Über Kopf arbeiten

Scharf gestellt: Die Erfolgsgeschichte der Forchheimer Firma Optik Schweizer beginnt 1840 in Fürth

20.9.2021, 19:52 Uhr
Marketingleiter Holger Rieß vor einer hochspezialisierten Lupe aus dem eigenen Hause.

Marketingleiter Holger Rieß vor einer hochspezialisierten Lupe aus dem eigenen Hause. © Sylvia Kiesewetter, NN

1840 gründete der Gürtlermeister Abraham Schweizer in Fürth eine Fabrik für optische Produkte. 1877 beginnt in Forchheim die Brillenglasproduktion in einer stillgelegten Spiegelglasschleiferei. 1907 zieht auch die Verwaltung von Fürth nach Forchheim. Inhaber des heutigen Unternehmens ist die Familie Schüttinger.

„Unsere gesamte Produktion, vom Schleifen über den Spritzguss bis zum fertigen Produkt, das Produktmanagement und die Verwaltung befinden sich in Forchheim“, erklärt Holger Rieß, Marketingleiter der A. Schweizer GmbH. „Unsere Regionalität besteht in unseren etwa 100 Mitarbeitern, die alle aus Forchheim und Umgebung kommen. Viele haben eine augenoptische Ausbildung.“ Das Unternehmen bildet bis zu drei Industriekaufleute, die danach übernommen werden sollen.

„Wir bezeichnen uns als der Spezialist, wenn die Brille nicht mehr ausreicht‘“, erläutert Rieß. „Wir produzieren und vertreiben anwenderfreundliche Produkte im Bereich Low Vision‘, was mit ‚Sehbeeinträchtigung‘ übersetzt werden kann: Lupen und Lupenhalbbrillen, elektronische Sehhilfen, Spezialbrillengläser, Leuchten, Fernrohrsysteme und Anpasshilfen. Wir bieten in diesem Segment marktführend das umfangreichste und innovativste Sortiment an.“ Zudem gibt es eine technische Serie für Industrie, Werkstatt, Prüfbedarf und Handel, dazu zählen zum Beispiel Uhrmacherlupen oder Fadenzähler. Der Unternehmensbereich „Technisches Glas“ umfasst optische hochpräzise Komponenten für Lasertechnik, Bildverarbeitung, Messtechnik, Beleuchtung, Photonik und Medizintechnik.

In der neuen Abteilung riecht es nach Lack

„Die Entspiegelungsabteilung ist relativ neu“, sagt Rieß. Es riecht nach Lack. Die Maschine summt, wenn sie die Gläser eintaucht. „Normale Brillengläser bekommen Sie bei uns auch, aber Highlights sind unsere Spezialbrillengläser und Filter, die zum Beispiel bei altersbedingter Makula-Degeneration, Grauem Star oder Migräne Anwendung finden. Aber auch für Sonnen- und Blendschutz sowie für individuelle Sehprobleme bietet unser Sortiment Lösungen“, fährt Holger Rieß fort.

Die Spezialbrille mit eingearbeitetem Kantenfilter ist für Überkopf- Arbeiten geeignet.

Die Spezialbrille mit eingearbeitetem Kantenfilter ist für Überkopf- Arbeiten geeignet. © Schweizer, NN

Um Augenoptiker, Optometristen, Augenärzte und Orthoptisten über die Möglichkeiten zu informieren und weiter zu qualifizieren, wurde die Tochtergesellschaft Optik Akademie GmbH gegründet. „Wir haben in allen größeren Städten Augenoptik-Fachgeschäfte, die zumindest einen Teilbereich unserer Produkte anbieten und auch eine gezielte individuelle Beratung gewährleisten“, führt Rieß aus. „Unsere Herausforderung besteht darin, dass wir nur an qualifizierte Augenoptik-Fachgeschäfte verkaufen und der betroffene Endverbraucher oft gar nicht informiert ist, welche Hilfen es für seine spezielle Sehbehinderung gibt. Grob gesagt behandelt der Augenarzt bis zur Augenoperation, danach übernimmt der Augenoptiker, der eine Brille und die Gläser verkauft. Bei schweren Sehschwächen braucht der Kunde aber umfassendere Hilfsmittel, um ihm wieder eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen. Da kommen unsere Produkte ins Spiel.“

Ein natürlicher (Strom)kreislauf

In der Fertigung für Lupenhalterungen dröhnen die Maschinen. Es riecht leicht nach Kunststoff. „Alle Abfälle, die bei der Fertigung entstehen werden entweder bei uns weiterverwendet oder sortenrein getrennt an Recyclingfirmen abgegeben“, erklärt Holger Rieß. „Durch den alleinigen Standort Forchheim sparen wir Transportwege und damit CO2. Wir haben ein hauseigenes Hackschnitzelkraftwerk, eine Photovoltaik-Anlage für unseren gesamten Strombedarf und verwenden für die Verpackung nicht lackierten Karton aus zertifizierten Hölzern. Folie müssen wir da verwenden, wo Gläser vor verkratzenden Spänen geschützt werden müssen, aber sonst verpacken wir mit Papierpolsterungen und Mikrofasersäckchen aus recyceltem Material. Unsere Präsentationskoffer bieten wir zukünftig aus einem recycelbaren Materialmix aus Glucose, natürlichen Wachsen und Naturfasern an. Digitale Ausgabeformate für Broschüren und der Online-Bestellservice sparen Papier und schonen so Ressourcen.“

„2017 führten wir eine LED-Leuchtlupe auf dem Markt ein, die bisher einzige Leuchtlupe, die per Induktion geladen werden kann“, erzählt Holger Rieß. Seit 2020 produziert das Unternehmen für sehbeeinträchtigte Personen eine in Forchheim entwickelte LED-Leuchte mit wählbar drei verschiedenen Lichtfarben, von der Stehlampe über die Klemmversion bis zur Schreibtischlampe.“

Über Kopf arbeiten

Wichtig bei der Entwicklung sei gewesen, dass es keine Kanten an der Lampe gibt, um Verletzungen vorzubeugen. Große kontrastreiche Symbole, akustische Signale, tastbare Anschlüsse, große Hebel, Möglichkeit zur Ladung über einen Akku, reine (keine gemischten) LED-Farben, bewegliche Arme von senkrecht bis waagrecht und ein Dimmer seien wichtige Faktoren, um einer sehbeeinträchtigten Person Lebensqualität zurückzugeben.

„Spannend finde ich auch unsere Spezialbrillengläser, die es zum Beispiel weitsichtigen Handwerkern ermöglichen, über Kopf zu arbeiten, oder Dirigenten, gleichzeitig Orchester, Notenblatt und Publikum scharf zu sehen“, sagt Holger Rieß. „Es ist unglaublich, was im optischen Bereich alles möglich ist.“

Für weitere Informationen: www.schweizer-optik.de

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