Montag, 16.12.2019

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Vor zehn Jahren: Als der Landkreis Forchheim versank

Jahrhundert-Hochwasser kam plötzlich - Seniorin ertrank in ihrer Wohnung - 20.07.2017 17:08 Uhr

Land unter hieß es am Wochenende des 21. und 22. Julis 2007 in weiten Teilen des Landkreises Forchheim und darüber hinaus - wie hier in Baiersdorf. © Archiv-Foto: Roland Huber


Es ist Samstag, der 21. Juli 2007, ein lauer Sommerabend. Gegen 20 Uhr sitzen Thomas Zwiener und seine Frau auf ihrer Terrasse in Poxdorf. Sie wollen den ersten freien Abend der Woche genießen. Am Nachmittag hatte sich der Himmel vorübergehend etwas verdüstert, dann war es wieder hell, jetzt schieben sich neuerlich dunkle Wolken vor die Sonne. Auf einmal beginnt es zu regnen, starke Windböen ziehen auf – wie vom Wetterdienst angekündigt und für den sehr nassen Sommer in diesem Jahr nicht unüblich. "Meine Frau meinte noch: ‚Ach, ein schöner Landregen’", erzählt Zwiener, der seit nunmehr 25 Jahren Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr von Poxdorf ist. 

Bald zeigt dieser vermeintlich "schöne Landregen" seine hässliche Fratze. "Es goss plötzlich in Strömen und ich hörte, wie es im Keller blubberte", berichtet Zwiener. Kurz nach 22 Uhr weist Zwiener seine Kollegen von der FFW an, Alarm auszulösen. "Meine Kameraden rückten sofort an, wir stellten die Pumpen auf – aber wir haben schnell gemerkt, dass mehr Häuser betroffen sind als nur meines."

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Landkreis Forchheim ging unter: Die Flut von 2007

In der Nacht von Samstag, 21. Juli 2007, auf Sonntag, 22. Juli 2007, gingen Teile des Landkreises sprichwörtlich unter: Ein katastrophales Jahrhundert-Hochwasser sorgte in den Städten und Gemeinden für apokalyptische Szenen, in Poxdorf ertrank eine Seniorin in ihrer Kellerwohnung. Die Archiv-Bilder aus der Schreckensnacht und dem Tag danach.


Die Poxdorfer Einsatzkräfte informieren das Landratsamt. Dort hat man bereits Hochwasser-Meldungen aus Kersbach, Langensendelbach, Effeltrich und Igensdorf erhalten. Die Meldung aus Poxdorf bringt das Fass zum Überlaufen: Um 23.25 Uhr ruft man den Katastrophenalarm aus – und amtlich beginnt eine Schreckensnacht, wie sie der Landkreis noch nicht erlebt hat. Auch rund um Erlangen wurde Alarm ausgelöst. 

Heulende Sirenen

Zu diesem Zeitpunkt ist mancherorts nicht zu erahnen, welches Ausmaß die Katastrophe annehmen wird: Auf dem Forchheimer Annafest, erst wenige Stunden zuvor von Oberbürgermeister Franz Stumpf offiziell eröffnet, heulen die Sirenen, das Ordnungsamt weist die Räumung des Kellerwaldes an. Doch die Musik spielt weiter und erst nach und nach suchen völlig durchnässte Fest-Besucher das Weite. Forchheim wird in dieser Nacht mit einem blauen Auge davonkommen, massive Wassereinbrüche bleiben die Ausnahme.

Kaum ein Annafestler ahnt, was sich nur wenige Kilometer entfernt abspielt: Überall laufen Keller und Erdgeschosswohnungen voll, kleine Rinnsale, Bäche und Flüsse, ja selbst Straßen verwandeln sich binnen Minuten in reißende Ströme. Auf der A73 geht nichts mehr, wer nicht zufällig ein Amphibienfahrzeug dabei hat, harrt im Wagen aus und hofft, dass einen die übermächtige braune Brühe nicht von der Fahrbahn schwemmt.

Dieser Albtraum ist in Effeltrich bereits wahr geworden: Zwei Pkw werden von den Fluten mitgerissen, nur dem beherzten Eingreifen von Anwohnern ist es zu verdanken, dass die Insassen rechtzeitig aus ihren Autos befreit werden können. In Kersbach rast den Helfern aus Richtung des Kindergartens eine mannshohe Wasserfontäne entgegen, in einigen Gemeinden kommt es zu Stromausfällen, innerhalb weniger Stunden gehen über 700 Notrufe in den Rettungsleitstellen ein. Stellenweise stürzten in vier Stunden fast 220 Liter Regen pro Quadratmeter vom Himmel – unfassbar, wenn man bedenkt, dass der Deutsche Wetterdienst in der Regel schon bei 35 Litern in sechs Stunden eine Unwetterwarnung auslöst.

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Boote auf der Autobahn: Das Hochwasser 2007 bei Baiersdorf

Sintflutartige Regenfälle haben im Juli 2007 in der Region ein Menschenleben und mindestens zehn Verletzte gefordert sowie Sachschäden in Millionenhöhe angerichtet. In den Landkreisen Forchheim und Erlangen-Höchstadt wurde Katastrophenalarm ausgelöst.


Einen "mittleren Weltuntergang", nennt Wolfgang Fees die Szenerie. Er war damals Bürgermeister von Langensendelbach. "Es war einfach apokalyptisch", so Fees. Überall Blaulicht, Feuerwehr, Schlauchboote – und Regen, Regen, Regen, der sich unaufhörlich aus einem gigantischen, pechschwarzen Monstrum von Wolke ergießt.

Menschliche Dramen spielen sich in dieser Nacht ab – besonders für jene, die in Kellerwohnungen zu Hause sind. "Bis auf die Kleidung, die sie trugen", so Fees, "hatten diese Menschen wirklich alles verloren." Alles – nur ihr Leben nicht. Zumindest in Langensendelbach. Denn in Poxdorf kommt für eine Rentnerin jede Hilfe zu spät. Die 82-Jährige hatte in einer Kellerwohnung gelebt. "Wir gehen davon aus, dass das Wasser durchs Fenster gebrochen ist und die Massen gegen die Tür gedrückt haben, die nur nach innen aufging", sagt Thomas Zwiener. Die Seniorin war deswegen wohl in ihrer Wohnung gefangen. Und das Wasser stieg. In der Nacht befreien sie Erlanger Rettungstaucher, bergen ihren leblosen Körper. Die Frau ist tot. Ertrunken.

Gefasst bis hysterisch

Weit über 200 Einsatzkräfte sind allein in Poxdorf am Helfen, ob Feuerwehr, THW, Taucher, Wasserwacht, Polizei oder Rettungsdienst. Verstärkung rückt an – aus Nürnberg, Erlangen, Bamberg, Bayreuth, Coburg. "Die weitesten Anreise hatten Kollegen aus Bischofsgrün im Fichtelgebirge", so Zwiener. "Es war ein Wahnsinn. Aber in so einer Ausnahmesituation auch verständlich." Hausbewohner sehen mit an, wie ihre Keller und Erdgeschosse überflutet werden, manche gefasst, andere resigniert, wiederum andere aggressiv oder hysterisch.

Gegen zwei Uhr nachts hat der Regen nachgelassen, als es dämmert, stoppt er so plötzlich wie er kam. Bald strahlt Sonne wieder auf Beton- und Asphaltblöcke, die einfach weggefegt wurden. Auf Häuser, die später komplett entkernt werden müssen. Und auf Menschen, die noch Monate brauchen, um den Schutt, die Spuren der Verwüstung verschwinden zu lassen. Am Sonntagmorgen des 22. Juli 2007, um 8 Uhr, wird der Katastrophenalarm offiziell aufgehoben.

Philipp Rothenbacher

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