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Freitag, 23.08.2019

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Therapie-Reiten in Pautzfeld hilft kranken Kindern

Im Reiterhof Pegasus wird "das Pferd als Partner gesehen" - Erlebniswoche für Kinder in den Ferien - 24.07.2019 18:11 Uhr

Guten Freunden gibt man ein Küsschen: "Birka" mit Pegasus-Besitzer Horst Kißmehl. © Ralf Rödel


Was Lucky, Pegasus und Piccolina wohl erzählen würden, könnten sie auch sprechen? Sanft lehnt sich Horst Kißmehl an den Hals von Birka, spricht mit dem Pferd, krault ihm den Hals, während das Tier mit seinen staubwedel-langen Wimpern klimpert und sanft ein Ohr nach oben spitzt. "Pferde kommunizieren mit ihren Ohrstellungen", sagt Kißmehl, der zusammen mit seiner Frau Claudia in der Ortsmitte von Pautzfeld den Reiterhof Pegasus besitzt.

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Reiten in Pautzfeld: Harmonie von Mensch und Pferd

Seit zehn Jahren leitet Claudia Kißmehl in Pautzfeld einen Reiterhof. Dabei hat sie sich auf die RAI-Reitweise spezialisiert.


Viel hat Claudia Kißmehl in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder neu und dazu gelernt, um die Vierbeiner zu verstehen: Die 46-Jährige ist Reitlehrerin und Pferdeausbilderin im RAI-Reiten, Reittherapeutin, Fachübungsleiterin Sport für Menschen mit körperlichem Handicap und Fachübungsleiterin Sport für Menschen mit geistiger Behinderung. Doch obwohl sie seit Jahrzehnten im Sattel sitzt: "Turnier-Ambitionen hatte ich nie", sagt Kißmehl. "Ich will das Pferd als Partner sehen".

Hier in Pautzfeld gibt sie Unterricht für Menschen mit und ohne Handicap. Mädchen, die pferdevernarrt sind und natürlich auch Jungs, deren Eltern sich ganz bewusst für das RAI-Reiten entschieden haben, sitzen hier im Sattel, ebenso wie Erwachsene. Für sie gibt Claudia Kißmehl Reitunterricht für Anfänger, Umsteiger und Fortgeschrittene.

Muskel-Verkrampfungen lösen

Aber auch Kinder mit ADHS kommen auf den Reiterhof Pegasus, die normalerweise keine Minute still sitzen können und doch ruhig werden, sobald sie das Pferd unter sich spüren. Menschen, die nach einem Schlaganfall wieder sprichwörtlich versuchen, auf die Beine zu kommen und Spastiker, deren Muskel-Verkrampfungen sich lösen, sobald das Pferd sich in Bewegung setzt. Geritten wird auf einem 30 mal 30 Meter großen Platz hinter dem Reiterhof, für Eltern und Begleiter gibt es in einem abgegrenzten Bereich eine Bank zum Zuschauen.

Die siebenjährige Marie fühlt sich im Sattel richtig wohl. Claudia Kißmehl leitet das Pferd über den Platz. © Foto: Ralf Rödel


Auch Opfer von Missbrauch kommen auf den Pegasus-Hof nach Pautzfeld – nicht nur zum Reiten: "Viele, die zum Reiten kommen, kommen zur Therapie", sagt Horst Kißmehl. Menschen, die sich hier ihre Sorgen von der Seele reden, ohne eine Antwort zu erwarten, die einfach nur an der Stalltür stehen und dem Tier ihr Herz ausschütten, das mit einem Wimpern-Klimpern und sanften Schnauben zuhört.

Sieben Pferde "mit ganz unterschiedlichen Charakteren", so Kißmehl, stehen in den Pautzfelder Ställen, sie alle vermitteln: "Geborgenheit, Wärme und Getragen-Werden."

"Vertrauen kann man nicht mit Schmerz aufbauen", sagt Claudia Kißmehl, und spricht damit ihre RAI-Reitmethode an: "Bei uns funktioniert alles auf Gefühlsebene". Will heißen: Bei der RAI-Methode trägt das Pferd kein Halfter und wird auch nicht mit Gerte oder Sporen angetrieben. Zur Reit-Ausrüstung gehören anstelle der Eisenstange im Maul ein geflochtenes "Bändele", das das Zaumzeug ersetzt und ein Sattel mit einem Pad als Sattelunterlage, das "nicht auf die Dornfortsätze des Pferdes drückt".

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Sie wird ein wenig wütend, wenn man sie auf die Spring- und Vielseitigkeitsturniere im Reitsport anspricht: "Pferde-Rennen, das macht kein Pferd freiwillig", sagt Kißmehl, oft nicht älter als zwei Jahre seien die Pferde, die man dort ins Rennen schicke: "Das sind Kinder, die da laufen."

Griechische Mythologie als Namensgeber

Ganz bewusst hat sich das Ehepaar, als es vor etwa zehn Jahren mit ihren Pferden nach Pautzfeld in nächster Nähe zur Kirche zog, für den Namen "Pegasus" aus der griechischen Mythologie entschieden. Denn genau das ist es auch, was die Kißmehls mit ihrer RAI-Reitschule im Blut haben und vor allem vermitteln wollen: Pferd und Reiter sollen eins werden: "Das Pferd wird zu meinen Beinen, man muss eins werden", sagt Claudia Kißmehl. Das nimmt man der 46-Jährigen unumwunden ab – sprechen brauchen die Pferde auch nicht zu können, schließlich versteht man sich mit einem Augenaufschlag aus Pferde-Augen.

Vom 29. Juli bis 2. August bietet der Reiterhof Pegasus eine Erlebniswoche für Kinder ab 4 Jahren an. Dabei können einzelne Tage (zu jeweils 20 Euro) oder die gesamte Woche gebucht werden. Erfahrung mit Pferden ist nicht erforderlich. Mehr Infos gibt es hier.  

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