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Vom gefürchteten Ort nach Hausen: Russlanddeutsche über ihren Neustart in Franken

Von Karaganda, einem gefürchteten Verbannungsort, kamen Spätaussiedler nach Hausen - 16.04.2020 12:00 Uhr

Das Bauprojekt „Nova City“ in Nur-Sultan, der Hauptstadt Kasachstans. An der Errichtung hat die 24-jährige Anna Schulz mitgewirkt.

© Foto: Schulz


Seit knapp einem Jahr beherbergen eine ehemalige Schlecker-Filiale und eine aufgegebene Apotheke ein Übergangswohnheim für Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Unter den zwei Dutzend Menschen befinden sich auch Anna Schulz (24) und ihre Mutter Elena (57), die aus Kasachstan gekommen sind. Wir haben mit der jungen Frau über die tragische Familiengeschichte, den Alltag in Karaganda und ihre Pläne in Deutschland gesprochen.

Sieben Monate Winter

Hier grüße man sich, auch wenn man sich nicht kenne. Überall erlebe sie Hilfsbereitschaft und freundliche Nachbarn. Im Schützenverein habe es ihr sehr gut gefallen. Ein schöner Ort sei Hausen, schwärmt Anna Schulz. So ganz anders als in Kasachstan. Die Gegensätze zwischen Karaganda und ihrer neuen Heimat könnten größer nicht sein.

Jenseits des Urals breitet sich eine eisige Steppe aus. Sieben Monate hat der Winter die Gegend im Griff. Minus 30 Grad und heftiger Schneefall sind keine Seltenheit. Im Sommer schlägt das Thermometer genauso weit in die andere Richtung aus. Es sind extreme Bedingungen.

Kaum einer kam freiwillig nach Karaganda

Auch die Bauten, die Karaganda prägen, findet man in Hausen nicht. Es sind riesige Wohnblöcke, in denen hunderte Menschen leben. Immerhin braucht es Raum für über 500 000 Einwohner. Zuletzt hat die Großstadt im zentralasiatischen Nirgendwo auch keine vielhundertjährige Geschichte. Seit gerade einmal drei Generationen leben hier Menschen. Wenn man einmal die Bergarbeitersiedlung im Zarenreich außer Acht lässt. Kaum einer kam freiwillig hierher. Karaganda war ein gefürchteter Verbannungsort.

Mutter Elena Schulz und ihre Tochter Anna. Beide kommen aus Kasachstan und leben derzeit in einem Übergangswohnheim in Hausen.

© Foto: Schulz


Das war schon während der 30er Jahre der Fall, noch viel mehr aber nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Jahr 1941. Die Wolgadeutschen, seit Katharina der Großen im 18. Jahrhundert dort sesshaft, galten dem Diktator Stalin als Kollaborateure. Sie galt es, möglichst weit von der Front zu entfernen, damit sie der Roten Armee nicht in den Rücken fielen.

Auch Annas Großvater erlitt das Schicksal Hunderttausender. Der 18-Jährige wurde mit seiner Mutter und Schwester von der Ortschaft Balzer im Gebiet Saratow in einem Güterzug gen Osten deportiert – zur Zwangsarbeit. Denn rund um Karaganda erstreckten sich unzählige Kohlegruben.

Unmenschliche Strapazen erduldet

In der "Arbeitsarmee" mussten die Lagerhäftlinge unmenschliche Strapazen erdulden. Mutter Elena erzählt von selbstgebauten Erdhütten, in denen ihre Eltern gehaust hätten, umzingelt vom Stacheldraht. Erst im Jahr 1949 habe die Familie in eine Holzbaracke einziehen dürfen.

Der Urgroßvater von Anna Schulz (mit Akkordeon) und seine Nachbarn im Jahr 1920 im Dorf Balzer, im Gebiet Saratow.

© Foto: Schulz


Die dunkle Zeit des "Archipel Gulag", der über die ganze Sowjetunion verstreuten Arbeits- und Gefängnislager, hat Anna nicht mehr erlebt. Sie wurde geboren, als Kasachstan seine Unabhängigkeit schon erreicht hatte. Seitdem heißt Karaganda auch Qaraghandy. Ihre Mutter Elena hat die kleine Familie als Buchhalterin über die Runden gebracht. Eine Tätigkeit, die sie auch weiterhin ausüben möchte. Dafür lernt auch sie fleißig Deutsch.

Teilweise versorgte man sich in Karaganda selbst, hielt Hühner und andere Tiere, um die schwierige Zeit zu überstehen. Auch die Pakete mit Kleidung und Lebensmitteln von Verwandten aus Deutschland hätten geholfen. Die Familienangehörigen sind in Bayreuth, Kassel, Baunatal, Bamberg und Heidelberg gelandet. Den Wunsch auszuwandern habe man schon Mitte der 90er Jahre gehabt. Wie viele andere Russland-Deutsche auch.

In Kasachstan als Deutsche gefühlt

"Wir sind wegen meiner Großmutter in Kasachstan geblieben. Wir haben sie nicht alleine lassen wollen." Nach deren Tod habe man die alte Idee wieder aufgegriffen. Anna habe sich in Kasachstan immer wie eine Deutsche gefühlt. Man habe sie auch immer wieder gefragt, warum sie noch nicht ausgewandert sei. Hier in Hausen habe sie das komische Gefühl, Russin und Deutsche gleichermaßen zu sein. Sie sei aber sehr dankbar für die großartige Unterstützung durch den ehrenamtlichen Helferkreis mit Bürgermeister Bernd Ruppert an der Spitze.

Auch als Russland-Deutsche braucht Anna einen Sprachkurs. In der Grund- und Mittelschule von Karaganda, die sie bis zum Abitur durchlief, war Russisch nämlich die Unterrichtssprache. Obwohl sich in dem Vielvölkergemisch neben Kasachen auch Polen und Ukrainer, Weißrussen und Tataren finden lassen. Zu Hause habe der Vater nur Russisch geredet.

Als Bau-Ingenieurin gearbeitet

Anna studierte vier Jahre lang an der Universität Karaganda und arbeitete seither Bau-Ingenieurin. Einige Hochhäuser sind ihrer Phantasie in den zwei Jahre ihrer Berufstätigkeit bereits entwachsen.

In der Landeshauptstadt mit dem Namen Nur Sultan, die früher Astana hieß, war sie an der Errichtung des Wohnblocks "Nova City" beteiligt. Daran möchte sie anknüpfen, möglichst auch ihr Studium fortsetzen. Am besten in Franken. Wenn sie hier Arbeit finde, sagt Anna, dann gebe es keinen Grund, Hausen zu verlassen. Hier fühlt sie sich wohl und zuhause.

UDO GÜLDNER

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