Trumpfkarten im Kampf gegen die Landflucht

1.1.2014, 04:00 Uhr
Der letzte Lebensmittelladen in Unterleinleiter ist zu: Doch der Landkreis kann etwas gegen Landflucht und demographischen Wandel unternehmen, glaubt Redakteur Manuel Kugler.

Der letzte Lebensmittelladen in Unterleinleiter ist zu: Doch der Landkreis kann etwas gegen Landflucht und demographischen Wandel unternehmen, glaubt Redakteur Manuel Kugler. © Marquard Och

Der Satz von Peter Dorscht ist mir in Erinnerung geblieben. Vor der Bundestagswahl hatte ich mich mit dem Freien Wähler getroffen, um über seine Kandidatur zu sprechen. Da sagte er: „Die Wüstensteiner müssen froh sein, wenn in den Ferien überhaupt ein Bus fährt. Derweil denken die Neunkirchener über Echtzeit-Anzeigen für die Bushaltestellen nach.“

Ich komme aus Neunkirchen, in Forchheim arbeite ich. Vom demographischen Wandel, vom Verlust der Infrastruktur kriegt man in beiden Orten recht wenig mit. Dort läuft vieles, wenn auch nicht alles, rund.

Doch der Landkreis driftet, das hatte auch Peter Dorscht mit seinem Satz im Auge, auseinander. Besonders hart traf es in diesem Jahr Unterleinleiter. Nahezu gleichzeitig haben Sparkasse und Volksbank das Ende der Filialen in dem kleinen Ort verkündet, dann machte auch noch der letzte kleine Lebensmittelladen zu.

Wer ist als nächstes dran?

Wer ist als nächstes dran? Ich glaube, diese Frage wird sich in den kommenden Jahren immer wieder stellen. Und es geht nicht immer nur um Hallenbäder, deren Verlust verschmerzbar ist. Was ist, wenn der nächste Arzt 20 Kilometer entfernt arbeitet? Und wann wird die erste Grundschule aufgegeben?

Im zu Ende gehenden Jahr sind mir einige vielversprechende Möglichkeiten aufgefallen, wie Gemeinden dem Wandel und Verlust von Infrastruktur entgegentreten können. Beispiel Kunreuth: Bürgermeister, Landarzt und Investor setzten sich an einen Tisch und verwandelten ein abbruchreifes Anwesen in der Dorfmitte in ein modernes Ärztehaus, das Zukunft hat. Anderes Beispiel: interkommunale Zusammenarbeit. So haben sich sechs Oberland-Kommunen zusammengeschlossen, um eine Feuerwehr-Drehleiter zu kaufen – die sich keiner alleine hätte leisten wollen. Dieses Modell könnte Schule machen, auch in anderen Bereichen.

Apropos Schule. Hier liegt für mich die größte Trumpfkarte, die der Landkreis Forchheim hält. Ganz sicher bin ich mir, dass niemand freiwillig bleibt, wenn er seine Kinder nicht in guten Händen und ordentlichen Schulen weiß. Umgekehrt könnten Einrichtungen mit einem hervorragenden Ruf doch Menschen anlocken – zum Wohle der Kinder weg aus der Stadt, raus aufs Land.

Die Voraussetzungen dafür sind im Kreis Forchheim doch eigentlich ganz gut. Ich denke da zurück an einen Artikel, den ich Ende 2012 schreiben konnte. Nirgendwo in ganz Deutschland ist die Quote der Schulabbrecher so gering wie im Kreis Forchheim, hatte damals eine Studie der Caritas ergeben. Auch bei den Ganztagsklassen ist der Landkreis ganz weit vorne. Mit diesen Erfolgen und dem Siegel „Bildungsregion“ im Rücken, verliehen vom Freistaat, kann der Landkreis viel gewinnen.

Die Schulsanierungen – ein finanzieller Kraftakt, aber ein bewältigbarer für den Landkreis – gehen in die richtige Richtung. Klar, Gebäude machen noch keine guten Lehrer und noch keinen guten Unterricht. Aber sie schaffen die besten Voraussetzungen genau dafür: nämlich einen Ort, an dem Schüler wie Lehrer gerne Zeit verbringen, an dem Produktivität entstehen kann.

Allheilmittel sind das nicht. Die Politik allein kann’s sowieso nicht richten. Es kommt auch auf die Bürger an, auf Bürger, die sich engagieren. Davon gibt es im Landkreis sehr viele. In Egloffstein etwa arbeitet die „Bürgerwerkstatt“ fleißig an einer Lösung für die Arztnachfolge mit. Anderswo gibt es Netzwerke, damit ältere Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können. Und auch in Unterleinleiter steckt keiner den Kopf in den Sand. Die Planungen für einen Dorfladen laufen...

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