Samstag, 27.02.2021

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Lorenz Deutsch: Ein Jongleur auf der Kultur-Baustelle

Der erste Leiter des neuen städtischen Kulturamtes: Ideen hat er viele - 15.01.2021 13:47 Uhr

Lorenz Deutsch (Mitte) lässt als Teil der „StickBrothers“ im Erlebnismuseum Rote Mauer das Diabolo tanzen. Inzwischen ist der fingerfertige Künstler im Rathaus angekommen und kümmert sich von hier aus um den städtischen Kulturbetrieb. Fingerfertigkeit beim Jonglieren mit Interessen ist auch hier gefragt.

14.01.2021 © Archivfoto: Udo Güldner


Herr Deutsch, wie haben Sie sich als Chef des neuen städtischen Kulturamts in Zeiten der Corona-Beschränkungen inzwischen eingelebt?

Lorenz Deutsch: (lacht) Ich glaube nicht, dass man in der zweiten Woche in einem noch im Aufbau befindlichen Amt davon sprechen kann, sich bereits eingelebt zu haben. Trotzdem geht es natürlich gleich los mit der inhaltlichen Arbeit. Es geht darum, möglichst bald an den Prozess des Kulturentwicklungsplanes anzuknüpfen.

Was hat eigentlich den Ausschlag dafür gegeben, sich für diese Aufgabe zu bewerben?

Lorenz Deutsch: Ich durfte ja bereits bei der Erstellung des Kulturentwicklungsplans der Stadt Forchheim 2018/19 mitarbeiten. Als Moderator bei den Workshops und bei den Expertengesprächen vorab ging es darum, die Perspektive möglichst vieler kultureller Akteure kennenzulernen und einzubringen. Ich würde das als Schlüsselerlebnis beschreiben, denn in dieser Tiefe konnte ich mich vorher nicht mit dem Thema beschäftigen. Die Belange aller Kulturinitiativen zu berücksichtigen und daraus Handlungsempfehlungen für die Stadt als Ganzes zu entwickeln empfand ich als äußerst sinnstiftend. Um den Kulturentwicklungsplan auch umzusetzen habe ich mich dann für die Leitung des Kulturamts beworben.

Lorenz Deutsch ist 1986 in Forchheim geboren, hat Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen (MA) studiert, ist Leiter des Jungen Theaters Forchheim seit 2008, künstlerisch aktiv als Jongleur auf Straßenkunstfestivals und Varietébühnen mit den „StickBrothers“ seit 2006, Mitspieler beim Improvisationstheater Holterdiepolter seit 2009; Erfinder und Organisator des ZirkArt-Festivals, Mitwirken am Kulturentwicklungsplan Forchheim.

14.01.2021 © Foto: Udo Güldner


Wie waren die Reaktionen innerhalbdes Jungen Theaters, als man erfuhr, dass Sie sich dort nicht mehr um das Programm kümmern werden? Und wie soll die künftige Zusammenarbeit aussehen?

Lorenz Deutsch: Zweifelsohne habe ich das Junge Theater in den vergangenen zwölf Jahren stark geprägt, weshalb so ein Wechsel auch die Frage aufwirft, wie es denn weitergehen könnte. Als Glücksfall hat sich erwiesen, dass mit Martin Borowski ein Nachfolger zur Verfügung steht, der den entsprechenden fachlichen Hintergrund mitbringt und seine Motivation in Forchheim Theaterarbeit zu machen schon unter Beweis gestellt hat (wir berichteten). Das Kulturamt hat natürlich ein Interesse an einem florierenden kulturellen Angebot in der Stadt. Insofern wird es auch künftig Kooperationen der Stadt mit dem Jungen Theater, genau wie mit anderen Initiativen, geben.

Was waren und sind Ihre ersten Maßnahmen als Kulturamts-Leiter? Wo sind derzeit die größten Baustellen?

Lorenz Deutsch: Baustellen gibt es viele –im doppelten Wortsinn. Neben der akuten Raumnot, die beinahe sämtliche Bereiche der Kulturarbeit umfasst, ist es mir wichtig, den Gesprächsfaden mit den Kulturinitiativen wieder aufzunehmen, der im Kulturentwicklungsplan so viel Euphorie freigesetzt hat. Überschattet werden alle Themen durch die Corona-Pandemie, die ja auch die Kultur hart getroffen hat. Ich werde mich insbesondere dafür einsetzen, dass eine Interimslösung für Veranstaltungen geschaffen wird, die für die Bespielung zur Verfügung stehen soll, sobald es das Infektionsgeschehen wieder erlaubt.

Welche Erfahrungen aus dem Jungen Theater können Sie in Ihrer neuen Funktion nutzen?

Lorenz Deutsch: Ich bringe insbesondere mein Netzwerk der lokalen und regionalen Kulturszene ins Kulturamt ein, dazu natürlich die Erfahrung, Veranstaltungen als freier Träger zu verantworten.


Hallo, Herr Deutsch: Das ist der Leiter des Forchheimer Kulturamts


Was sind die mittelfristigen Zielefür das Kulturleben Forchheims? Was dürfen die Kulturschaffenden, was darf der Bürger, die Bürgerin erwarten?

Lorenz Deutsch: Die Corona-Krise zu überwinden dürfte schon als Meilenstein gelten. Dabei geht es nicht nur um Aufführungsorte, sondern auch um Perspektiven für haupt- und ehrenamtlich Tätige in diesem Bereich. Natürlich kann das Kulturamt oder auch die Stadt nicht alle Probleme lösen, aber neben einem offenen Ohr braucht es, denke ich, schon auch handfeste Angebote für die Szene. Außerdem geht es darum, den Kulturentwicklungsplan umzusetzen und weiterzuentwickeln. Wenn das Kulturamt erst einmal aufgebaut ist, werden auch Impulse aus dem Kulturamt kommen, Ideen habe ich schon einige.

Braucht es Ihrer Meinung nach noch weiteres Personal im Kulturamt oder können Sie Ihre Ideen auch als "Einzelkämpfer" angehen?

Lorenz Deutsch: Ein Amt mit nur einer Person zu besetzen würde den vielfältigen Aufgaben nicht gerecht werden. Glücklicherweise sind für das Amt insgesamt 4,5 Stellen angedacht. Ich hoffe, dass die übrigen Stellen bald ausgeschrieben und besetzt werden können. Als Einzelkämpfer sehe ich mich auf keinen Fall. Das Kulturamt ist ja Teil des Referats für Kultur und Gesellschaft, in dem unter anderem auch die städtischen Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen wie die Kaiserpfalz oder die Stadtbücherei gebündelt sind.

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Wie sieht die Zukunft des Kolpinghauses aus?

Das Kolpinghaus ist 1899 als Gesellen-Hospiz gebaut worden, wurde von Beginn an aber auch für kulturelle Zwecke genutzt.


Es fehlen Kulturräume. Was können Sie unternehmen, damit nach der Corona-Pandemie wieder Platz ist für Konzerte, Ausstellungen oder Theater?

Lorenz Deutsch: Wir müssen etwas tun. Aber was? Das hängt unter anderem davon ab, ob das Kolpinghaus als Zwischenlösung verfügbar wird oder gleich generalsaniert werden muss. Daraus ergibt sich, für wie lange Zeit wir eine Interimslösung brauchen. Je nachdem kann dann die Antwort ein Kulturzelt sein, vielleicht können aber auch bestehende Räume umgewidmet werden. Die Alternativen müssen geprüft werden, das ist eine Querschnittsaufgabe, an der auch andere Ämter beteiligt sind. Die Entscheidung liegt dann natürlich beim Stadtrat.

INTERVIEW: UDO GÜLDNER E-Mail

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