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So läuft der Musikunterricht in Forchheim zu Corona-Zeiten

Nur Schulkater Emilio hört zu - 22.05.2020 08:00 Uhr

Musizieren mit Abstand: Tom Brüderer aus der fünften Klasse beim Trompeten-Unterricht. © Foto: Udo Güldner


Eine Doppel-Strategie fährt das Herder-Gymnasium Forchheim. Dort hat man Schüler, die noch zu Hause sind und per Skype und anderer technischer Möglichkeiten ihr Instrument besser kennenlernen. "Die Lehrkräfte melden, dass die Motivation sehr hoch war und ist." Es gibt aber auch welche, die wie die Q11/12 und die 5./6. Klassen im Schulhaus zu finden sind.

Für sie haben die Fachschaftsleiterin Angelika Bogendörfer und ihr musisches Team keine Mühen gescheut, um das landkreisweit einzigartige Angebot in Sachen Instrumentalunterricht aufrecht zu erhalten. "Mein erster Klassen-Unterricht in der Q11 war sehr positiv, alle haben sich gefreut, wieder persönlichen Kontakt zueinander zu haben und gemeinsam Musik zu hören und zu analysieren."

Zumindest bis Pfingsten gehen die Planungen auf. Danach braucht es ein Konzept auch für die Klassen 7 bis 10. Das dürfte angesichts der räumlichen Verhältnisse nur sportlich zu lösen sein. Auch bei der Hygiene hat man neue Wege beschritten. Für Keyboard, Klavier und Flügel brauchte es ein spezielles Desinfektionsmittel, damit weder die Plastik- noch die Elfenbein-Elemente Schaden nehmen. "Da können sie nicht das für die Tische nehmen." Besonders bitter ist allerdings, dass die Schüler die monatelang einstudierten Stücke nicht vor Publikum präsentieren durften. Nur der Schulkater Emilio darf lauschen.

Abstand zwischen Notenständern markiert

Es ist der größte Raum, den die Grund- und Mittelschule zu bieten hat, und der nicht mit Tischen und Stühlen vollgestellt ist. Am einen Ende steht Wojciech Grabietz, am anderen Ende stehen seine Schüler. Aber immer nur einer. "Wir sind alle froh, dass wir wieder unterrichten dürfen und die Schüler machen wirklich mit voller Begeisterung mit." Der Leiter der Musikschule Ebermannstadt hat mit Klebestreifen die fünf Meter Abstand markiert, die zwischen den Notenständern notwendig sind. Auf dem Klavier liegen Desinfektionstücher und andere Hygiene-Mittel bereit.

Alle Fenster sind die ganze Unterrichtsstunde sperrangelweit offen. Aber nicht, weil die hochsommerlichen Temperaturen das erfordern, sondern weil das Lüften der Probenräume von amtlicher Seite vorgeschrieben ist. "Wir suchen auch nach Möglichkeiten, einige der ausgefallenen Stunden freiwillig nachzuholen, um diesen Schaden von unserer Seite aus ein wenig zu reparieren. Die Musiklehrer möchten wieder arbeiten, den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten."

Hoffen auf weitere Lockerungen

Angebote wie Orchester und Chor sind momentan komplett untersagt. "Das ist sehr schade und auf Dauer mit Sicherheit nicht fördernd. In der Gemeinschaft zu musizieren macht den meisten Schülern richtig viel Spaß. Wir sind aber froh, dass man überhaupt schon was machen darf und hoffen auf weitere Lockerungen."

Bevor Ciprian Popa in die Klavier-Tasten greift, wird das Instrument desinfiziert. Im Hintergrund ist Lucia Gerstner zu sehen. © Foto: Udo Güldner


Ein etwas anderes Bild bietet sich bei den privaten Musiklehrern, die seit den Corona-Einschränkungen mit existenziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Besonders hart hat es "git.art.M – Stätte der Musik" getroffen. Deren Gründer und Leiter Michael "Mike" Mauser hatte neben den vielen abgesagten Konzerten, die ein Loch in die Kasse gerissen haben, unter anderem damit zu kämpfen, dass das JeKI-Projekt komplett darniederliegt.

Denn den dort vorgesehenen Gruppen-Unterricht darf er nicht halten. Immerhin haben einige der Schulen, Mittelehrenbach, Hallerndorf und die Pestalozzi-Schule Forchheim einen Teil ihrer Gelder weiter fließen lassen. "Sonst wäre ich jetzt schon pleite." Denn Unterstützung von Staats wegen habe er keine bekommen. Trotzdem bezahlt er seine 26 Honorarkräfte weiter, damit diese nicht selbst in die Bredouille geraten.

Ausweichen auf Skype-Stunden 

Ein bereits praktiziertes Ausweichen auf Skype-Stunden hält der Gitarren-Guru nicht für die beste Lösung. "Die Kinder brauchen den Kontakt zum Lehrer." Bei falscher Körperhaltung oder Grifftechnik müsse man eingreifen und korrigieren können. Das gehe nicht virtuell. Da Mauser immer schon ein Verfechter des Einzelunterrichtes war, ändert sich zumindest in dieser Hinsicht durch die Vorgaben nichts.

Unterricht mit Distanz und Mundschutz: Angelika Bogendörfer, Musik-Lehrerin am Forchheimer Herder-Gymnasium und Schülerin Lea Röhling beim gemeinsamen Violinenspiel. © Foto: Udo Güldner


Auch Raumprobleme hat er nicht. Sorgen macht er sich nur um zwei Dinge: Dass die Wirtschaftskrise zu Arbeitslosigkeit und dann zu Kündigungen führen könnten. Denn auch wenn Musik lebensnotwendig sei, sei sie verglichen mit Miete und Essen doch ein Luxus. Und dass es eine zweite Corona-Welle geben könnte. "Die gäbe uns den Rest."

Seit knapp zwei Wochen greift Musiklehrer Alex Feser wieder in die Saiten. Er bringt Schülern die Feinheiten des Gitarre-Spiels bei. "Die Schüler und ich freuen uns sehr, dass es wieder richtig weitergeht, auch wenn es etwas umständlicher ist als gewohnt." Viele Schüler kämen mit dem Rad und hätten früher einfach seine Gitarren benutzt, jetzt müsse jeder sein eigenes Instrument mitbringen.

Videoanruf kostet "sehr viel Aufwand und Nerven"

"Finanziell hatte ich nur geringe Einbußen, durch den Wegfall der Konzerte." Den Großteil seiner Schüler hat der Absolvent der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg nach dem Lockdown über Videoanruf weiter unterrichtet, "was mich sehr viel Aufwand und Nerven gekostet hat". Mal war es der schlechte Ton, dann eine abbrechende Verbindung, oder hohe Latenzzeiten.

Für seine Schüler hat Feser die Noten eingescannt und zugeschickt und dazu kleine Erklär-Videos erstellt. "Der Aufwand war doppelt bis dreimal so hoch, und abends hatte ich regelmäßig Kopfschmerzen."

Kein Moll ohne Dur. Denn im Gegenzug erlebte der Gitarrenpädagoge auch schöne und lustige Dinge. Ein Schüler habe ihm immer seine neuesten Zaubertricks vorgeführt, ein anderer sei immer durchs Haus gerannt um ihm seine Katzen zu zeigen. "Ich kenne jetzt die Zimmer meiner Schüler, sowie ihre Geschwister, Eltern, Großeltern." Die seien oft mit vor der Webcam versammelt gewesen. Aber das Live-Erlebnis sei durch nichts zu ersetzen.

An der Streicherakademie Forchheim hat man den Unterricht durch Online-Angebote nie ganz abreißen lassen. Das erzählt Leiterin Sieglinde van de Klundert. Die wöchentlichen Cyber-Gruppenstunden über den Einzelunterricht hinaus bildeten für einige anfangs den einzigen Kontakt mit anderen Kindern überhaupt. In den letzten Wochen hätten sich trotz Ausnahmezustand neue Interessenten angesagt. "Musik ist offenbar zu sehr in den Menschen verwurzelt als dass sie sich durch eine Pandemie in den Hintergrund drängen lässt."

UDO GÜLDNER

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