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Mittwoch, 03.06.2020

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Startklar für das Comeback im Cockpit

Ab dem 11. Mai dürfen die Segelflieger am Hetzleser Berg wieder in die Lüfte steigen - 05.05.2020 16:36 Uhr

Wie in echt: Am Flugsimulator können die Segelflieger in jeder Region der Welt unterwegs sein und sogar die Wetterbedingungen einstellen. © Herbert Fuehr


Doch wie gingen und gehen gehen die FEN-Aktiven mit dem Lockdown und den damit verbundenen "Entzugserscheinungen" um? Für Vereinsmitglied Stefan Vogel ist der Flugsimulator (Condor 2) die beste "Ersatzdroge", wie er sagt. Der sei von Segelfliegern für Segelflieger gemacht und dementsprechend realistisch und detailgetreu gestaltet, was die Flugplätze und die unterschiedlichsten Landschaften betrifft. Man könne auch die Wetterbedingungen einstellen, unter denen man fliegen will.

Vogel hat den Simulator schon vor Corona benutzt, bei Schlechtwetter und weil sich damit gut etwa für Wettbewerbe trainieren lässt. Aber nun sitzt er häufiger dran. Am meisten Spaß macht das, wenn man nicht allein startet, sondern mit anderen zusammen, einfach zum Vergnügen oder unter Wettbewerbsbedingungen. Wer bei Condor eingeloggt ist, kann sich beteiligen, bis zu 60 Spieler sind möglich. "Das geht sogar international", erläutert Vogel, "aber wir verabreden uns zum virtuellen Fliegen meist hier innerhalb des eigenen Vereins und mit dem Segelflug-Club Lauf".

Geflogen werden kann in vielen Ländern Europas und auch in anderen Kontinenten. Einer der Mitspieler legt das Land und den Flugplatz fest, wo geflogen werden soll, außerdem die Wetterbedingungen und die Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Dann geht es los, wie beim richtigen Segelfliegen, mit Windenstart oder Flugzeugschlepp. Eine Skype- oder WhatsApp-Verbindung ersetzt den Sprechfunk, die Flugdaten werden vom Simulator aufgezeichnet. Und zum Schluss kann ein Sieger gekürt werden, nach dem gleichen Wertungssystem "wie in echt".

Aber bei aller technischen Perfektion: Es sei kein Ersatz für das richtige Fliegen oder für die echte Wettbewerbe, für die Vogel und andere Piloten sich schon vorbereitet hatten und die ja vorerst abgesagt werden mussten. "Ich habe besonders über Ostern gelitten", sagt Stefan Vogel, "bei dem herrlichen Wetter wäre ich jede Minute geflogen". Blieb also nur das Training am Simulator.

Vereinsfreund Frederic Pflaum ist erst durch Corona und einen Tipp Vogels auf diese "Ersatzdroge" gekommen. Auch er lobt die Präzision des Simulators, die es sogar erlaube, einmal riskantere Manöver zu fliegen, die in Wirklichkeit für ihn nie infrage kämen, etwa tief am Hang entlang. Was ihm besonders gefällt, ist, dass er auch zu später Stunde starten kann, nachdem er tagsüber andere Sportarten absolviert hatte: "Heute um 20 Uhr treffen wir uns wieder zu einem Simulator-Wettbewerb."

Weniger begeistert von dieser Art des Ausgleichs fürs richtige Segelfliegen ist Jürgen Naczynsky. Ihm fehlt dabei das echte Cockpit-Gefühl mit der Landschaft unter sich, mit all dem Rumpeln und Ruckeln im Flug und den Beschleunigungskräften bei Steilkurven. Er hat einen anderen Ersatz gefunden: Gartenarbeit ist für ihn "die beste Substitutionstherapie", und er macht sich auch nützlich, indem er sich an die Nähmaschine setzt und Schutzmasken näht. Dennoch, das gibt er zu, sind "die Nebenwirkungen schon ziemlich heftig".

Sebastian Hausleider ist Berufsschullehrer und aktives FEN-Mitglied. Pause im Schulbetrieb, Pause beim Fliegen, und so produzierte er zusammen mit Kollegen in den beiden ersten Aprilwochen in der Schule mit 3-D-Druckern Gestelle für Schutzvisiere, hauptsächlich für Ärzte und Pflegeheime. Die Visiere selbst bestanden aus Overheadfolien, die niemand mehr braucht. Ein Arzt kam regelmäßig in die Schule und hat die fertigen Schilde abgeholt und verteilt. Produktion und Verteilung gingen dann in andere Hände über, "weil wir Lehrer ja auch wieder mal Unterricht machen müssen." Das Corona-Flugverbot ließ ihm aber noch genug Zeit, auf Radausflüge seinen Quadrokopter (also eine Drohne) mitzunehmen und Luftaufnahmen zu machen.

Karl-Heinz Ideler, Kunstflug-Liebhaber und beim FEN ehrenamtlicher Fluglehrer, hätte die Corona-Krise anfangs beinahe in der Türkei durchstehen müssen. "Ich wollte dort einem Freund bei der Überführung eines Segelbootes von der Türkei nach Griechenland helfen", schildert er, "wir sind aber an den Grenzschließungen gescheitert und bei stürmischer See zurück gesegelt. Glücklicherweise haben wir noch einen der letzten Heimflüge erwischt."

Nun nutzt er die Zeit zuhause für Wanderungen mit seiner Frau, Touren auf dem Mountainbike oder dem Tourenrad. Ein Kunstflug-Lehrgang, bei dem er als Lehrer tätig sein soll, steht auf der Kippe. Sorgen macht er sich auch um die Motorflugzeuge, die auf dem Hetzleser Berg in den Hallen stehen, denn die Motoren drohen innen zu korrodieren.

Ein anderer Kunstflug-Experte des Vereins verbringt die Tage der massiven Einschränkungen in Dießen am Ammersee und spricht eher von einer Zeit der Entschleunigung. Fluglehrer Robert Wolfrum, der sonst in der Flugsaison oft tagelang auf dem Hetzleser Berg lebt, genießt es, dass er mehr Zeit fürs Privatleben hat. Er macht Radtouren, arbeitet im Garten und bildhauerisch im Atelier (er ist auch Kunst-Professor) und kann schon mal in Ruhe Lehrgänge für seine Tätigkeit als Segelfluglehrer der Bundeswehr in Roth planen. Er habe keine Langeweile, "aber ich fiebere der Zeit entgegen, an der ich wieder auf meinen geliebten Hetzles kann, um unter den Wolken zu tanzen."

Damit alles in Schuss ist, wenn der Flugbetrieb wieder losgeht, nutzt Werkstatt-Spezialist Bernhard Hochmuth zusammen mit einigen anderen Vereinsmitgliedern die Zeit für wichtige Reparatur- und Aufräumungsarbeiten. Zum Saisonstart (der ja bis auf Weiteres verschoben wurde) ist viel zu tun, und das ist eine Aufgabe, welche für ihn die Zwangspause weitgehend füllt. Aber "wenn ich mal nicht für den FEN unterwegs bin, dann arbeite ich im Garten und braue Weizenbier."

HERBERT FUEHR

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