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Welche Dorfmitte hätten’s denn gern in Pretzfeld?

7.3.2021, 17:27 Uhr
Schmuckstücke stehen in Pretzfeld an vielen Ecken. 

Schmuckstücke stehen in Pretzfeld an vielen Ecken.  © Edgar Pfrogner

Hat Pretzfeld einen Dorfmittelpunkt, ein Zentrum als Treffpunkt der Generationen? Laut dem aktuellen Isek-Gutachten, das im Juni 2020 dem Gemeinderat vorgestellt wurde, ist dies nicht der Fall. Dies sieht auch Bürgermeister Steffen Lipfert so: "Uns ist bekannt, dass bei uns im Hauptort ein sozio-kultureller Mittelpunkt fehlt. Isek hat das bestätigt".

Isek steht für "Städtebauliches Entwicklungskonzept". In ihm ist festgehalten, wohin sich der Ort künftig entwickeln kann. Die Bürger haben das Konzept mitentwickelt. Doch braucht es überhaupt einen Mittelpunkt – oder gibt es diesen nicht schon längst? Schläft dieser einfach nur vor sich hin, müsste also wieder wachgeküsst werden?

So sieht es jedenfalls Alt-Bürgermeister Walter Zeißler, der das Amt von 1984 bis 2002 begleitete. "Wir haben einen Marktplatz als Dorfmittelpunkt, der müsste lediglich etwas aufgefrischt werden." Die Suche nach dem Epizentrum Pretzfelds lässt uns zwar in die Zukunft blicken, aber auch weit in die Vergangenheit zurück. Über drei (Nicht-Mehr)-Mittelpunkte.

Wo einst die Linde stand und Menschen sich zu allen Anlässen trafen

In Pretzfeld hat der Kirchenvorplatz seine Bedeutung als Dorftreffpunkt verloren. Eine Neubelebung ist schwierig, aber wünschenswert.

Die Pfarrkirche St. Kilian war einst das Zentrum des kleinen Ortes. Unmittelbar vor dem Kirchplatz pulsierte das Leben. Eine Linde, die dort längst nicht mehr steht, vervollständigte einst diesen Treffpunkt.

Die Pfarrkirche St. Kilian war einst das Zentrum des kleinen Ortes. Unmittelbar vor dem Kirchplatz pulsierte das Leben. Eine Linde, die dort längst nicht mehr steht, vervollständigte einst diesen Treffpunkt. © Foto: Edgar Pfrogner

Der 79-jährige Alt-Bürgermeister Walter Zeißler hat die Jahre seiner Kindheit und Jugend im Kopf. Sein Elternhaus steht in unmittelbarer Umgebung, direkt neben dem früheren Posthaltergebäude, der heutigen Metzgerei Lamm. "Ich bin im Zentrum aufgewachsen, der Platz vor der Kirche war der Dorfmittelpunkt. Hier wurde die Kerwa abgehalten, im Umkreis von 100 Metern gab es vier Gasthäuser, davon drei mit eigenen Metzgereien."

Bestätigen kann das Hermann Bieger, Vorstandsmitglied im Fränkische-Schweiz-Verein und dessen Archivar. Bieger teilt zwar die Ansicht von Bürgermeister Steffen Lipfert, dass "wir derzeit eigentlich keinen Dorfplatz oder auch Marktplatz im eigentlichen Sinn haben, auch wenn es diese Bezeichnung gibt". Bieger ergänzt jedoch, dass man "als Dorfmitte wohl die Kirche mit dem Platz davor bezeichnen kann."

Beim Wasserholen getroffen

Dass dieser in früheren Zeiten, auch bereits weit vor den Erinnerungen Zeißlers, das Zentrum Pretzfelds war, kann Bieger beim Blick in sein umfangreiches Archiv bestätigen. Der Platz hatte den Charakter einer stark frequentierten Begegnungsstätte. Es gab dort einen Brunnen, der im 19. Jahrhundert aufgelassen wurde. "Er stand mitten auf der Straße, da traf man sich beim Wasser holen", so Bieger.

Der Eingang der Kirche wurde einst von zwei Linden gesäumt, eine davon musste bereits im 19. Jahrhundert gefällt werden. Die zweite Linde war ein ortsbildprägender Baum, "der leider 1956 gefällt werden musste, nachdem er durch einen Feuerwerkskörper in Brand geraten worden war", erinnert sich der Alt-Bürgermeister. Zahlreiche Fotos aus dem Archiv Biegers, auch von der Fällung, spiegeln die damalige Atmosphäre wider. Die aus Richtung Ebermannstadt kommende Hauptstraße war bis in die 1960er Jahre hinein noch eine Schotterpiste, erst danach folgte die Asphaltierung.

Für Leben im Zentrum sorgte auch das Schulgebäude, in dem heute das Pfarrheim untergebracht ist. Auch die Herbstkirchweih im Oktober wurde ursprünglich auf dem Kirchenvorplatz gefeiert. Zumindest standen dort die Stände, "gefeiert wurde in den umliegenden Gasthäusern", berichtet Zeißler.

Geblieben ist nur die Kiliani-Kerwa

In den 70er Jahren war es dann damit vorbei, die Kerwa zog um. Zunächst wurde auf dem Bahnhofsvorplatz gefeiert, später folgte der Umzug in die "Tratt" (für Nicht-Pretzfelder: das ist das Areal rund um den Obstmarkt mit dem neuen, 1965 mit dem Schulneubau angelegten Schulvorplatz).

Nachdem nach und nach auch die Gasthäuser schlossen, war es mit dem zentralen Treffpunkt vor der Kirche spätestens in den 80er Jahren vorbei. Geblieben ist lediglich die Kiliani-Kerwa, auch Patronatsfest genannt, die im Juli mit dem angegliederten Kunsthandwerkermarkt rund um die in der Mitte des 18.Jahrhunderts erbauten Pfarrkirche Besucher aus der Region anzieht.

Plan für neuen Dorfmittelpunkt

In den 90er Jahren wollte Walter Zeißler als Bürgermeister mit einer Neugestaltung des Dorfmittelpunktes für eine Aufwertung und damit für neues Leben sorgen. Heute räumt er ein, dass dies nur teilweise gelungen ist. Eine der Vorgaben, um an Fördermittel zu kommen, war die Pflasterung der Straße. "Dies hat optische Vorteile, hat aber zu einer enormen Zunahme der Lärmbelästigung geführt", bedauert der Altbürgermeister. Das bestätigt auch Monika Lamm, Inhaberin der Metzgerei Lamm, die ihr Geschäft direkt an der Einmündung der Hauptstraße in die Egloffsteiner Straße betreibt. Und auch Oliver Saam hört den Lärmfaktor beim Pflasterbelag. Saam hat das an den Pfarrgarten angrenzende Gebäude des ehemaligen Uhrmacher- und Schmuckgeschäftes gekauft und renoviert es derzeit aufwendig.

Kein neuer Brunnen, aber ein Fest

"Der Lärm speziell nachts, wenn die Lkw vorbeifahren, ist hier schon enorm," beklagt Lamm. Da es sich um eine Staatsstraße handelt, seien der Gemeinde hier die Hände gebunden. Bürgermeister Lipfert hat dieses Thema Ende Januar bei einem Treffen mit dem Straßenbauamt Bamberg angesprochen. "Das war damals sehr schön, man hat aber die Folgen nicht bedacht. Wünschenswert wäre ein leiserer Belag", erklärt Lipfert, um hinzuzufügen, dass eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 Stundenkilometer noch wichtiger wäre. "Nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen." Damit geht er mit Zeißler konform, der nicht nachvollziehen kann, "dass das zum Beispiel in Egloffstein geht, bei uns aber nicht".

Im Gespräch war bei der Sanierung des Kirchenvorplatzes zu Zeißlers Amtszeit auch die Wiederbelebung des Brunnens, "doch das war dann leider aus mehreren Gründen nicht machbar", erinnert sich der Altbürgermeister. Für die Zukunft wünscht er sich einen wiederbelebten Dorfmittelpunkt mit einem schönen Fest. Ein Anliegen, das bei seinem Nachfolger durchaus auf Verständnis stößt.

"Wir wollen mit kleinen Schritten und Aktionen die Aufenthaltsqualität im Zentrum erhöhen, indem wir Plätze schaffen, die zum Verweilen einladen", sagt Lipfert. Sehr gut gelungen sei dies bereits in Wannbach mit sehr viel Eigeninitiative der Anwohner. Gleiches gelte für den Gemeindeteil Lützelsdorf. Wenig hilfreich hält er aber die Neuanpflanzung von Linden: "Das macht derzeit bei der Größe dieser Bäume und der aktuellen Straßenführung keinen Sinn. Besser ist die Pflanzung von kleinen und gepflegten Bäumen."

Treffpunkt am Backofen

Dort wird nicht nur Brot gebacken. Die Zutaten dort: Spontaneität und Zeit für ein Pläuschchen.

Hier öffnet sich die Tür nicht nur für einen pittoresken Backofen, der auch noch Brot nach guter alter Handwerkskunst backt, sondern auch ein Platz für einen gemütlichen Plausch auf dem Bänkchen im Gewölbe. Dorfarchivar Hermann Bieger lässt uns in dieses Stück Pretzfeld blicken.

Hier öffnet sich die Tür nicht nur für einen pittoresken Backofen, der auch noch Brot nach guter alter Handwerkskunst backt, sondern auch ein Platz für einen gemütlichen Plausch auf dem Bänkchen im Gewölbe. Dorfarchivar Hermann Bieger lässt uns in dieses Stück Pretzfeld blicken. © Foto: Edgar Pfrogner

Eine Stätte des ungezwungenen Meinungsaustausches ist seit vielen Generationen auch der kleine Platz vor dem Dorfbackofen in unmittelbarer Nähe des Rathauses. Hier treffen sich regelmäßig an den Wochenenden einige wenige Pretzfelder, um gemeinsam nach alter Tradition ihr Holzofenbrot zu backen.

Auf Du junger Wandersmann, schau Dir mal den Pfarrhof an

Pfarrer Florian Stark bringt ehemaligen Schulhof als zentralen Treffpunkt mit Flair ins Gespräch.

Alt-Bürgermeister Walter Zeißler, Archivar Hermann Bieger, Bürgermeister Steffen Lipfert und Pfarrer Florian Stark machen sich Gedanken, wo sich Pretzfeld künftig trifft. Das Kirchenareal könnte wiederbelebt werden.

Alt-Bürgermeister Walter Zeißler, Archivar Hermann Bieger, Bürgermeister Steffen Lipfert und Pfarrer Florian Stark machen sich Gedanken, wo sich Pretzfeld künftig trifft. Das Kirchenareal könnte wiederbelebt werden. © Foto: Edgar Pfrogner

"Ich bin sehr froh, dass wir den Pfarrhof im Zentrum haben", sagt Pretzfelds Bürgermeister Steffen Lipfert. "Wir feiern dort die Kiliani-Kerwa und halten den Weihnachtsmarkt dort ab." Den Pfarrhof in seiner früheren Form, als im jetzigem Pfarrheim noch die Schule untergebracht war, kennt Lipfert altersbedingt nicht mehr. Wohl aber Walter Zeißler, der sich gut daran erinnern kann, "dass der frühere Pausenhof von der kirchlichen Fläche sehr gut abgeschirmt war". Von solch einer Abschirmung hält der derzeitige Pretzfelder Pfarrer Florian Stark nicht viel. Im Gegenteil. Wenn schon der Kirchenvorplatz kein zentraler Treffpunkt mehr ist, dann könne dies doch der Pfarrhof sein, wenn er es denn nicht bereits ist.

"Wir haben einen geschützten Pfarrhof, der zum Verweilen einlädt. Zahlreiche Wanderer nutzen dies regelmäßig. Sie holen sich bei der Metzgerei Lamm ihre Brotzeit und kommen dann herüber." Nicht-alkoholische Getränke gibt es an einem Automaten neben der Metzgerei, wer eine Hopfenkaltschale zur Brotzeit bevorzugt, dem steht beim "Nikl" in knapp 100 Metern ebenfalls ein Automat zur Verfügung.

Vereinstreffen im Pfarrhof

"Ich würde es sehr begrüßen, wenn auch mehr ortsansässige Vereine den Pfarrhof für ihre Treffen nutzen würden. In anderen Dörfern in meinem Seelsorgebereich läuft das sehr gut." Auch an Sonntagen sind dann nach Starks Worten bei entsprechender Witterung viele Leute da.

Einräumen muss er allerdings, dass es in Pretzfeld ein nicht zu unterschätzendes Problem gibt. "Wir haben einmal im Pfarrhof einen Außengottesdienst abgehalten, da sagten dann die Besucher: Euer Pfarrhof ist aber schon sehr laut." Er hofft, dass es in absehbarer Zeit zu einer Geschwindigkeitsbeschränkung in der Hauptstraße auf 30 Stundenkilometer kommt. "Die Aufenthaltsqualität in unserem Pfarrhof wäre dann nochmals höher." Mit diesem Wunsch ist Pfarrer Stark nicht allein.

Im Rahmen unserer neuen Serie "Mitten unter uns" blicken wir 14-tägig, immer mittwochs, in unterschiedliche Orte. Weiter geht es mit Hallerndorf (10. März), Heiligenstadt (24. März) und Forchheim (7. April).

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