Samstag, 16.11.2019

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Nach Facebook-Beben: Jetzt spricht der Veilbronner Gastwirt

Zwischen überwältigendem Zuspruch und einigen wenigen Anfeindung - 18.10.2019 14:15 Uhr

"Gerade die Gastronomie verkörpert doch Integration auf höchster Ebene“: Der Veilbronner Küchenchef Marcus Müller. © Jennifer Willert


Der Vorfall an jenem Freitagmittag Anfang Oktober im Landsgasthof: Mit Blick auf das behinderte Kind meint die Frau der anderen Familie etwa, dass solche Menschen kein Recht hätten, in einem Restaurant zu sitzen, sondern in ein Heim gehörten – „um dort zu verrotten“. Später am Abend erhält der Gasthof auch noch eine E-Mail von einem anonym angelegten Account: Man solle doch bitte darauf achten, welches Klientel man sich ins Haus hole, war da zu lesen.

Ein Vorfall, den der völlig entrüstete Küchenchef Marcus Müller auf der Facebook-Seite des Gasthofes öffentlich machte. Er bezog klar Position: Gegen Diskriminierungen jeglicher Art.

Damit löste er überwältigende Reaktionen aus: Innerhalb kürzester Zeit hatten 80.000 Menschen Müllers Stellungnahme gelesen und viele gaben unterstützende Kommentar dazu ab. Mittlerweile ist ein wenig Zeit vergangen und es hat sich so manch Neues ereignet: Müller versuchte mit der Familie, die sich so unmenschlich verhalten hatte, Kontakt aufzunehmen, was allerdings erfolglos blieb. „Anscheinend wurde der Email-Account zwischenzeitlich gelöscht“, vermutete der 31-Jährige.

Laut seiner Aussage habe sich die betroffene Familie zum Schutz ihres behinderten Kindes völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der ganze Trubel und das immense Medieninteresse waren ihr einfach zu viel geworden. Wenn sich die Wogen geglättet haben, käme man aber gerne wieder in den Landgasthof zum Essen vorbei.

Nachrichten mit rechtsradikalem Inhalt

Die Reaktionen und Rückmeldungen aus dem Dorf, von anderen Gästen, Freunden und Bekannten waren durchweg gut. Müller: „Dass ich so klar Stellung bezogen habe, wurde von den meisten anerkannt.“ Leider gab es auch die ein oder andere negative Mitteilung. Teils sogar mit rechtsradikalem Inhalt. Einige waren auch der Meinung, dass Müller nur aus Werbegründen für sein Lokal den Vorfall so groß aufgezogen hätte.

Darüber kann der Küchenchef nur müde mit dem Kopf schütteln: Es sei ihm ein persönliches Anliegen, dass gegen jegliche Diskriminierung anderer vorgegangen wird. Schließlich habe er einen Onkel und auch eine Halbschwester, die beide an einer geistigen Behinderung leiden. „Und gerade die Gastronomie verkörpert doch Integration auf höchster Ebene“, sagt Müller. „Nirgendwo sonst findet man so viele verschiedene Menschen vereint, kommen so viele zusammen.“

Sogar Wolfgang "Leiki" Leikermoser von Antenne Bayern übersendete ihm ein kleines Präsent. © Jennifer Willert


Er möchte auch in Zukunft ein Zeichen setzen – und plant mit behinderten Menschen gemeinsam in seiner Küche zu kochen. Es soll ein Vier-Gänge-Menü entstehen, das dann an die Gäste des Hauses herausgegeben werden soll. Er könne sich vorstellen, nachdem die Fixkosten gedeckt sind, den eigentlichen Gewinn an eine wohltätige Organisation in der Region zu spenden. Ein ähnliches Projekt gäbe es schon in Hamburg. Dort wird ein ganzes Hotel von behinderten Menschen geleitet, das faszinierte den Gastwirt.

Besonders gefreut hatte er sich über einen Brief von der bayernweiten Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (BUD), die ihm unerwartet ihre Unterstützung und Rechtsbeistand angeboten hatten. Sogar Wolfgang „Leiki“ Leikermoser von Antenne Bayern übersendete ihm mit einem kleinen Präsent seine Herzlichen Grüße.

Auf die Frage ob er, nachdem ihm jetzt alle Folgen bekannt sind, es noch einmal genauso machen würde, gibt es für Marcus Müller nur eine Antwort: Ja. „Ich werde auch weiterhin meine Meinung klar und deutlich vertreten. Es war die richtige Entscheidung.“

Jennifer Willert

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