Kersbach: Das Kreisel-Kunstwerk ist (fast) vollendet

30.10.2020, 16:57 Uhr

"Die ganze Natur ist dem Menschen, wenn er poetisch gestimmt ist, nur ein Spiegel, worin er nichts als sich selbst wiederfindet." Ein Zitat des Frühromantikers Ludwig Tieck schmückt den Kersbacher Kreisverkehr. Ihre Begrünung soll die Verkehrsinsel im Laufe der nächsten zwei Wochen erhalten.  © Edgar Pfrogner

Dass an diesem Nachmittag das Wort „Kreis“ in jedem zweiten Satz gefallen ist, lag in der Natur der Sache. Oder doch in der Natur des Menschen? Jedenfalls freuten sich Landrat Hermann Ulm (CSU) und Kreis-Kulturreferent Anton „Toni“ Eckert, das vom Kreistag beschlossene Kunstwerk inmitten des Kreisverkehrs an der Kreisstraße zwischen Kersbach und Gosberg seiner offiziellen Bestimmung zu übergeben. Und was für eine Bestimmung wäre das?

„Nachzudenken über den Wert unserer Natur, speziell der Fränkischen Schweiz“, sagt Ulm. Nicht nur optisch, sondern auch geistig wolle man „den Menschen, die hier im Landkreis wohnen, oder als Gäste zu uns kommen, eine Anregung geben“.

 

 "Ich bin von diesem Kunstwerk voll und ganz überzeugt", sagt Kulturreferent Toni Eckert. © Edgar Pfrogner

Kurzer Rückblick: Etwas Anspruchsvolles sollte hier von Anfang an geschaffen werden, so der Maßstab, den der Landkreis anlegte. Denn der Kersbacher Kreisel gilt als „Einfallstor“ für Ausflügler, die von der A73 in die Fränkische fahren. Und Anfang des Jahres setzte sich der Entwurf des Weilersbacher Künstlers Harald Winter aus 101 eingegangenen Bewerbungen nach einer europaweiten Ausschreibung durch.

EU steuert über die Hälfte bei

Die ganze Natur ist dem Menschen, wenn er poetisch gestimmt ist, nur ein Spiegel, worin er nichts als sich selbst wiederfindet. Ein Satz, verarbeitet in Lettern aus beschichtetem Aluminium, die kreisrund über der Verkehrsinsel zu schweben scheinen. Dabei sind sechs Anfangsbuchstaben besonders wesentlicher Worte mit Blattgold überzogen. Die Begrünung der Verkehrsinsel soll, nach einer coronabedingten Verzögerung, in den nächsten zwei Wochen erfolgen, so Eckert – der als scheidender Kulturreferent augenzwinkernd meint: „Die Umsetzung war schwierig. So was muss ich in meiner beruflichen Laufbahn nicht nochmal haben.“ Aber: „Ich bin von diesem Kunstwerk voll und ganz überzeugt.“ 

78.000 Euro hat die Umgestaltung des Kreisels gekostet – wobei über die Hälfte vom EU-Förderprogramm „Leader“ finanziert wird, das innovative Projekte im ländlichen Raum unterstützt. Der Landkreis zahlt rund 25.000 Euro.

Dem Urheber des Zitats, das den Kreisel schmückt, hätte vermutlich gefallen, was aus seinen Worten gemacht wurde: Der Berliner Schriftsteller Ludwig Tieck war als Student an der Uni Erlangen 1793 zusammen mit einem Kommilitonen auf seiner „Pfingstreise“ durch die Fränkische Schweiz. Viele Germanisten sehen darin die Geburtsstunde der deutschen Romantik. 

Seine Eindrücke brachte Tieck in einem Brief eben mit jener Feststellung zu Papier, die Natur sei dem „Menschen nur ein Spiegel, worin er nichts als sich selbst wiederfindet“.

Dass das Kunstwerk in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird, den Verkehr gefährde und insbesondere im Internet auf teils heftige Ablehnung stößt? „Der Vorwurf, Verkehrsvorschriften würden verletzt, ist unsinnig: Das Bamberger Verkehrsamt hat alles geprüft und genehmigt“, sagt Winter. Von denen, die das Werk ablehnten, setzte sich „leider fast keiner inhaltlich damit auseinander“. 

Doch gerade dabei wollte Winter mit dem Tieck-Zitat ein Zeichen setzen: „Der Mensch ist nicht nur äußerer Betrachter, sondern Teil der Natur.“ Das sei heute noch genauso aktuell, wenn nicht aktueller, als zur Zeit der Romantiker. „Man muss sich nur darauf einlassen.“

PHILIPP ROTHENBACHER

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