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Lieferengpässe bei Fahrradläden: Was Sie wissen müssen

Wie ist die Situation bei Händlern im Landkreis Forchheim? - 30.04.2021 07:38 Uhr

Peter Rammensee, Inhaber von Peters Radl Stadl, in seiner Igensdorfer Werkstatt. „Die Nachfrage ist einfach höher“, sagt sein Zweiradmechaniker Calvin Lanwer.

28.04.2021 © Foto: Berny Meyer


Bei Radsport Art in Weilersbach waren sie vorgewarnt: "Bestellt, macht die Lager voll!" – das hätten Vertreter der Hersteller schon im Herbst 2020 empfohlen, sagt Sebastian Neubauer, der dort Betriebsleiter ist. Dem Rat zu folgen, war ganz offensichtlich die richtige Entscheidung, denn noch kann Neubauer sowohl ganze Fahrräder als auch Ersatzteile verkaufen. Und gleich vorneweg, damit keine Missverständnisse aufkommen: Den anderen beiden Fahrradläden, mit denen wir gesprochen haben, geht es ähnlich – zumindest derzeit noch. Neubauer erwartet in den nächsten Wochen noch einmal eine "große Lieferung".

Im Verlauf des Sommers aber rechnet er definitiv mit leeren Lagern und Regalen: "Das passiert mit Sicherheit." Hinzu komme, dass man schon jetzt teils sehr lange auf sein Wunschmodell oder bestimmte Ersatzteile warten müsse, wie Neubauer erzählt. Dabei hat die Fahrradsaison 2021 gerade erst angefangen und der traditionell umsatzstärkste Monat Mai steht noch bevor.

Was also ist los auf dem Fahrradmarkt? Es kommen gleich mehrere Faktoren zusammen: Zum einen wäre da die erhöhte Nachfrage – wobei hier die Meinungen etwas auseinander gehen. Laut Neubauer sei sie nur "ein wenig gestiegen". Manuel Heilmann dagegen, der in Hausen ein Fahrradgeschäft betreibt, berichtet von einem Hersteller, der schon 2020 rund 40 Prozent mehr Nachfrage im Vergleich zu 2019 zu verzeichnen hatte. Für das aktuelle Jahr rechnet Heilmann mit einer ähnlich großen Steigerung, allein schon weil er aktuell kaum noch etwas nachbestellen könne.

Was die Gründe angeht, so spricht Calvin Lanwer, Zweiradmechaniker bei Peters Radl Stadl in Igensdorf, von einem generellen Trend weg vom Auto: "Der hat sich ja schon in den letzten Jahren abgezeichnet." Obendrauf kämen die Folgen der Pandemie; viele Menschen würden nicht mehr in der Ferne urlauben, sondern verstärkt die Region per Fahrrad bereisen.

Geschlossene Fabriken

Corona hat aber auch Produktion und globale Lieferketten durcheinandergebracht. "Fast alles, was mit Fahrrad zu tun hat, kommt aus Asien", sagt Heilmann. Rund drei Monate hätten die Fabriken Anfang 2020 pausieren müssen. Und weil ihre Auslastung schon zuvor bei 100 Prozent gelegen habe, halte der Rückstand bis heute an: "Die hinken extrem hinterher." Auch die Corona-Schutzmaßnahmen würden die Herstellung verlangsamen.

Und tatsächlich scheint auch die Havarie des Containerschiffs "Ever Given" auf dem Suezkanal ein Faktor zu sein. "Das macht gleich einen Monat aus", sagt Heilmann. Einer seiner Lieferanten hatte 6000 Fahrräder auf dem Containerschiff verladen. Auch Lanwer hat bereits von Verzögerungen wegen des Unglücks gehört.

Die Folge von alledem: Ein Lieferengpass bei "fast allem, was nicht hier gefertigt wird", wie Lanwer sagt, und der im Gegensatz zum Vorjahr "quasi flächendeckend" sei. Egal ob Fahrradständer, Bremsbeläge oder Schaltungen: Viele Teile seien überhaupt nicht mehr oder nur mit monatelangen Wartezeiten bestellbar, wie die drei Läden berichten.

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Erst am Dienstag habe Heilmann einen Kunden, der einen neuen Reifen in einer bestimmten Größe haben wollte, auf November vertrösten müssen. Bei ihm in Hausen würden inzwischen sogar Leute aus Berlin anrufen, um ein Fahrrad zu bestellen. Auch decken sich Heilmann zufolge viele Fahrradläden längst bei Online-Händlern, also ihrer eigenen Konkurrenz, mit Ersatzteilen ein, auch wenn dadurch ihre Gewinnmarge schmilzt.

Was aber sollten Menschen tun, die jetzt ein neues Fahrrad brauchen, oder bei denen eine wichtige Wartung ansteht? "Reparaturen können wir machen", versichert Lawner, "man muss ja nicht immer die Teile tauschen." Und wenn doch, dann verbaut seine Werkstatt im Fall der Fälle zunächst ein anderes Ersatzteil und bietet dem Kunden einen zweiten Termin an, sobald das Wunschteil wieder verfügbar ist. Natürlich nur, wenn dies sicherheitstechnisch vertretbar ist, wie Lawner betont.

Nicht zu lange warten

Und Neuräder? "Alle Räder sind eigentlich ausverkauft, egal welcher Hersteller", sagt Heilmann. Nachordern könne er kaum noch. Auch den Herstellern ganzer Räder, egal ob Kinderrad oder E-Bike, fehle es an den nötigen Anbauteilen. Es komme also darauf an, ob im Lager eines Fahrradladens noch etwas Passendes vorhanden ist. "Wenn, dann sollte man direkt agieren", lautet seine Empfehlung – also nicht erst auf den Sommer warten. Auch Neubauer spricht davon, dass "man wirklich Glück haben" muss. Ist das gewünschte Modell ausverkauft, rät er dazu, lieber auf die Saison 2022 zu warten, statt zur zweiten oder dritten Wahl zu greifen.


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Apropos 2022: Die Läden sind schon jetzt damit beschäftigt, ihre Bestellungen für das kommende Jahr aufzugeben. "Ich persönlich glaube, die Engpässe halten erst mal an", sagt Lawner über die Engpässe. Für die Zukunft würde er sich wünschen, "dass die Hersteller mehr in Europa fertigen". Das ermögliche nicht nur schnellere und zuverlässigere Lieferketten, sondern sei auch umweltfreundlicher. Schon jetzt könne er Fahrräder tendenziell umso schneller nachordern, je mehr ihrer Teile in Deutschland oder Europa produziert werden.


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Max Söllner Volontär in der Redaktion Forchheim E-Mail

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