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Mit dem Kurhaus verliert Streitberg historischen Stolz

Im 19. Jahrhundert kamen die Gäste in Scharen zur Molkekur - 11.07.2019 09:07 Uhr

Das alte Kurhaus hat geschlossen. 1840 gab es hier die ersten Molkekuren von Dr. Briegleb. In den letzten Jahrzehnten wurde es als Hotel und Restaurant betrieben. Auf ihrer Homepege schreiben die Familie Burgl und Hans-Jürgen Kaiser, dass sie aus gesundheitlichen Gründen das traditionsreiche Haus schließen. © Foto: Reinhard Löwisch


Als direkte Folge des hohen Bekanntheitsgrades, ausgelöst durch die neu entdeckten Höhlen und die romantische Burgenlandschaft, boomte der Tourismus in der Fränkischen Schweiz schon im 19. Jahrhundert, vor allem durch die Einrichtungen der "Molkekur" nach Schweizer Vorbild. Ab dem Jahre 1839 wurde gekurt im Wiesenttal und damit vermögende Reisenden angelockt, die meist aus den Großstädten hierher in die "Sommerfrische" kamen: "In Streitberg ist neuerdings durch Herrn Dr. Gustav Briegleb eine Molkekuranstalt (im Gasthaus Zum Goldenen Kreuz) errichtet worden, die schon in diesem Jahre sehr gut besucht war", steht in einer Reisebeschreibung von 1843 zu lesen.

Ein weiterer Reiseschriftsteller berichtete 1850, dass "die Molkekuranstalt 1849 an Dr. Weber überging", weil der ursprüngliche Besitzer Briegleb, "nach Amerika auswanderte". Gewöhnlich zählt man bis zu 60 Kurgäste, schreibt er weiter und dass die jährliche Zahl der Kurgäste rund 400 beträgt. Das diese Kurgäste jeweils einige Wochen blieben.

"Dolce Vita", das süße Leben, gehörte zum Kurbetrieb, daher profitierten auch die Einheimischen von den Gästen, vom Tourismus. Die einen fungierten als Führer, andere als Kutscher, dritte, meist die Bauern, lieferten die frische Molke, andere die Lebensmittel und das Bier an die Fremdenzimmervermieter, andere vermieteten selbst welche.

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Die Kuren liefen gut, so dass sich bald weitere Orte wie Muggendorf oder Gößweinstein entschlossen haben, Kur anzubieten. Das letzte Gößweinsteiner Kurhaus "Faust" fiel dem Bau des Hallenbades zum Opfer, das Muggendorfer Kurhaus beherbergt heute das Rathaus, nachdem es im zweiten Weltkrieg auch als Flüchtlingsunterkunft für Kinderlandverschicker diente.

Das heutige "alte Kurhaus" in Streitberg gegenüber der Pilgerstube hieß früher "Zum Goldenen Kreuz". Dort gab es 1840 die ersten Molkekuren von Dr. Briegleb. Mit dem Neubau des neuen Streitberger Kurhauses wurde aus dem "Goldenen Kreuz" das "Alte Kurhaus". Das neue Kurhaus ist in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dem Neubau des heutigen Altersheimes gewichen, erzählte Walburga Kaiser, die derzeitige Besitzerin des alten Kurhauses.

Ein Haus mit großer Tradition. Selbst Victor v. Scheffel war schon hier. © Foto: Reinhard Löwisch


1849 übernahm Dr. Weber das Haus und betrieb hier bis 1887 seine Molkekuren. Die Kursaison damals begann am 1. Mai und endete am 1. Oktober. Danach "ist das ganze Wirtschaftspersonal entlassen und ist deshalb der Wirthschaftsbetrieb aufgehoben", schreibt Weber in seiner eigenen Abhandlung über die Molkekuren. In der gleichen Schrift teilt Weber mit: "Streitberg ist einer der wenigst kostspieligen Kurorte, die es gibt. Nichts ist hier theuer und Norddeutsche wundern sich gewöhnlich über die allenthalben hier üblichen niedrigen Preise".

Weber schreibt stolz in seinen 20-seitigen Prospekt, dass er bereits 1860 507 Kurgäste begrüßen konnte, fast doppelt soviel wie die Jahre vorher. Er führt Steigerung auf die Tatsache zurück, dass im Hotel 47 neue "elegant möblirte und bequem eingerichtete Wohnzimmer" im neu gebauten Logierhaus entstehen konnten.

Während sonst wegen Mangel an ausreichenden Wohnungen eine "nicht unbedeutende Anzahl von Kurgästen nicht aufgenommen werden konnten", fanden die Gäste heuer die gewünschte, allen Anforderungen gerechte Unterkunft". Neben dem Kurhaus gab es seinerzeit noch drei Gasthäuser, schreibt Weber und "einige Privatquartiere in einigen Bauernhäusern" – also eine frühe Form von Urlaub auf dem Bauernhof.

Apropos Neuerung: 1875 wurde für Muggendorf und Streitberg die erste "Kurabgabe" erhoben. Beschlossen wurde von den beiden Gemeinden und einigen Gastwirten "die Erhebung einer Verschönerungstaxe von drei Mark von jedem Fremden, der mehr als drei Tage Aufenthalt nehme. Eine Mark davon sollte als "Musiktaxe" gelten, damit an gewissen Tagen "Musik bestellt werden könnte".

REINHARD LÖWISCH

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