So reagiert der Landkreis

Wein statt Kirschen in der Fränkischen Schweiz? Die Konsequenzen des Klimawandels sind drastischer

Patrick Schroll
Patrick Schroll

stv. Redaktionsleiter Nordbayerische Nachrichten Forchheim

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25.9.2021, 19:49 Uhr
Hitze, Trockenheit, aber gleichzeitig auch heftigere Niederschläge: Das Wetter spielt im Klimawandel immer häufiger verrückt. Auch im Landkreis Forchheim. Und das hat Folgen. Wie das Aisch-Hochwasser im Sommer 2021.

Hitze, Trockenheit, aber gleichzeitig auch heftigere Niederschläge: Das Wetter spielt im Klimawandel immer häufiger verrückt. Auch im Landkreis Forchheim. Und das hat Folgen. Wie das Aisch-Hochwasser im Sommer 2021. © Wasserwirtschaftsamt Nürnberg, NNZ

Es sind die bekannten Wetterextreme - ein Auswuchs und Warnsignal des Klimawandels -, die viel Geld kosten, die Natur in Mitleidenschaft ziehen, Existenzen gefährden, gar zerstören und im Extremfall auch Menschenleben kosten. All das hat der Klimawandel bereits im Landkreis Forchheim verursacht.

"Damit die Konsequenzen nicht drastischer werden", will und muss sich der Landkreis nicht nur Strategien überlegen, wie auch er zum Klimaschutz beitragen kann, sondern wie wir uns an den Wandel anpassen müssen, um das Alltagsleben bei künftig mehr extremen Wetterereignissen sicherer zu gestalten.

Dieses Fazit zieht Sebastian Maier. Er hat in den vergangenen Monaten einen Blick darauf geworfen, wie stark der Klimawandel unser Leben im Landkreis bereits verändert hat. "Wer weiß, ob der klassische Obstanbau in 20 Jahren so noch möglich ist, oder wir nicht schon verstärkt in den Weinanbau gehen", sagt er. Hört sich fast schon wie ein Vorteil an, doch der Schein trügt. Auch das zeigen die ausgewerteten wissenschaftlichen Daten.

Bald kein Obstanbau mehr?

Bleiben wir zunächst beim Obstanbau. Viele Menschen und Betriebe leben von und mit Kirschen, Äpfeln und Co. Die Fränkische Schweiz beheimatet eines der größten zusammenhängenden Süßkirschenanbaugebiete in Europa. Dass sich die durchschnittliche Jahrestemperatur im Schnitt um fast 0,8 Grad in den vergangenen 30 Jahren erhöht hat, hört sich zunächst nicht dramatisch an. Das bedeutet freilich nicht, dass ein Sommertag statt 29 Grad nun knapp 30 Grad warm ist. Die 0,8 Grad haben im Jahresdurchschnitt, der für unsere Region laut Deutschem Wetterdienst bei 9,2 Grad liegt, zugenommen.

Die Auswirkungen lassen sich am Apfel- oder Kirschbaum am besten ablesen. Der Apfelbaum blüht immer früher. Im Schnitt zehn Tage früher als noch vor 30 Jahren. Bei der Kirsche ist es fast eine Woche, so Maier. "Das hat immense Auswirkungen für den Obstanbau, weil sich gerade die späten Frostereignisse nicht nach vorne verschoben haben." Heißt im Umkehrschluss: Die Gefahr steigt, dass frühe Blüten vom späten Frost beschädigt werden, die Ernte damit geringer oder ganz ausfällt. "Das haben auch die Obstbauern bestätigten können."

Waldsterben 2.0: Überall fehlt Wasser

Höhere Temperaturen haben auch mehr Hitzetage zu Folge. Statt sechs sind es nun elf mit über 30 Grad im Jahr. Wir werden es häufiger mit extremer Trockenheit und mit weniger, aber dafür heftigeren Niederschlägen zu tun haben. "In den letzten zehn bis 15 Jahren gibt es einen Trend zur starken Abnahme des Grundwassers. Wenn sich das fortsetzt, erreichen wir neue extreme Flusspegelstände, die wir bisher noch nie erreicht haben", sagt Maier.

Abzulesen ist das nicht nur am niedrigen Pegelstand der Wiesent in den vergangenen drei zu trockenen Jahren gewesen. Mehrere Grundwassermessstellen im Landkreis standen über Monate auf "Rot". Vor allem für die Wurzeln der Bäume ist das Wasser teils unerreichbar geworden. Der Wald in der Fränkischen Schweiz litt unter akutem Fieber, ein großes Sterben setzte ein. Die Sorgen der Försterinnen und Förster sind groß. An eindeutigen Warnungen fehlt es nicht: "Wir stehen am Anfang einer großen Katastrophe. Der Wald stirbt uns unter den Händen weg", warnte 2018 Rita Satzger, Försterin im Revier Streitberg.

Unter der Hitze leiden auch die Menschen. Im Landkreis Forchheim wird gerade von der Universität Bayreuth wissenschaftlich erhoben, wie stark sich Land und Stadt aufheizen. Dabei wird die jeweils aktuelle Temperatur an unterschiedlichen Plätzen und Orten gemessen. Erkenntnisse aus Bayreuth zeigten, dass sich die Temperatur um bis zu fünf Grad in der Stadt unterscheiden könne. Dicht bebaute Areale heizen sich stärker auf als Gebiete mit viel Grün.

Städte und Orte brauchten daher beschattete Plätze, Trinkwasserbrunnen, schattenspendende Bäume, Wasserspielplätze oder aber unbebaute Hänge, die abends zur Kühlung der Siedlung beitragen, schlicht, weil kühle Luft nach unten sinkt und so aufgeheizte Siedlungen kühlt.

Beim Bau des neuen Paradeplatzes reagiert Forchheim bereits auf die Klimabedürfnisse.Mit vielen Bäumen, schattigen Plätzen und einem Brunnen. "Im Landkreis ist der Erhalt von Schwimmbädern sinnvoll", sagt Maier. Damit sich die Menschen wohnortnah abkühlen können.

Zu viel Regen und zu wenig Hochwasserschutz

So ersehnt das Nass ist, machen zunehmende Starkniederschläge auch in der Fränkischen Schweiz Probleme. "Oft sind es kleine Gewässer, die im Sommer auch trocken liegen, aber sich plötzlich zu reißenden Strömen entwickeln können."

Weshalb der klassische Hochwasserschutz nicht so erfolgreich wie notwendig sei. Maier plädiert deshalb für viele in der Fläche verteilte Kleinst-Regenrückhaltebecken. Die Wassermassen sollen erst gar nicht in Bewegung kommen. Bestenfalls.

Mit Strategie gegen den Wandel in den Orten

Wie stark Wetterextreme unser Leben im Landkreis prägen, "hängt davon ab, wie stark wir den Klimaschutz vorantreiben", sagt Maier. Und trotz allem werden wir uns dem Wandel anpassen müssen. Wie sich Landwirtschaft, Forst, Natur, Gesundheitsvorsorge, die Stadt- und Ortsplanung oder der Katastrophenschutz verändern müssen, um mit den Auswirkungen zurecht zu kommen, mündet in eine Strategie. Sie wird zugeschnitten auf die 29 Landkreisgemeinden und mit Handlungsempfehlungen versehen sein.

Anfang 2022 soll sie vorgestellt und demnächst auch mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern besprochen werden. Dann beginnen die Diskussionen und möglicherweise erste gemeinsame Projekte.

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