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Operation am offenen Kellerwald Forchheim

Stadtförster kämpft gegen einen drohenden Kahlschlag und sucht das Blätterdach der Zukunft - 15.07.2020 17:56 Uhr

Die Forchheimer Stadträte stehen mit Förster Stefan Distler im Wald, wo keiner mehr ist. Die Hoffnungen ruhen auf den Jungbäumen. Es ist eine Wette auf die Zukunft.

© Foto: Patrick Schroll


"Es berührt mich schon arg", sagt Stadtförster Stefan Distler beim Blick auf Stellen, wo keine Bäume mehr stehen. Der Wald hat Lücken bekommen in den vergangenen Jahren und schuld daran ist nur eines, so der Förster: "Die Trockenheit." Sie hat auch die schönsten Lärchen dahingerafft. "Wir hätten nie gedacht, dass dieser Baum ein Problem mit dem Klima bekommt."

Nicht viel besser sieht es bei Patientin Buche aus, die sich bisher auf dem Annafest-Gelände wohl fühlte. "Wir dachten, dass es noch eine Art ist, die den Klimawandel durchhält", sagt Distler. Doch auch hier läuft die Operation auf Hochtouren.

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Zwei OP-Tische im Blick

Bei seiner Patientenvisite nimmt der Förster die Stadträte traditionell jedes Jahr kurz vor dem Annafest mit auf Tour durch den städtischen Wald. Dieses Jahr konnten die Räte gleich an zwei OP-Tischen die Arbeit der Stadtförsterei erleben. Auf dem Spielplatz hinter dem Schaufel-Keller liegt eine einst mehrere Meter hohe Buche, gefällt, tot auf dem Waldboden. Bei einer vorangegangenen Kontrolle war klar, dass der Baum nicht zu erhalten war. Noch grün, aber deswegen nicht gut, schaut ein Leidensgenosse der Buche auf die Stadträte. Die oberen Meter des Baumes sind bereits tot, auf den unteren Etagen breiten sich die Astarme mit vielen Blättern in alle Richtungen rings um den großen Stamm aus. Es sind Patienten wie diese, die den Stadtförster in einen Zwiespalt bringen. 

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Einerseits will er die Bäume möglichst lange am Leben halten, andererseits muss das wirtschaftlich sein. Aus Sicherheitsgründen müssen in der Krone abgestorbene Teile entfernt werden. Je nach Lage des Baumes müssen dafür Kletter anrücken. Das kostet Geld und das muss jährlich notfalls für einen Baum ausgegeben werden, der sich über die Jahre stückweise aus dem Leben verabschiedet. Auch wenn ein Baum noch im unteren Bereich grün trägt, könne es unterm Strich sinnvoll sein, den Baum zu fällen, so Distler. Das stoße in der Bevölkerung nicht immer auf Verständnis.

Dauerpatient Kellerwald

Aber es gibt auch sie: bereits tote Bäume, die grünlos in der Flur stehen. Sofern sie standhaft sind, was regelmäßig überprüft werde, gibt es keinen Grund, sie zu fällen.

Der Kellerwald bleibt für die Stadt ein Dauerpatient. Denn um ihn gut durch die kommenden Jahrzehnte zu bringen, muss die Stadtförsterei unentwegt einschreiten. Neue Bäume, die bisher nicht heimisch in Franken waren, sollen das Überleben garantieren. 

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Vollendet ist die Teil-OP beispielsweise am Schaufel-Keller. Noch gestützt mit einer Holzkonstruktion wächst eine Ulme gen Himmel. Zwei gut 300 Jahre alte Eichen mussten weichen. Sie haben laut einem Gutachten Fäulnis aufgewiesen und waren nicht mehr standsicher. Die Art von Ulme an dieser Stelle soll besonders widerstandsfähig gegen Ulmenkrankheiten und durch ihre tiefen Wurzeln auch Stürmen gut trotzen können.

Bäume müssen Geländer weichen

Auch an eigentlich gesunde Bäume wird die Stadt die Säge anlegen müssen auf den Kellern. Ähnlich wie den Eichen könnte es auch anderen Artgenossen gehen, die nahe an den von Steinmauern umgebenen Kellern stehen. Darauf machte der Leiter des städtischen Bauamts, René Franz, aufmerksam. Das habe zwei Gründe. Zum einen wurzeln die alten, großen Bäume stark ins Mauerwerk hinein und beschädigen es, zum anderen müssen im Rahmen der Geländersanierung neue Zäune angebracht werden. "Hierfür muss der ein oder andere große Baum ersetzt werden." 

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Wie verheerend sich die vor allem in den Trockenjahren 2018 und 2019 ausgebliebenen Niederschläge auswirken, zeigt sich nur einen gemütlichen Spaziergang vom Kellerwald aus gen Serlbach. Am dortigen Auerberg musste die Stadtförsterei 75 Prozent der Fichten entfernen. Geschwächt durch den wenigen Regen waren sie für Schädlinge wie den Borkenkäfer ein wortwörtlich gefundenes Fressen. Die Fichte, die erst vor rund zwei Jahrhunderten aus nördlicheren Gefilden bei uns eingewandert ist, verträgt das sich rasant wandelnde und neue Klima nicht mehr.

Mit Einwanderern aus Nordamerika, dem Balkan oder der Türkei hält die Stadtförsterei dagegen. Es sind Arten, die mit ihrem Charakter mit langen Hitzeperioden ohne viel Niederschlag besser zurecht kommen. Es ist eine Wette auf die Zukunft.

Ob der Klimawandel sich schneller wandelt als die neuen Bäume in die Höhe wachsen und alt werden können, muss sich erst noch zeigen, sagt der Förster. 

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