Landleben

Stirbt oder lebt das Dorf? Warum das Wirtshaus allein nicht hilft

25.8.2021, 09:28 Uhr
Schaut idyllisch aus und ist vor allem urgemütlich: ein Buschenschank in Österreich. Hier kommen die Menschen aus dem Dorf bei einem Glas Wein oder Bier zusammen, tauschen sich aus. Treffpunkte wie diese gibt es immer weniger in den Orten im Landkreis Forchheim, Wirtshäuser schließen. Stirbt damit das Dorfleben?

Schaut idyllisch aus und ist vor allem urgemütlich: ein Buschenschank in Österreich. Hier kommen die Menschen aus dem Dorf bei einem Glas Wein oder Bier zusammen, tauschen sich aus. Treffpunkte wie diese gibt es immer weniger in den Orten im Landkreis Forchheim, Wirtshäuser schließen. Stirbt damit das Dorfleben? © Foto: Patrick Schroll

Hier treffen sich Menschen zum Einkaufen im kleinen Einkaufsmarkt um die Ecke, bei Bäcker oder Metzger, gehen zum Arzt oder erledigen ihre Bankgeschäfte. Und abends treffen sich die Bewohner des Ortes zum Plausch unter freiem Himmel oder in der Gastwirtschaft. Herr Professor Redepenning, wie viel Wunschdenken steckt hinter dieser Beschreibung? Oder anders gefragt: Ist das noch die Realität, die wir in den Orten und Ortskernen in Dörfern im ländlichen Raum vorfinden? Und woran liegt das?

Er hat den ländlichen Raum und seine Bewohner aus wissenschaftlicher Perspektive im Blick: Marc Redepenning. Er ist Geograph, Professor und Lehrstuhlinhaber der Kulturgeographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Er hat den ländlichen Raum und seine Bewohner aus wissenschaftlicher Perspektive im Blick: Marc Redepenning. Er ist Geograph, Professor und Lehrstuhlinhaber der Kulturgeographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. © Foto: Henriette Neef

Ja und nein: Natürlich gibt es dieses Leben noch in den Dörfern, aber längst nicht mehr in allen Dörfern und eben nicht nur dort. Sie brauchen nur in städtische Quartiere zu schauen, wo sie gleiche dörfliche Effekte haben können, etwa die Nachbarschaftsorientierung oder Infrastrukturen in kurzer Erreichbarkeit. Hier scheint mir die Trennung zwischen Stadt und Land, bei allen Unterschieden, die es gibt, nicht hilfreich zu sein. Es geht um ein allgemeineres Prinzip von Nachbarschaft und Gemeinschaft, von sich kennen und sich kümmern – und natürlich auch des Miteinander-Streitens.

In einem weiteren Rahmen geht es beim skizzierten Beispiel auch um wiederentdeckte beziehungsweise entdeckende Werte der lokalen Wertschöpfung, lokaler Einkäufe, wie wir es unter der Covid-19-Pandemie nun erfahren. Hinter der Beschreibung steht ja die Idee der Kleinteiligkeit und Übersichtlichkeit als Prinzip der Organisation unserer Gemeinden und Orte.

Hat das Zukunft?

Ich halte das Prinzip für nachhaltig und zukunftsfähig, weil es lokale Besonderheiten sichern kann. Zugleich birgt es die Gefahr, dass der Selbstbezug in eine Abschottung und reine Innenorientierung kippen kann – auch das können wir beobachten. Hier gilt es Maß zu halten zwischen Orientierung nach Innen und Außen. Das muss politisch auch moderiert und gesellschaftlich "eingeübt" werden, egal ob das nun in einer ländlichen Gemeinde oder in einem Quartier einer Großstadt ist.

Das Land Bayern ermöglicht die Ansiedlung von großen Supermärkten mit ausreichend Parkplätzen an den Ortsrändern. Nicht selten ist das der Todesstoß für die verbliebenen kleinen Läden, Bäcker, Metzger, Lebensmittelhändler oder Blumenläden im Innenort. Ist der Innenort tot, versucht der Freistaat verlorengegangenes mit dem Einsatz von viel Fördergeld wieder zu aktivieren. Was muss von Seiten der Politik geschehen, damit das Leben im Ortskern erst gar nicht ausstirbt?

Es wird kein Patentrezept geben, keine eine-Lösung-für-alles. Und die Politik kann auch nicht alles richten, aber sie kann Anreize setzen.

Welche Anreize kann und muss die Politik setzen?

Das beginnt bei der strategischen Planung, sich früh über künftige Leerstände im Ort Gedanken zu machen, mit den aktuellen Besitzern zu sprechen, ob ein Verkauf möglich ist, denn oft werden Grundstücke und Häuser für Erben auf Halde gelegt. Es geht weiter über eine gute Information zum Erwerb von Häusern im Kern eines Ortes, Hilfestellung bei den oft erforderlichen Sanierungen und gleiches mehr. Auch kann die Politik unterstützen, wenn es um neue, oft gemeinschaftlich getragene Ladenkonzepte geht. Diese sollten multifunktional orientiert sein, alles ein breites Angebot unter einem Dach zu haben, ein Beispiel sind die Läden vom Verein DORV (www.dorv.de). Es ist aber falsch, alles auf die Politik abzuwälzen. Letztlich sind wir es als Bürgerinnen und Bürger, die entscheiden, ob wir den örtlichen inhabergeführten Einzelhandel unterstützen oder lieber im Online-Handel zuschlagen.

Wie viel Mitverantwortung tragen demnach die Bürgerinnen und Bürger eines Ortes, ihren Mittelpunkt aktiv und attraktiv zu halten?

In letzter Konsequenz natürlich viel. Das beginnt damit, dass wir als Bürgerinnen und Bürger durch unsere Einkäufe entscheiden, ob wir den örtlichen inhabergeführten Einzelhandel unterstützen oder lieber Online einkaufen gehen. Welche Ideen haben wir vom Dorfleben und wollen wir uns für ihre Realisierung engagieren? Es ist insgesamt notwendig, auch die kleinen Orte in den ländlichen Räumen als komplexes und stark verwobenes Mosaik zu begreifen. Und wenn dann ein Steinchen, etwa die lokale Bäckerei, wegfällt, verändert sich auch das Gesamtbild.

Muss die Lokalpolitik die Bürger besser als bisher bei der Gestaltung ihres Dorfes einbinden?

Wir sehen, dass Elemente partizipativer Demokratie wichtiger werden. Es ist erkennbar, dass Planungsprozesse an Qualität gewinnen, wenn das Wissen und die Sichtweisen der Menschen vor Ort eingebunden und aktiv genutzt werden. Das kostet natürlich kurzfristig Zeit und Geld – lohnt sich aber langfristig. Dieser positive Prozess des Einbindens darf aber nicht missverstanden werden als Rückzug der öffentlichen Hand und der Überlassung von mehr freiwilligen kommunalen Aufgaben an die Bürgerinnen und Bürger. Freiwilliges Engagement ist eine wertvolle Ressource, die nicht unbegrenzt vorhanden ist.

Wir stehen insgesamt vor der Aufgabe, die klassischen Rollen von Politik und Bürgerinnen und Bürgern aufzubrechen und neue zu finden: aktiveres Engagement bei den Bürgerinnen und Bürgern, mehr informierende, motivierende und moderierende Prozesse auf Seiten der Verwaltungen. Dazu gehört dann auch, ein breites Engagement zu fördern, um die Stimmen und Sichtweisen auch der Menschen einzubringen, die aktuell weniger engagiert sind, aus Zeitgründen, sprachlichen Barrieren, aus Angst, zu wenig zu "wissen" oder nur "Irrelevantes" sagen zu können.

Braucht es überhaupt noch Begegnungsmöglichkeiten und Geschäfte im Ortskern? Oder werden in Zukunft Lieferdienste die Menschen mit dem Wichtigsten versorgen und der persönliche Austausch stärker im privaten Umfeld und auf digitalen Plattformen wie Instagram, Facebook und Co. stattfinden?

Der Denkfehler liegt im "oder". Wir brauchen beides, die Frage ist nur, in welchem Mix und mit welchen Vor- und Nachteilen für den konkreten Ort. Wenn uns die Covid-19-Pandemie eine Tatsache deutlich vor Augen geführt hat, dann ist es die Unverzichtbarkeit des direkten Miteinanders. Und die braucht einen physischen Ort, sei es die Kirche, das Wirtshaus, der kleine Einkaufsladen oder eine Grünfläche. Die aber können unsere wachsenden Bedürfnisse nach dem guten Leben längst nicht mehr komplett abdecken und hier werden dann Lieferdienste wichtig. Sie versorgen uns mit dem, was vor Ort schlicht nicht erbracht werden kann.

Wenn kleine Orte, also Dörfer oder auch städtische Quartiere, weiterhin vital bleiben sollen, dann müssen die Dinge, die noch vor Ort angeboten werden können, auch vor Ort eingekauft werden. Insgesamt müssen wir den sozialen Mehrwert, der durch das Sich-am-Ort-Treffen entsteht, so wertschätzen, dass er klar die höheren Kosten des Konsums vor Ort zu decken vermag.

Das Leben auf dem Land scheint wieder attraktiver zu werden, der Wohnort ist dank Home-Office unabhängiger vom Standort des Arbeitgebers. Und auch die Nachfrage nach lokal produzierten, biologisch-ökologisch hergestellten Produkten nimmt zu. Reicht das, um die Innenorte zu retten?

Nein, weil beide Beispiele nicht automatisch in einem kausalen Zusammenhang stehen. Auch regionale Wertschöpfung ist mittlerweile so umfangreich, dass sie nicht an einem Ort produziert und konsumiert wird. Und ob Home-Office dauerhaft bleibt, wissen wir nicht, es braucht ja auch stabile Breitbandverbindungen, die in den letzten Jahren deutlich besser, aber immer noch nicht durchgängig hochwertig vorhanden sind. Das Leben auf dem Land muss die strukturellen Realitäten mitdenken, die in vielen ländlichen Gebieten nicht zu leugnen sind: vor allem demographische Stagnation oder Schrumpfung. Es wird auch in Bayern in Zukunft kein demographisches Wachstum geben, das so stark ist, dass alle Orte davon nachhaltig profitieren werden.

Profitiert die Stadt weiterhin mit Zuzügen?

Die Attraktivität der Stadt mit ihrem breiten Arbeits- und Freizeitangeboten wird meiner Ansicht nach in den nächsten Jahren zumindest stabil bleiben. Das aber hängt viel mehr mit Eigentum- und Mietpreisen als mit Pandemiewirkungen zusammen. Genau diese Attraktivität der Stadt schließt aber eben nicht aus, dass Dörfer in guter Erreichbarkeit der Städte einen neuen Wachstumsschub bekommen. Dieser Effekt wird aber nicht in die peripheren ländlichen Regionen ausstrahlen können. Hier gilt es, eigene und kreative Wege zu finden. Und das muss politisch unterstützt und begleitet werden.

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