Mit Gefühl

Rettungsaktion für 150-Jährige Rosskastanie auf dem Lieberth-Keller

17.6.2021, 16:59 Uhr
Sie ist wieder zu alter Stärke zurückgekehrt und wächst prächtig. Dabei war die alte Rosskastanie auf dem Dorfkeller Lieberth in Hallerndorf fast schon dem Tod geweiht.

Sie ist wieder zu alter Stärke zurückgekehrt und wächst prächtig. Dabei war die alte Rosskastanie auf dem Dorfkeller Lieberth in Hallerndorf fast schon dem Tod geweiht. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Das Orkantief Fabienne fegte am 23. September 2018 über Franken hinweg. Die rund 150 Jahre alte Rosskastanie am Hallerndorfer Dorfkeller Lieberth erlitt große Schäden. Die Kastanie steht als äußerster Baum auf der Westseite des Kellers. Ihr riesiges Kronendach bietet dem Westwind eine große Angriffsfläche. Ein dicker Stämmling brach aus der Mitte der Krone heraus und stürzte zu Boden. Der südöstliche Kronenteil brach ebenfalls am Stammkopf aus, wurde jedoch von der Krone des Nachbarbaums am gänzlichen Abbrechen gehindert.

Eine emotionale Entscheidung

"Ich habe den Baum eigentlich verloren geglaubt", sagt Christian Volkmuth, Inhaber des Lieberth Dorfkellers. Es sei eine emotionale Entscheidung gewesen, den Baum nicht zu fällen. "Der Baum steht direkt auf dem Bierkellergewölbe", erklärt Christian Volkmuth. "Er bildet mit seinen Feinwurzeln einen dichten Teppich und hält dadurch den Keller trocken." Das Gewölbe des Kellers liegt drei Meter unter dem Baum. Seine stützenden Wurzeln hat der Baum jenseits der Grundstücksgrenze im Westen. "Diese Stütze hat ihn vor mehr Schaden während des Sturms bewahrt."

Bereits beim Bau des neuen Kellerhauses sollte der Baum gefällt werden. Aber die Volkmuths entschieden sich zugunsten der beeindruckenden Kastanie für ein kleineres Haus. Der Baum sei für den Keller zu wertvoll als Klimaregulierer und als Zeitzeuge. Die Firma Busch Baumpflege aus Buttenheim wurde mit der Baumsanierung beauftragt.

"Eigentlich bin ich Maschinenbautechniker", erzählt Christopher Busch. "Aber die Naturverbundenheit lebte ich schon als Kind." So absolvierte er nach zwölf Jahren Arbeit in der Industrie viele Weiterbildungen in Sachen Baumpflege, ging schließlich nach Heidelberg und schloss seine Ausbildung mit dem "Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung" ab. Es folgte ein Kurs für Baumklettern.

"Es gab keine Alternative"

Der Baumschnitt erfolgt am besten im belaubten Zustand. "Im Oktober mit der Baumsanierung zu beginnen, war eigentlich ungünstig", erklärt Busch. "Aber es gab keine Alternative, schon aus Gründen der Sicherheit am Keller." Durch den Einbau einer statischen Kronensicherung aus Stahlseilen mit speziellen Gurtbändern (im Oktober 2018) sowie Stahlgewindestangen im Stamm (im Frühjahr 2019) wurde der aufgerissene Stammkopf gesichert.

Der heutige Zustand. Man sieht die Verschraubung durch die Gewindestangen, der Riss ist zusammengepresst und nur noch als Narbe zu sehen.

Der heutige Zustand. Man sieht die Verschraubung durch die Gewindestangen, der Riss ist zusammengepresst und nur noch als Narbe zu sehen. © Foto: Busch

Außerdem reduzierte der Baumsanierer durch die Einkürzung der Krone um etwa zwei Meter die Windangriffsfläche. Stahlseile und Gurtbänder bleiben am Baum und müssen erst in mehr als zehn Jahren ersetzt werden. Die verbleibende Gewindestange ist für den Säftefluss im Baum kein Problem, sie wird umgangen.

"Ein- bis zweimal im Jahr kontrolliere ich den Zustand der Kastanie und der Sicherungen", sagt Christopher Busch. "Es hätte auch schief gehen können und der Kronenabschnitt wäre abgestorben." Jetzt nach über zwei Jahren ist es relativ sicher, dass der alte Baum gerettet ist.

Eine Gefahr bleibt

Er treibt aus, ist gesund, die Muttern der Gewindestange werden schon umwachsen und der Riss ist durch die Verschraubung keine "Sollbruchstelle" mehr. "Die einzige Gefahr ist, dass durch den Riss Schädlinge eindringen." Trotzdem werde diese offene Stelle nicht künstlich geschlossen, sie schließe sich durch Zuwachs in einigen Jahren. Die Baumkrone muss immer wieder eingekürzt werden, um einen weiteren Sturmschaden zu vermeiden.

Baumspezialist Christian Busch (links) hat mit Fingerspitzengefühl den Baum gerettet. Kellerbetreiber Christian Volkmuth (rechts) hat die Rettungsaktion beauftragt.

Baumspezialist Christian Busch (links) hat mit Fingerspitzengefühl den Baum gerettet. Kellerbetreiber Christian Volkmuth (rechts) hat die Rettungsaktion beauftragt. © Foto: Sylvia Kiesewetter

"Die Kosten für so eine Baumsanierung belaufen sich auf etwas über 2000 Euro plus die jährliche Kontrolle", sagt Busch. Eine Baumfällung in dieser Größenordnung koste etwa 3000 Euro – wegen der schweren Zugänglichkeit.

Eine Neupflanzung belaufe sich auf rund 1200 Euro für das Bäumchen plus 300 Euro für die Pflanzung. "Aber dann muss der Baum ja erst mal Jahrzehnte lang wachsen, bis er so erhaben ist wie diese Kastanie hier", sagt Busch. "Ja, so eine Baumsanierung lohnt sich auch finanziell." Und Christian Volkmuth ergänzt: "Aber vor allem lohnt sie sich wegen des Baums und seines Wertes für Klima und Seele."

"Mein Freund ist tot"

Der Zustand der Rosskastanie 2018 nach einem verheerenden Sturm. Der obere Stämmling ist abgebrochen.

Der Zustand der Rosskastanie 2018 nach einem verheerenden Sturm. Der obere Stämmling ist abgebrochen. © Foto: Busch

1968 sang die Sängerin Alexandra: "Mein Freund der Baum ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot. Du fielst heut früh, ich kam zu spät. Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen. . ."

Gut, dass es Menschen wie Christian Busch und Christopher Volkmuth gibt, die den Wert eines Baums nicht nur in Euro messen. Jeder Baum hat den Versuch einer Rettung verdient. Und wenn es gelingt, ist es auch zu unserem eigenen Nutzen.

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