Samstag, 28.11.2020

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Kunst oder Klamauk? Debatte um Kersbachs Kreisverkehr

Das Werk auf der Verkehrsinsel erhitzt die Gemüter - 21.10.2020 07:39 Uhr

Am Freitag, 30. Oktober, wird das Kunstwerk auf dem Kersbacher Kreisverkehr offiziell enthüllt.

20.10.2020 © Foto: Edgar Pfrogner


Was will uns der Dichter sagen? Diese Frage aus dem Deutschunterricht klingt angestaubt. Dennoch dürfte sie dieser Tage im Landkreis Forchheim oft gestellt werden, wo ein denkwürdiges Kunstwerk auf seine Präsentation wartet. Es ziert künftig einen Verkehrskreisel, den man umrunden muss, um in die Fränkische Schweiz zu gelangen.

Das in Metall gefräste Zitat von Ludwig Tieck lautet: "Die ganze Natur ist dem Menschen, wenn er poetisch gesinnt ist, nur ein Spiegel, worin er nichts als sich selbst wiedererkennt." Puhh! 

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Kunst am Kreisverkehr in Kersbach fast fertig

Im Oktober 2020 wird das jetzt schon sehr heftig umstrittene Kunstwerk des Weilersbachers Harald Winter am Kersbacher Kreisverkehr offiziell eröffnet. Momentan ist der Schriftzug, der aus einem Zitat des romantischen Dichters Ludwig Tieck besteht, noch mit Folie eingehüllt. Arbeiter sind dabei, das Kreisverkehr-Fundament fertigzustellen und zu bepflanzen.


Vielleicht gerade wegen der vielen Industriebauten gut

Der 1773 in Berlin geborene Tieck hat 1793 mit seinem Freund Wackenroder von Erlangen aus, wo die beiden gerade studierten, eine "Pfingstreise" durchs Muggendorfer Gebürg unternommen. Der Anblick des "Walberla", seiner Felstürme und Magerrasen, die bizarren Täler und geschwungenen Hügel mögen den damals knapp 20-Jährigen diese Gedanken niederschreiben haben lassen.

Nun fragen sich viele, ob ein solcher Bandwurmsatz die Verkehrsteilnehmer nicht mehr ablenkt, wenn diese ihn zu lesen und zu memorieren versuchen. Andererseits sind vielleicht gerade an diesem Ort solche Gedanken vonnöten, wo zunehmend mehr Industriebauten die Talaue verstellen, Pendler vorbeihasten, giftiger Odem aus zigtausend Auspuffrohren dringt.

In Frankreich sind die Köpfe gerollt

Die Romantiker von damals suchten das Ideal – in einer Welt, in der vieles drunter und drüber ging.

In Frankreich ließen die Revolutionäre Köpfe rollen, Preußen entwickelte sich zur Großmacht. Wir stehen am Anfang des Industriezeitalters, die Naturwissenschaften boomen.

Das sorgt für Verunsicherung und Unbehagen. Wenn der Romantiker Tieck die Natur und den Menschen darin heiligt, dann entspricht das dem Gefühl der Zeit. Es wendet sich gegen den nüchternen Aufklärungsprotestantismus, dem Tieck entstammt. Naturphilosophen wie Schelling beherrschen die Salons ihrer Zeit.

Von Schelling stammt die Maxime, dass "ich nur solange verstehe, was eine lebendige Natur ist, solange ich selbst mit der Natur identisch bin". Das heißt, dass sich im Spiegel der Abgründe die eigene innere Natur enthüllt. Noch ist die Psychoanalyse nicht erfunden, aber sie wird genau da ansetzen.

Romantiker haben nichts mit romantischer Veranlagung zu tun

Wir sehen, Romantiker haben nicht unbedingt etwas mit romantischer Veranlagung zu tun. Im Gegenteil. Was uns sogleich auch an unsere Gegenwart erinnert. Wie zur Zeit der Romantik leben wir heute inmitten von Umbrüchen. Auf der einen Seite wissen wir, dass wir uns dem digitalen Zeitalter nicht verweigern können. Laptop und Internet gehören zum Leben. 

Bilderstrecke zum Thema

Atemberaubende Schönheiten: Die Fränkische Schweiz von oben

Aus bis zu 2.500 Metern Höhe blickte Tom Schneider, Fotograf aus Ebermannstadt, bei einer Fahrt mit einem Heißluftballon auf Dörfer, Natur und wunderschöne Ecken der Fränkischen Schweiz und des Landkreises Forchheim.


Dennoch beschleicht uns ein Unbehagen und wir blicken in die Natur und ahnen, dass wir nur mit ihr und in ihr eine Zukunft haben. Das wollte uns der Dichter – vielleicht – sagen. Und bitte, kratzen Sie sich jetzt nicht am Kopf und halten ihre Hand lieber am Steuer.

RAIMUND KIRCH

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