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Kunstrad-Champ Kohl: Ein Weltmeister als Randfigur

Kirchehrenbacher findet, dass Kunstradfahrer derzeit schlecht behandelt werden - 13.05.2020 07:25 Uhr

Zum vierten Mal in Folge wurde Lukas Kohl in Moers Deutscher Meister. © Wilfried Schwarz


Da war der vierfache Weltmeister im Kunstradfahren gerade in Gutach im Schwarzwald zu einer Art privatem Trainingslager und hatte gerade noch eine Einheit absolviert, als er erfuhr, dass der eigentlich im Anschluss vorgesehene Lehrgang mit der Nationalmannschaft im nahen Albstadt wegen der Corona-Krise abgesagt wurde.

Es war der Beginn der längsten Pause seiner Karriere. "Nach der Weltmeisterschaft habe ich 14 Tage ausgesetzt", erinnert er sich. Diesmal dauerte es deutlich länger – und es war unfreiwillig.

Fast zwei Monate ohne "richtiges" Training, das war für den 24-Jährigen aus dem Ebermannstädter Ortsteil Wohlmuthshüll eine Qual. Denn in dieser Zeit wurde ihm wieder einmal bewusst, dass Kunstradfahren eben zu den Randsportarten gehört, die in den überregionalen Medien keine Rolle spielen. Neu für ihn war, dass sie auch bei Behörden nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ob man sie für weniger wichtig hält oder schlicht vergessen hat, mag er dabei nicht zu beurteilen.

Denn Topsportler aus anderen Disziplinen, vor allen, wenn sie olympisch oder paralympisch sind, durften das, was er lange Zeit nicht durfte: In Leistungszentren unter Einhaltung der Regeln des Infektionsschutzgesetzes weiter trainieren. Gerade Kunstradfahren sei dafür prädestiniert. Nur ein Sportler auf einer 14 mal 11 Meter großen Fläche. Lukas Kohl: "Ich bin auf einem solch hohen Level angekommen, da brauche ich keine Hilfestellung bei Übungen mehr, mir reicht die intensive Videoanalyse mit meiner Mutter Andrea, die gleichzeitig meine Trainerin ist und auch im gleichen Hausstand lebt."

Das Aushängeschild des RMSV Concordia Kirchehrenbach rannte von Pontius zu Pilatus, um vielleicht eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Keine Chance. Besonders bitter war die Nachricht aus Baden-Württemberg, das alles Kaderathleten das Training gestattete – auch den nichtolympischen. Aus dem "Ländle" stammen ausgerechnet zwei seiner härtesten nationalen und internationalen Konkurrenten.

"Ich weiß nicht, ob die Wettkämpfe im Herbst unter fairen Bedingungen stattfinden werden", sagt Lukas Kohl. Denn er könne zwar viel für Ausdauer, Kräftigung und Körperspannung tun, doch das Wichtigste am Kunstradfahren sei, "dass Ross und Reiter eins sind, dass das Radgefühl stimmt".

Da sieht er für sich großen Nachholbedarf, doch immerhin hat er sich über Umwege seit Anfang Mai "als einziger bayerischer Kunstradfahrer" Hallenzeiten ergattert. Weil er auch Schauvorführungen anbietet und diese als Kleingewerbe angeméldet hat, bekam er eine Sondergenehmigung, die Gemeinde Kirchehrenbach und der Landkreis Forchheim hätten ihn da sehr unterstützt.

Nun sieht er wieder Licht am Ende des Tunnels. Denn gerade dieses Jahr hat er sich besonders hohe Ziele gesetzt: Im November soll in Stuttgart die Weltmeisterschaft stattfinden, an dem Ort, wo 2016 sein unfassbarer Siegeszug begann. In der Vorrunde war er bei seinem WM-Debüt "nur" Zweiter geworden, seitdem hat er jeden Wettkampf gewonnen, 2019 gar den Weltrekord viermal gesteigert.

"Eine Heim-WM ist ein besonderen Ansporn, zumal ich weiß, was für eine tolle Atmosphäre in der Porsche-Arena herrscht. Es wäre super schade, das zu verpassen", sagt Kohl.

Und so ist das Corona-Virus vielleicht sogar ein Extra-Motivationsschub. Kleinkriegen lassen will er sich von der Krise keineswegs: "Ich sehe das als Herausforderung: Wie schnell komme ich wieder rein, bis wann sind die Höchstschwierigkeiten wieder in Fleisch und Blut übergegangen?"

Die Konkurrénten müssen sich auf einen athletisch herausragenden Titelverteidiger einstellen. "Körperlich war ich noch nie so fit", betont der 24-Jährige. So hat er am Wochenende ganz privat seiner ersten Halbmarathon absolviert. Die Zeit von 1:47 Stunden kann sich für einen Erstling sehen lassen; 1:55 hatte er angepeilt.

In der "Corona-Saison" hat er also schon viele andere Dinge ausprobiert, um neue Reize zu setzen. Jetzt fehlt nur noch das "Radgefühl" und die Bitte an die Behörden, die Randsportarten gleichberechtigter zu behandeln: "Wir dürfen schon nicht bei Olympia dabei sein, obwohl es viele kleinere Sportverbände gibt, dann müssen wir nicht auch noch in den vier Jahren dazwischen benachteiligt werden."

Dazu passte für Lukas Kohl die Meldung, dass auch Bayern jetzt mit Lockerungen für Hochleistungssportler aufwarte - die nichtolympischen Disziplinen waren da – wie so oft – nicht erwähnt worden.

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