilung Untere Naturschutzbehörde, bleibt wenig konkret. Telefonisch ist sie nicht zu erreichen und auf die schriftliche Anfrage lässt sie wissen: „Es sind Verträglichkeitsprüfungen sowohl hinsichtlich des FFH- als auch des Vogelschutzgebietes beauftragt. In diese fließen auch umfassende Untersuchungsergebnisse aus fischereilicher Sicht ein. Die Verträglichkeitsprüfungen, die das Büro Anuva, Nürnberg, durchführt, konnten noch nicht abgeschlossen werden. Nachdem diese Grundlage für die neue Regelung des Bootsverkehrs auf der Wiesent sein werden, steht folglich nicht fest, wann eine neue Rechtsgrundlage vorliegen wird.“

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Ziel der FFH-Verträglichkeitsprüfung sei „die Erarbeitung eines Konzepts zur Bewahrung beziehungsweise Verbesserung des Erhaltungszustandes von Lebensraumtypen und Anhangsarten der FFH- und Vogelschutzrichtlinie sowie anderer wertgebender Lebensgemeinschaften und Arten im Wiesenttal unter besonderer Berücksichtigung des Bootfahrens. Hierfür sind zunächst die Verträglichkeitsprüfungen abzuwarten“, schreibt Lämmlein weiter.

Und was wünscht sich der Naturschutzwächter? „Es sind einfach zu viel Boote auf der Wiesent unterwegs. Man muss endlich steuernd eingreifen.“ Hans Thiem hofft auf das Fachgutachten. „Ich gehe davon aus, dass die Experten schon den richtigen Weg weisen.“

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