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Sensationelle Schätze unter dem Rathaus Forchheim: Stadtrat warnt vor "historischem Fehler"

"Einmalige Chance" - 30-Quadratmeter-Glasfenster mit Blick in die Vergangenheit - 06.10.2020 20:00 Uhr

Wird dieser Blick auf ehemalige Mauerreste unter der Rathaushalle für künftige Generationen frei bleiben? Die Mehrheit der Stadträte will das.

© Archivfoto: Ralf Rödel


Es gleicht einer Sensation. Mit jedem Zentimeter, den sich die Archäologen weiter in die Geschichte vorgraben, entdecken sie mehr von dem, was sie nie geahnt hätten, es dort zu entdecken: Was im Boden der Rathaushalle schlummert, lässt Archäologen, Stadtführer und Stadträte sprachlos zurück.

Muss die Geschichte der Stadt neu geschrieben werden? Zumindest um wesentliche Kapitel ergänzt werden. Darin sind sich die Experten einig, als sie im Frühjahr 2019 die ersten Funde der Öffentlichkeit präsentierten.

Unterm Rathaus gefunden wurde die Wärmekugel rechts, wenige Zentimeter groß. Links zwei Beispiele, die das Innere und eine kunstvolle Verzierung zeigen.


Fest steht: Rund um den heutigen Rathausplatz haben einst bedeutende, reiche Bürger residiert. Europaweit äußerst seltene (Luxus)-Funde verweisen darauf, wie beispielsweise die Wärmekugel aus Persien. In dieser Art Taschenwärmer verdampften Kräuter und Duftstoffe. Bislang wusste die Forschung von elf Exemplaren in ganz Europa, das zwölfte haben die Archäologen in Forchheim entdeckt (siehe Artikelende).

Forchheim bedeutender als Bamberg?

Abgeschlossen sind die Arbeiten noch lange nicht, aber die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass Forchheim einst bedeutender als Bamberg gewesen sein könnte. Längst ist nicht mehr ausgeschlossen, dass die runden Mauerreste aus dem 9. Jahrhundert das sind, wonach Forchheim seit jeher auf der Suche ist: die ehemalige kaiserliche Residenz aus dem 9. und 10. Jahrhundert, in der Konrad I. im Jahr 911 zum König des ostfränkischen Reiches gewählt wurde. Im Boden des künftigen "Hauses der Begegnung" steckt demnach nicht nur lokale, sondern Geschichte von nationalem Rang.

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Forchheim: Sensationelle Grabungsfunde im Rathaus

Der Andrang war groß, als das Forchheimer Stadtbauamt zusammen mit den Denkmalschützern über Funde und wissenschaftliche Erkenntnisse im Rathaus informierte. Die Funde sind, da sind sich die Spezialisten einig, "eine Sensation für eine Innenstadtgrabung".


Und weil das Rathaus darüber ein "Denkmal nationalen Ranges" ist, hat Kulturbürgermeisterin Annette Prechtel (FGL) in der Sondersitzung zur Generalsanierung des Rathauses erneut vehement dafür geworben, die Mauerreste für die Nachwelt zu erhalten. So außergewöhnlich wie die Archäologen die Funde bewerten, so außergewöhnlich war auch die Diskussion im Stadtrat dazu. Emotional.

"Einmalige Chance als einer der wichtigsten Pfalzorte"

Ausgelöst worden war sie bei der Vorstellung der künftigen Rathaushalle. Sie soll für Veranstaltungen einen Sicht-Estrich-Boden erhalten und befahrbar sein. Die darunterliegenden Mauerreste – sie würden verschwinden, entsorgt oder verschüttet werden, so Architekt Stephan Fabi. Die Arbeit des Denkmalschutzes höre bei der Dokumentation der Funde auf. Wie die Stadt mit der Mauer weiter umgehen möchte, bleibe ihr überlassen.


Kommentar: Grabungsfunde im Rathaus: Stadt sollte Freudensprünge machen, statt sich zu sorgen.


Für die Archäologin und stellvertretende Leiterin des Pfalzmuseums, Christina König, gibt es keine Zweifel: "Forchheim hat eine glanzvolle Vergangenheit als einer der wichtigsten Pfalzorte." Auch wenn noch unklar sei, zu welchem Gebäude die gefundenen Mauern einmal gehörten, sei es eine "einmalige Chance", diesen Befund sichtbar zu machen. Sie verwies auf den geplanten archäologischen Pfad, der einmal durch die Stadt führen und die Geschichte Forchheims lebendig machen soll. Der Weg könnte auch in das Rathaus und zu den über 1200 Jahre alten Mauern führen.

"Absolut unverantwortlich"

Ein 30 Quadratmeter großes, in den Boden der Halle eingelassenes Glasfenster, könnte den Blick auf die Mauerreste ermöglichen. Die reinen Investitionskosten lägen hierfür bei rund 120.000 Euro, so Architekt Fabi. Für Revisionsarbeiten müsste ein Zugang zu den Mauern geschaffen, für ihren Erhalt eine Lüftungsanlage eingebaut werden. 47 Quadratmeter bereits verplante Kellerfläche als Lager für Stühle und Tische für Veranstaltungen im Haus fielen weg. Für ein Ersatzlager müssten neue Räume unterkellert werden.

Weitaus folgenreicher schilderte der Architekt die baulichen Herausforderungen. Er sprach davon, dass das Glaselement möglicherweise ein neues statisches Gutachten nach sich zöge, weil die Gebäude-Mauern nicht mehr wie bisher geplant unterfangen werden könnten. "Bautechnisch ist das absolut unverantwortlich, zum jetzigen Zeitpunkt etwas anderes zu entscheiden", so Fabi, der aufgrund komplexer Berechnungen von einer zeitlichen Bauverzögerung von "mindestens einem Jahr" sprach. Er warnte vor Mehrkosten, ohne sie näher zu beziffern.

SPD: "Brauchen diese Mauerreste nicht"

Die FDP sieht sie bei mehreren Millionen Euro, weshalb sie sich gegen die Glasvariante aussprach. Auch die SPD stimmte gegen das Fenster in die Vergangenheit. Die Genossen scheuen die zeitliche Verzögerung, die schlecht für die Kulturschaffenden sei, die dringend Räume bräuchten. Fraktionsvorsitzender Reiner Büttner: "Das Tolle am Rathaus ist das Fachwerk, das Mittelalter. Wir erhalten so viel durch die Sanierung. Das Rathaus braucht diese Mauerreste nicht, um zu zeigen, welchen Stolz wir in dieser Stadt haben."

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Schwarzmalen lassen wollte sich Manfred Hümmer (FW) die Glas-Idee nicht. "Sie lassen nichts unversucht, uns das auszureden", sagte er in Richtung Architekt. Hümmer sprach von einer "historisch einmaligen Chance, die Stadtgeschichte dauerhaft sichtbar zu machen. Viel zu viel wurde in der historischen Stadt bereits überbaut. Andere Städte in der Region machen uns vor, wie sie mit ihrem Erbe umgehen." Für Ludwig Preusch (FW) ist die Sichtbarmachung wichtiger als die im Keller geplante Bierothek. Für diese habe der Stadtrat auch, "ohne zu zucken", Mehrkosten in Kauf genommen.

"Die Stadt hat ihre Geschichte mit Füßen getreten"

Von "historisch" war viel die Rede in der Diskussion. Ulrich Schürr (CSU): "Es ist eine historische Chance und es geht darum, einen historischen Fehler zu vermeiden." Fehler, die FGL-Rat Johannes Mohr zeit seines Lebens beobachtet hat: "Die Stadt hat ihre Geschichte mit Füßen getreten. Jetzt stehen wir wieder an einem Punkt, an dem wir aus Sachzwängen heraus wieder Geschichte entsorgen. Ich bin entsetzt, wie wir mit den Kulturdenkmälern umgehen." Er warb für einen neuen Weg.

"Nachfolgenden Generationen sind wir es schuldig, dass wir nochmal anders entscheiden", sagte Hans-Werner Eisen (CSU). Geduld für notwendige Umplanungen sollte die Stadt aufbringen. Der Wunsch nach einer Glasplatte ist für die Architekten neu. Als die Planung für die Rathaussanierung startete, war von den Funden auch noch nichts bekannt.

OB: "Es wäre ein kulturelles Highlight"

Mit 24 Ja-Stimmen gab eine Mehrheit dem Architekturbüro den Auftrag, Planungen für eine Sichtbarmachung aufzunehmen. Über das weitere Vorgehen wollen die Räte nach einer ersten Kostenschätzung erneut abstimmen.

Zu klären gibt es viel, sagte Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD). Es könne zu Problemen beim Abruf der Fördergelder für die Sanierung kommen, wenn sich diese verzögere. Er macht aber auch klar: "Eine Sichtbarmachung wäre ein kulturelles Highlight."

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Diese Schätze haben Archäologen unter der Rathaushalle entdeckt:

Eine Kanne mit Tülle, die bei Tisch als Gefäß für teure Öle und Essenzen verwendet wurde.

Spielsteine für Dame, Mühle oder Backgammon, Würfel aus Elfenbein, Knochen oder Marmor. Zahlreiche Murmeln und Spielzeugfiguren aus dem 12. und 13. Jahrhundert, wie man sie früher nur auf Burgen, in Klöstern oder in reichen Bürgerhäusern fand.

Spinnwirteln, worauf gezwirnte Fäden aufgewickelt wurden, könnten belegen, dass Forchheim schon im 7. oder 8. Jahrhundert ein Zentrum des Textilhandwerks war.

Auch kleine Fundstücke verraten, wie es sich einst rund um das Rathaus lebte.

© Archivfoto: Ralf Rödel


Silbermünzen vom 12. bis zum 18. Jahrhundert oder ein Siegelring (5./6. Jahrhundert), also weit vor der Zeit, da Forchheim Standort einer kaiserlichen Pfalz gewesen war.

PATRICK SCHROLL pas

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