Blick in die Klassenräume im Landkreis Forchheim

Mangel an Grundschullehrern: Sind 4000 Euro im Monat zu wenig?

Patrick Schroll
Patrick Schroll

stv. Redaktionsleiter Nordbayerische Nachrichten Forchheim

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26.11.2021, 05:03 Uhr
Keine Schule, weil Lehrer fehlen? Wird in Deutschland wohl immer häufiger vorkommen. Bis 2025 fehlen tausende Lehrkräfte. 

Keine Schule, weil Lehrer fehlen? Wird in Deutschland wohl immer häufiger vorkommen. Bis 2025 fehlen tausende Lehrkräfte.  © Inderlied/Kirchner-Media via www.imago-images.de, imago images/Kirchner-Media

Ja, es hat auch mit Geld zu tun. "Ich bin schon immer dafür, dass Grundschul-Lehrkräfte besser bezahlt werden", sagt Alexander Pfister. Er leitet die Grund- und Mittelschule in Eggolsheim. Nach Studium und Referendariat verdienen frisch ausgebildete Grundschullehrer knapp 3980 Euro brutto. Unabhängig von der Schulform gilt: Das Gehalt steigt in regelmäßigen Abständen mit den Berufsjahren.

Pfister ist für ein höheres Einstiegsgehalt. Es sollte bei 4.580 Euro liegen, sagt er. Damit starten auch Gymnasiallehrer ihre Laufbahn. Das wäre eine Gleichberechtigung, für die sich die Lehrerschaft in Bayern seit Jahren einsetzt. Grüne, SPD und FDP scheiterten mit einem entsprechenden Antrag erst im Oktober im bayerischen Landtag. Doch liegt es nur am Geld, warum Bayern und Deutschland die Grundschullehrer ausgehen?

"Akuter Lehrermangel" war erst Ende September der Grund dafür, weshalb die Schülerinnen und Schüler einer Grundschule in Thüringen eine Woche zu Hause bleiben mussten. Deutschlandweit gibt es bis im Jahr 2025 rund 26.300 zu wenige Lehramts-Absolventen. Der Mangel ist seit Jahren bekannt und zeigt sich immer stärker.

"Da ist der Lehrermangel schon zu spüren"

"Im Moment sind alle Klassen mit Lehrkräften besetzt", sagt Cordula Haderlein. Sie hat als fachliche Leiterin des Schulamtes die Grund- und Mittelschulen im Landkreis im Blick. Bevor sie ins Amt wechselte, hat sie die Adalbert-Stifter-Grund- und Mittelschule in Forchheim geleitet. "Wie es sich bei einer Grippe-Welle oder im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie entwickelt, kann ich nicht vorhersehen." Konkreter wird Haderlein nicht.

Theater-, Garten-, Musik-AG: Die gibt es an weiterführenden Schulen oft. "Es wäre schön, wenn wir unseren Schülern dieses Angebot auch machen könnten", sagt Schulleiter Alexander Pfister. Es geht aber nicht, weil das Personal fehlt. "Da ist der Lehrermangel schon zu spüren. Das Problem ist nicht von heute auf morgen gekommen." Das Studium müsse attraktiver werden, sagt Pfister. "Wir müssen an der Basis ansetzen."

Holger Ganschow aus Weilersbach ist ein Exot

Unter den künftigen Lehramtsanwärtern an der Universität kommt das Thema Bezahlung immer wieder zur Sprache. "Der Grund, warum sich mancher nicht für das Lehramtsstudium für die Grundschule entscheidet ist tatsächlich hauptsächlich die Bezahlung", berichtet Holger Ganschow von Gesprächen mit seinen Studienkollegen. Der Weilersbacher hat dieses Jahr sein Lehramts-Studium an der Universität Bamberg abgeschlossen. Seit September ist er als Referendar an einer Schule in Bayreuth und wird in der Wagner-Stadt zwei Jahre seine praktische Ausbildung absolvieren.

Holger Ganschow ist 25 und frisch gebackener Grundschullehrer - und damit in doppelter Hinsicht ein Exot. 

 

Holger Ganschow ist 25 und frisch gebackener Grundschullehrer - und damit in doppelter Hinsicht ein Exot.    © Holger Ganschow, NNZ

Holger Ganschow kann als Exot bezeichnet werden. Nicht nur deshalb, weil er sich trotz allem für den Beruf entschieden hat, sondern weil er ein Mann ist. Die gibt es im Grundschulalltag nämlich selten. Hinter dem Pult stehen fast ausschließlich Frauen. Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht so schnell ändern. Das zeigt alleine schon der Blick in die Hörsäle der Unis. "Bei den meisten Vorlesungen und Seminaren waren meine Studienkollegen zu 95 Prozent Frauen", erzählt Ganschow. Er hat auch eine Erklärung dafür. Auch die hat wieder mit Geld zu tun - aber nicht nur.

Das alte Männer-Rollenbild könnte auch Schuld sein

"Ich glaube einer der Hauptgründe ist, dass gerade bei Männern noch das alte Rollenbild vorherrscht: Der Mann bringt das Geld nach Hause." Verknüpft mit der Erwartungshaltung, Familie, Haus und Kinder finanziell zu tragen. Die höheren Einstiegsgehälter in Real- und Förderschulen oder Gymnasium könnten gerade für Männer deshalb den Ausschlag geben, eben nicht auf Grundschullehramt zu studieren.

Tatsächlich ist aber auch die Arbeit in der Grundschule nicht weniger als in der Realschule oder Gymnasium. Die Arbeitszeit sei vergleichbar, sagt Ganschow.

Mit einem Klick lässt sich die Infografik vergrößern.

 

Mit einem Klick lässt sich die Infografik vergrößern.   © NN-Infografik

"Langweilig ist es an einer Grundschule nicht", sagt er. "Hier läuft nicht alles nach Schablone, die Kinder sind sehr unterschiedlich." Gerade im Unterschied zu einer weiterführenden Schule sei die Spannbreite in puncto Lernfortschritt größer. Das ist gleichzeitig eine Herausforderung. Der sich der Weilersbacher bewusst stellt. "Ich habe Spaß daran, Jemandem etwas beizubringen, zu sehen, wie sich Kinder entwickeln und besser werden. Gerade in der Grundschule ist der Lernfortschritt besser zu beobachten." Außerdem habe er Respekt vor dem höheren fachlichen Anspruch an Lehrkräften an weiterführenden Schulen.

Schulstandort Hallerndorf steht auf wackeligen Beinen

In die Realschule oder ans Gymnasiums wollen aktuell nicht nur die meisten Lehrer, sondern auch Schüler. Das macht sich stark bei den Mittelschulen bemerkbar. Knapp 3.200 Schüler zählte der Landkreis noch vor 20 Jahren. Heute sind es gerade mal 1.900. Das hat wenig mit den zurückgegangenen Einschulungen zu tun. Die haben sich im gleichen Zeitraum weniger stark reduziert: Von 1.390 auf jährlich 1.000.

"Der Trend nach der 4. Klasse bleibt", sagt Schulleiter Alexander Pfister. "Die Eltern versuchen, ihr Kind an die Realschule oder das Gymnasium zu bringen, obwohl es an der Mittelschule tolle Möglichkeiten gibt, die Schüler zu fördern und sie auch hier einen guten Weg machen." Zum Beispiel im Handwerk. Auch dort fehlt bekanntlich der Nachwuchs.

Gibt es zu wenige Schüler, kann das Schulstandorte bedrohen. Das ist in Hallerndorf der Fall. Dort sei die Situation schwierig, so Haderlein. "Mit Beginn dieses Schuljahres hat der Schulversuch `StarSv: Starke Schulen - starker Verbund´ begonnen. Hier sollen Lösungen gefunden werden, wie auch kleinere Mittelschulen erhalten werden können." Bei dem Versuch arbeitet die Schule mit Ausbildungsbetrieben zusammen und bietet Schülern schon frühzeitig die Chance, sich beruflich zu orientieren. Schwerpunkt sei, die Schule damit zu stärken.

Gerade in kleinen Landgemeinden ist der Schülermangel im Kreis Forchheim ein größeres Problem als der Lehrermangel an Grundschulen. Gibt es für eine Klasse zu wenige Schüler, werden sie jahrgangsübergreifend unterrichtet. Die 1. und 2. Klasse kommt aktuell in Hiltpoltstein, Pinzberg, Poxdorf, Weilersbach, Wiesenthau und an der Martin-GS in Forchheim zusammen. Für den 3. und 4. Jahrgang gibt es jahrgangskombinierte Klassen in Dormitz, Effeltrich, Hausen, Hiltpoltstein, Langensendelbach, Poxdorf, Unterleinleiter, Weilersbach, Wiesentthau und an der Martin-GS Forchheim.

Gibt es Grundschulen, die vor einer Schließung stehen?

"Ich gehe im Moment nicht davon aus, dass Grundschulen in absehbarer Zeit geschlossen werden", sagt Haderlein auf NN-Nachfrage. "Gerade die kleinen Schulen sind durch die Einrichtung von jahrgangskombinierten Klassen stabil." Eine gute Nachricht für Eltern und Kinder.

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