Schutz hinter Gesetzen: HGF brilliert mit Theaterstück

17.3.2018, 10:00 Uhr
Die antiken Danaiden (links) vernehmen die Botschaft heutiger Schutzbefohlener, darunter auch junge Flüchtlinge aus Syrien, die in Forchheim jetzt ihr Abitur machen werden.

Die antiken Danaiden (links) vernehmen die Botschaft heutiger Schutzbefohlener, darunter auch junge Flüchtlinge aus Syrien, die in Forchheim jetzt ihr Abitur machen werden. © Foto: Udo Güldner

Die Danaiden haben eine riskante Reise über das Mittelmeer überlebt. Die Töchter des Danaos (von David Zargartalebi gespielt) sind auf der Flucht vor brutalen Vettern, mit denen sie in Ägypten zwangsverheiratet werden sollen. In Argos suchen sie Schutz.

Zuerst stranden vier Töchter (Annika Böhler, Katherina Erdmann, Karolina Prockl, Simone Fröhlich), in der Hand einen Zweig mit weißer Wolle. Mit diesem Vorläufer der "weißen Fahne" wollen sie sich in ihr Schicksal ergeben. Die anderen bleiben auf dem Schiff und bilden den Chor (Maren Wicher, Jana Heß, Nicole Kuhn, Leoni Lettner, Helen Murphy, Nicola Hahn, Annika Kupfer). Der treibt die Handlung voran, erklärt das Gehörte, kommentiert das Gesehene.

Blaue Folie ist das Meer

Inmitten der Herder-Aula deutet eine auf dem Boden ausgebreitete blaue Folie an, wo das unberechenbare Meer beginnt. Ein mit Erde bestreutes Geviert zeigt, wo die Landgänger sicher auftreten können. Ganz wie am Südhang der Akropolis, an dem in der Antike die "Schutzflehenden" des Aischylos das Athener Publikum herausgefordert haben, sind nun die Besucher des Schultheaters rund um das Geschehen drapiert. Dadurch werden sie Teil der großartigen Inszenierung.

Beteiligte sind die Zuschauer nicht erst, nachdem sie von Darstellern einbezogen werden: "Was würden Sie tun?", sondern das ganze Theaterstück hindurch. Dabei steht der "Hausherr" König Pelasgos (Paul Dirscherl) vor einem klassischen Dilemma: Egal für welche Möglichkeit er sich entscheidet, es wird kein gutes Ende nehmen. Pelasgos trägt hier die Verantwortung und keineswegs die mythischen Götterscharen. Gibt der König kein Asyl, verstößt er gegen das Gastrecht und zieht Zeus’ Zorn auf sich. Gewährt er ihnen hingegen Schutz, dann kommt es zum Krieg mit den Ägyptern. Kulissenbauer Hans Döbrich aus Hallerndorf baute ein wunderbares exemplarisches Schiff und Ruth Konrad und ihre Co-Regisseurin Sonja Döbrich griffen zu einem Trick: Ein Bote (Jan Wellmann) blickt über die Köpfe der scheinbar Unbeteiligten hinweg und erzählt, welch stolze Flotte sich nähert.

Erst die Drohung der Danaiden, sich an heiliger Stätte selbst zu töten und so Schmach und Schande über Argos zu bringen, veranlasst den zögernden Herrscher, sein Volk (die Zuschauer) um Aufnahme der fremden Frauen zu bitten – hier ist das ein Hinweis auf die zu Zeiten des Aischylos herrschende attische Demokratie.

Der eigentliche Clou aber ist die zweite Ebene, die in der Gegenwart angesiedelt ist und Bezüge zu Elfriede Jelineks Drama "Die Schutzbefohlenen" herstellt. Hier kommen auch drei Schüler aus Syrien ins Spiel, die selbst vor Krieg und Zerstörung nach Forchheim geflohen sind, um "Freiheit, Sicherheit, Frieden" zu finden.

Die Grausamkeit der Gegenwart

Nachdem sie gewaltige Hürden überwunden haben, stehen die Flüchtlinge kurz vor dem Abitur. Walid Alhamadi aus Idlib, Tawfic Madarati aus Aleppo und Abdulrahman Jamous aus Damaskus erzählen in der Parallelhandlung ihre Geschichte: Vom "Empfang" der Flüchtenden mit Fingerabdruck-Scannern, vom elenden Lagerleben auf Lesbos, von Abschiebung und "freiwilliger" Rückkehr.

Aber auch vom Wunsch nach Normalität, als Studenten in Berlin in der Sonne zu sitzen und Currywurst zu essen (sie werden von Clarissa Wenisch, Miriam Leiner und Marie Held gespielt). Sie schildern die Atmosphäre am Strand der griechischen Insel, an dem ehrenamtliche Helfer (Ira Schneider) und vom Anblick des Elends genervte Urlauber (Immanuel Dietrich, Hannah Jäger) unversöhnlich aufeinandertreffen. So wie sich König Pelasgos einst hinter seinem Volk zu verstecken suchte, so verstecken sich heutige Grenzbeamte und Asyl-Entscheider (Nina Rittmayer, Marlena Meissner, Julia Schwandner, Anna Wehrfritz, Vanessa Mausser, Paula Meisen) hinter den Gesetzen und schieben die Verantwortung auf "die Umstände". Sie müssen "wasserdicht" entscheiden und tun es weniger human als König Pelasgos vor 2500 Jahren. Das ist das Erschreckende.

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