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Kitschiger als jeder Roman und trotzdem wahr

Wie eine Gastwirtin in Burk eine Freundin aus ihrer alten Heimat wieder traf - 31.01.2014 17:50 Uhr

Bei einer Beerdigungsfeier in ihrem Gasthaus traf Wirtin Nelli Behrend eine alte Freundin aus Tadschikistan wieder. Nach fast 25 Jahren hatten sich die Frauen viel zu erzählen. © Michael Müller


Plötzlich betritt eine Frau den Raum, die Nelli Behrend merkwürdig bekannt vorkommt. Nein, das kann nicht sein, denkt die Wirtin. Doch je länger sie die Frau anschaut, desto stärker wird das Gefühl, diesen Gast vor langer Zeit schon mal gesehen zu haben.

Nelli erkundigt sich in der Gruppe, mit der die Frau gekommen ist: „Wer ist sie? Sie erinnert mich an eine frühere Bekannte.“ Es stellt sich heraus: Die Familie, die bei Nelli im Gasthaus „Roter Ochs“ in Forchheim-Burk isst, kommt aus der gleichen Stadt wie sie selbst. Obwohl einige aus der Trauergemeinde Stammgäste im Roten Ochs sind, wusste Nelli das bisher nicht.

„Ich dachte, sie kämen aus Rumänien“, sagt Nelli. „Sie hatten keinen typisch russischen Akzent.“ Und die merkwürdig bekannte Frau gehört zu der Familie, die sich im Roten Ochs zum Leichenschmaus getroffen hat. Eine Oma war mit 95 Jahren gestorben.

Obwohl sie fast 25 Jahre älter war als beim letzten Treffen und ihre Frisur gewechselt hatte, glaubte Nelli die Bekannte an Gesicht, Mimik und Gestik wiederzuerkennen. Eine Verwechslung schien ihr ausgeschlossen. „Kurz vorher hatte ich noch an sie gedacht“, erzählt Nelli. „Und mich gefragt, was aus ihr geworden ist.“

Die Wirtin geht zu der Frau an den Tisch und spricht sie auf Russisch an: „Emma! Kennst du mich noch?“ Die Angesprochene schaut Nelli eine halbe Minute lang an und denkt angestrengt nach.

Wenig später liegen sich beide Frauen in den Armen. Zuletzt gesehen haben sie sich vor knapp 25 Jahren – und zwar im über 6000 Kilometer entfernten Tadschikistan. Die ehemalige Sowjetrepublik liegt in Mittelasien, zwischen Usbekistan, Afghanistan, Kirgistan, Pakistan und China.

Mütter waren Kolleginnen

Die 52-jährige Nelli stammt aus der Stadt Kurgan-Tjube im Südwesten des Landes. Ihr Vater war Krimtatare. Ihre Mutter, eine gebürtige Chinesin, war mit Emmas Mutter befreundet. Beide arbeiteten als Lehrerinnen. Nelli und die zehn Jahre ältere Emma verbrachten viel Zeit miteinander.

Nach ihrem wundersamen Wiedersehen schwelgten die beiden stundenlang in Erinnerungen: an gemeinsame Urlaube, an das idyllische, wenn auch nicht einfache Leben in der tadschikischen 100000-Einwohner-Stadt, die mitten im Erdbebengebiet liegt.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion trieb die Freundinnen auseinander. Ihre Wege trennten sich 1990, als Nelli mit ihrem damaligen Mann und dem gemeinsamen Sohn nach Nürnberg auswanderte. Weil Nellis erster Mann deutsche Vorfahren hatte, nahm ihn die Bundesrepublik als Aussiedler auf (siehe Info-Kasten).

Doch die Ehe hielt nicht. Später lernte Nelli den Forchheimer Koch Konrad „Konni“ Scheller kennen, der in Burk in fünfter Generation das Gasthaus „Roter Ochs“ betreibt. Inzwischen leben Nelli und Konni seit zwölf Jahren zusammen und haben eine gemeinsame Tochter.

Kampf um den richtigen Beruf

Beruflich hatte die studierte Elektrotechnikerin Nelli in Deutschland lange zu kämpfen: Erst wurde ihr sowjetisches Diplom nicht anerkannt, sie musste ihr Studium von vorne beginnen. Als sie sich dann auf eine Stelle bewarb, hieß es, sie sei überqualifiziert. Später arbeitete Nelli als Altenpflegerin. Jetzt steckt sie mit ihrem Lebensgefährten ihre Energie in den Gasthof, der gerade umgebaut wird.

Beim Wiedersehen erfuhr Nelli, dass auch Emma Kurgan-Tjube verlassen hat, das heute wieder seinen tadschikischen Namen Qurghonteppa trägt. Als Anfang der 90er Jahre im jetzt unabhängigen Tadschikistan ein Bürgerkrieg ausbrach, zog Emma in die Heimat ihrer Vorfahren: nach Jewpatorija auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, die zur Ukraine gehört.

Dort lebt die ledige pensionierte Lehrerin heute von umgerechnet 100 Euro im Monat. Küche und Bad in der Gemeinschaftswohnung teilt sich die ältere Dame mit mehreren Mitbewohnern. Einen Computer hat Emma nicht, aber ein Telefon. So kann sie mit der alten Freundin in Deutschland in Kontakt bleiben und vielleicht nochmal zu Besuch kommen.

In den langen Gesprächen nach ihrem Wiedersehen stießen Nelli und Emma auf noch einen denkwürdigen Zufall: Nellis Bruder ist vor zehn Jahren ebenfalls auf die Krim gezogen. Ein enger Freund und Arbeitskollegen von ihm ist Emmas Cousin.

Nellis Lebensgefährte Konrad Scheller, ein alteingesessener Burker, ist von der irren Geschichte fasziniert: Forchheim sei „irgendwie das Zentrum des Universums“, folgert er daraus und meint: „Schreib’ das in einem Roman, und alle werden sagen: Das ist doch viel zu kitschig.“ 

VON PHILIPP DEMLING

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