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Trailsdorf: Wo Schwarzkümmel und Hanf wachsen

Familie Nagengast baut auf ihrem Biolandhof Saaten an und macht daraus nicht nur Öl - 09.05.2020 09:00 Uhr

Lisa Nagengast in ihrem Produktionsraum. Hier wird unter anderem Hanföl produziert und abgefüllt. © Roland-Gilbert Huber-Altjohann


Die Mittagssonne fällt auf das Holzhäuschen an der Hofeinfahrt der Familie Nagengast. Das Holz wirft einen Schatten auf einen silbernen Automaten. Den "Regiomat". Statt Softgetränken, die üblicherweise in solchen Automaten untergebracht sind, stehen in den Halterungen elf verschiedene kaltgepresste Öle, Hanfnüsse, Goldhirse, Honig und Eier und warten Tag und Nacht auf Abnehmer.

Aufgestellt haben den Automaten Markus und Lisa Nagengast auf ihrem Bauernhof in Trailsdorf. Seit Juni 2019 können ihre Kunden flexibel und unabhängig von den Öffnungszeiten des Hofladens höchste Bioqualität einkaufen. Die Resonanz: durchweg positiv.

Markus Nagengast hat Landwirtschaft studiert. Später pachtete der 42-Jährige von seinen Eltern den Hof, auf dem schon sein Uropa geackert hatte. Schon früh stellte er sich die Frage: Wo soll es hingehen mit dem Betrieb? Im Ausland hatte er Erfahrung mit ökologischer Landwirtschaft gesammelt. Wieder zurück in der Heimat stand für ihn fest, er will umstellen von konventionell auf ökologisch, auch aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Denn das zunehmende Bewusstsein der Menschen für eine gesunde Ernährung und der Wunsch nach aktivem Umwelt- und Klimaschutz lasse die Nachfrage nach Bioprodukten seit Jahren steigen, sagt der Landwirt.

 

So groß wie Monaco

 

Seit 2009 bewirtschaften die Nagengasts ihren Hof nach Bioland-Richtlinien. Das bedeutet, sie müssen höhere Auflagen erfüllen, die über die gesetzlichen Mindeststandards für Bio-Lebensmittel hinausgehen. Auf rund 200 Hektar, einer Fläche die so groß ist wie Monaco, wächst vor allem Getreide, wie zum Beispiel Dinkel, Emmer, Weizen und Goldhirse sowie Kleegras. Zudem bauen Nagengasts die Samen für ihre kaltgepressten Hanf-, Lein-, Leindotter-, Raps- und Schwarzkümmelöle selbst an. Anschließend reinigen sie die Samen und pressen sie selbst.

"Bio boomt. Aber Bio ist nicht gleich Bio. Viele Bioprodukte kommen aus China. Sie sind billig und schlecht für die Umwelt", sagt Markus Nagengast. Sein Eindruck: Viele Menschen hätten ein gutes Gefühl, wenn sie ein Produkt kaufen, das mit einem Biosiegel versehen ist, machten sich aber keine Gedanken über Transportwege. Biologisch muss also nicht immer gleich umweltfreundlich heißen. "Es muss bewusster eingekauft werden", sagt der Ökobauer. Die Verbraucher sollten auf Regionalität achten, wenn sie sich und der Umwelt etwas Gutes tun wollten. "Es fehlt das Wissen", sagt Lisa Nagengast, die auf zahlreichen Märkten Aufklärungsarbeit leistet.

Ihre kaltgepressten Öle sind nicht nur Bioland zertifiziert. Um sich von Mitbewerbern abzuheben, haben sie zusätzlich seit zwei Jahren das bayerische Biosiegel. Bekannt ist das Siegel allerdings kaum, dabei soll es helfen nachzuvollziehen, wo die Lebensmittel herkommen. Nämlich aus der Region - aus Bayern. Das Siegel ist oval, hellblau und mittig steht bio vor der bayerischen Raute. Das bedeutet, alle Produktrohstoffe müssen aus Bayern stammen und auch alle Produktionsschritte müssen in Bayern erfolgen.

Dieses Bio-Siegel des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten entspreche dem Verbraucherwunsch nach hoher Bio-Qualität. Doch die Biolandwirte müssen bei der Flut von Siegeln erstmal erklären, was dahinter steht.

"Wer mehr weiß, kann besser handeln", sagt der 42-Jährige. Neben dem Geschmack der Öle, sind die gesunden Inhaltsstoffe Verkaufsargumente, wie beim Leinöl die Omega-3-Fettsäuren. Im Gegensatz zu den gesättigten Fettsäuren kann der Körper diese Fettsäuren nicht selbst herstellen. Sie müssen daher von außen – also über die Nahrung – zugeführt werden.

Ganz besonders ist das Schwarzkümmelöl der Nagengasts. Die Nachfrage sei enorm, aufgrund seiner antiseptischen Wirkung. Schwarzkümmel wächst eigentlich in Ägypten. Den Schwarzkümmel hier anzubauen bedeutet aufwendige Handarbeit, denn das Unkraut, dass dazwischen wächst, muss mit der Hand entfernt werden. Dann ist die ganze Familie auf dem Feld, Eltern und Geschwister. Die Verwandtschaft sei groß und helfe viel mit.

 

Blick in die Ölmühle

 

Auch wenn der Automat das Einkaufen ohne Kontakt zum Produzenten ermöglicht, wollen die meisten Kunden die Biolandwirte persönlich kennenlernen und sich beraten lassen. "Normalerweise zeige ich freitags unsere die Ölmühle. In Corona-Zeiten ist dies aber leider aktuell nicht möglich", sagt Lisa Nagengast.

Wissen, wo es herkommt und wissen wie es ausschaut und wächst, das zeigen die Nagengasts auch, indem sie in Blumentrögen vor dem Haus ihre Saaten aussäen und die Kunden beim Einkauf die Pflanze live und in Farbe sehen können. Auf ihren Feldern stellen sie Schilder auf, damit interessierte Spaziergänger und Fahrradfahrer Leindotter, Schwarzkümmel, Hanf und Hirse auch in freier Natur am Feld kennenlernen. Dazu gibt es pro Pflanze auch einen kurzen Erklärtext: "Das öffnet den Blick der Verbraucher", sagt Lisa Nagengast.

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Hanf und Schwarzkümmel aus Trailsdorf: So wird Bio-Öl gemacht

Familie Nagengast aus Trailsdorf baut auf ihrem Biolandhof auf rund 400 Hektar, einer Fläche so groß wie Monaco, Saaten an und macht daraus Öle. Hanföl, Schwarzkümmelöl und Leindotteröl etwa. Aber auch Nudeln aus Hanf gibt es dort.


Sie ist stolz auf die Handarbeit die hinter jeder Flasche Öl steckt. "Für mich ist die größte Freude der Kontakt mit den Kunden. Ihnen ein gesundes Produkt zu bieten, das sie bereichert und wo sie wissen was drin steckt und wo es herkommt, da stehe ich voll dahinter", sagt die vierfache Mutter.

Ihr Mann ist stolz, wenn er sieht, wie die Pflanzen, die er hegt und pflegt, prächtig gedeihen. Es sei schwer zu ertragen, wenn die Pflanzen, um die man sich monatelang kümmert, in den Supersommern der vergangenen Jahre unter der Hitze eingehen. Vorletztes Jahr litt das Getreide, letztes Jahr waren es die Sonderkulturen für das Öl, mit folglich weniger Ernte. "Aber ein Auf und Ab gibt es in jedem Beruf", sagt er.

Ein weiteres "Nischenprodukt" ist der Hanf, den die Nagengasts in der Gemeinde Hallerndorf anbauen. Hanfnudeln, aus Hanfmehl und Bioeiern, sind das neueste Produkt, das in Trailsdorf verkauft wird. Hanföl ist lecker zu Salat und Müsli und mit seinen Omega- 3 und Omega- 6- Fettsäuren und Gamma-Linolen-Säure eine gesunde Bereicherung, klärt Lisa Nagengast auf, Hanfnüsse gibt es pur und auch geröstet lecker über den Salat, als kleiner Snack oder auch perfekt zum Brotbacken geeignet.

Die Produkte (kaltgepresstes Öl, Eier und Honig) der Familie Nagengast sind im Automaten auf dem Hof in Trailsdorf, Bergstraße 18, rund um die Uhr erhältlich. Außerdem gibt es Milchprodukte vom Biohof Stähr aus Unterstürmig. Wer sich von Lisa Nagengast persönlich beraten lassen will, kann freitags von 16 bis 19 Uhr im Hofladen einkaufen.www.biolandhof-nagengast.de

CHIARA RIEDEL UND BIRGIT HERRNLEBEN

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