Montag, 26.10.2020

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Steinzeit-Funde als Hypothek für Jahn Forchheim

Archäologen feiern "großes Stück Siedlungsgeschichte", der Verein fürchtet eine Kostenexplosion - 13.08.2020 06:00 Uhr

Die Ergebnisse der Voruntersuchungen im Stadtnorden haben die Archäologen begeistert, die Funktionäre der SpVgg Jahn Forchheim jedoch verunsichert. Sie befürchten höhere Baukosten, allein der Einsatz des Baggers mitsamt Fahrer hat die Vereinskasse mit 5000 Euro belastet.

© Foto: Konrad Böhm


Denn Funde von Bodendenkmälern auf dem Areal im Stadtnorden, das der Verein möglichst bald bebauen und beziehen möchte, ziehen höhere Kosten nach sich, die nachhaltige Folgen für das Projekt haben könnten. Man hat es beim Jahn fast schon befürchtet, weil man schließlich mitbekommen hatte, dass bereits 2016/17 für das benachbarte Gewerbegebiet in Forchheim-Nord archäologische Voruntersuchungen zu interessanten Funden geführt haben. Aber Vorsitzender Hans Schneider gibt zu, "dass wir darauf gehofft hatten, dass dieser Kelch an uns vorüber geht".

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Die Forchheimer Jahn-Halle - ein Juwel wartet auf den Abrissbagger

Große Pläne hatte der 1904 gegründete TV Jahn Forchheim in den 20er Jahren: Eine eigene Halle sollte her. Die Jahn-Halle war - auch nach der Fusion mit der Sportvereinigung Forchheim im Jahr 1947 - viele Jahrzehnte lang ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Forchheim. Im Spätsommer sollen die Bagger anrollen. Auch die Jahn-Halle muss dem Wohngebiet "Philosophenviertel" weichen, der gesamte Verein zieht in den Stadtnorden um. Wir blicken nostalgisch zurück und haben mit zwei Jahn-Urgesteinen noch einmal einen Rundgang durch "ihre" Halle unternommen.


Er ging es nicht. Im Gegenteil. Ivonne Weiler-Rahnfeld, beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege für den Landkreis Forchheim zuständig, gerät ins Schwärmen: "Es ist nicht Troja, aber wir haben da ein großes Stück Siedlungsgeschichte freigelegt." Die Artefakte reichen nach ihren Aussagen von der Steinzeit (also etwa 5000 vor Christus) bis zum Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit (etwa 600 bis 500 vor Christus).

"Viel größer als bisher bekannt"

Die Siedlung sei viel größer als bisher bekannt, man habe bisher wegen des relativ kleinen aufgegrabenen Gebiets natürlich nur einen kleinen Einblick, eine klare Struktur oder gar Grenzen der Siedlung seien da noch nicht zu erkennen. Auf jeden Fall seien weitere archäologische Eingriffe auf dem bisherigen Bolzplatz nötig, wo künftig die acht Tennisplätze des Vereins angelegt werden sollen.

Hier bestehe die Pflicht, die Befunde zu dokumentieren. Dazu werde zuerst der Oberboden von einer Fachfirma abgetragen, machen die Archäologen dann interessante Funde, kommt es zu einer sogenannten Rettungsgrabung zur Sicherung des Kulturguts (beispielsweise Gräber), so Ivonne Weiler-Rahnfeld: "Das muss gemacht werden, sonst gehen diese Dinge unwiederbringlich verloren."

Fußballplätze sind tabu

Es sei aber keineswegs so, dass das Landesamt für Denkmalpflege nun auch noch die Fußballplätze des Vereins aufgraben lasse. Dort greife die SpVgg Jahn ja nicht in den Boden ein, im Gegenteil: Der Klub will den Untergrund für die künftigen Rasenplätze eher aufbauen lassen. Die Expertin: "Das ist sogar ganz in unserem Interesse, denn dann würden eventuell existierende Bodendenkmäler nicht beschädigt."

Zeitliche Verzögerungen sind ihrer Ansicht nach nicht zu erwarten. Die Planungen der SpVgg Jahn seien ja frühzeitig angelaufen, die Maßnahmen würden im Rahmen bleiben.

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Die SpVgg Jahn Forchheim - von den Turnvätern bis heute

Der Turnverein 1904 Forchheim war die Keimzelle, die 1924 gegründete Sportvereinigung Forchheim dann das Sammelbecken der von den Turnern verschmähten Fußballer. 1947 fusionierte man zur Sportvereinigung Jahn Forchheim, in der seither viele Sportarten betrieben wurden. Manche sind in der Versenkung verschwunden, andere neu dazu gekommen.


Vereinschef Schneider fürchtet auch weniger den Faktor Zeit als den Faktor Geld. "Da könnten einige Kosten auf uns zukommen. Es gibt ein Gerichtsurteil, nach dem Ausgaben für diese archäologischen Arbeiten von bis zu 15 Prozent der Gesamtkosten für ein Bauprojekt zumutbar seien. Das wären bei unseren etwa fünf Millionen rund 800 000 Euro. Dann wären wir hin. Selbst bei einer deutlich niedrigeren Summe ginge unser Finanzkonzept nicht mehr auf."

Expertin beruhigt die Gemüter

Doch Denkmalschützerin Ivonne Weiler-Rahnfeld kann ihn auf NN-Anfrage schon vor dem Versenden ihres Schreibens mit den Vorgaben für den Jahn beruhigen: "Diese Summe wird bei diesem Projekt bei weitem nicht erreicht."

Doch nachdem beim Jahn im Hinblick auf den Umzug schon so viel schief gelaufen ist, will Schneider nichts mehr dem Zufall überlassen. Nach Erhalt des Schreibens will er sich mit seinen Vorstandskollegen und dem Architekten zusammensetzen und Alternativen erörtern. Gespart werden könnte nach Schneiders Auffassung am ehesten am Sportheim, die Anlagen für die Sportler sollen unangetastet bleiben. Da gehen seine Gedanken von einem abgespeckten Neubau bis hin zu dem Plan, von dem die Architekten ursprünglich abgeraten hatten: Das alte VfB-Heim nicht abzureißen, sondern zu sanieren.

Solche Einschränkungen wären ein weiterer Rückschlag in Bezug auf den Umzug in den Stadtnorden. Zuletzt hatte der Tod des Architekten Thomas Lemberger die Pläne zurückgeworfen. Inzwischen sind die Ausschreibungen eigentlich fertig, werden aber zurückgehalten. Schneider: "Aktuell umfasst die Leistungsbeschreibung noch den Abriss des VfB-Heims. Aber darüber ist ja noch nicht das letzte Wort gesprochen."

"Es könnte ruhig mal einfacher sein"

Dem 75-Jährigen, der seit dreieinhalb Jahren im Amt ist, geht das Projekt mit all seinen Begleiterscheinungen inzwischen an die Nieren, wie er einräumt: "Einerseits ist es schön, als Rentner eine sinnvolle Aufgabe zu haben, aber andererseits könnte es auch mal ein bisschen einfacher sein beim Jahn." Dennoch wird er im Oktober noch einmal antreten, wenn bei der verlegten Mitgliederversammlung der Vorstand gewählt wird. Denn sein Herzensverein soll ja nicht als Scherbenhaufen enden.

 

 

HOLGER PETER hp

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