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Wettbewerb zu Ackerwildkräutern: 27 Landwirte aus Oberfranken im Rennen

Auf Ackerflächen ohne Pflanzenschutzmittel gedeihen viele Wildkräuter, darunter echte Raritäten - 04.07.2020 13:03 Uhr

Von links: Maike Fischer, Otto Elsner, Markus Haslbeck, Marion Ruppauer, Katharina Schertler und Franziska Mayer.

© Foto: Sylvia Hubele


Ob gezähnter Feldsalat, Nachtlichtnelke oder Ackerrittersporn: Die meisten Ackerwildkräuter wachsen relativ unscheinbar zwischen Weizen, Hafer oder anderen Getreidearten. Sie begleiten das Getreide seit gut 10 000 Jahren, sind Nektarquell für Insekten und Bestandteil unserer Kulturlandschaft – jedenfalls dann, wenn der Landwirt auf Spritzmittel verzichtet.

Markus Haslbeck aus Götzendorf ist einer von ihnen. Der Biolandwirt nutzt sogar Kalkscherbenäcker, die oberhalb des Dorfes auf der Jurahöhe liegen und sät dort Hafer und Weizen an. Da das Getreide auf den ärmeren Böden lichter steht, bekommen die Ackerwildkräuter ausreichend Luft und Licht, erklärt Marion Ruppaner vom Bund Naturschutz (BN) in Bayern. Dieser richtet gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Landschaftspflege, der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und Bioland jetzt schon zum vierten Mal den Ackerwildkraut-Wettbewerb aus.

27 Teilnahmen am Wettbewerb

Für diesen Wettbewerb haben sich insgesamt 27 Landwirte aus Oberfranken angemeldet. Pflanzenexperte und Botaniker Otto Elsner ist dafür zuständig, die Wildkräuter auf den entsprechenden Äckern zu finden und zu kartieren. Bisher wurden auf allen Flächen schon 128 Arten gefunden, von denen viele bereits echte Raritäten sind. Der Ackerkohl ist eine dieser seltenen Pflanzen: "Er schaut nach nix aus und ist doch so selten, dass ich es kaum in Worte fassen kann", sagt Elsner und bittet darum, nicht auf die rare Pflanze zu treten.

Die Nachtlichtnelke: Die kleine unscheinbare gelbe Blüte öffnet sich erst nachts. So finden auch Nachtfalter Nahrung.

© Foto: Sylvia Hubele


Dass das Bewusstsein der Landwirte für den Naturschutz wächst, weiß Alexander Ulmer von der höheren Naturschutzbehörde in Bayreuth: Waren 2019 in ganz Oberfranken etwa 600 Hektar im Vertragsnaturschutzprogramm Acker, kamen heuer über 1100 Hektar neu hinzu.

"Früher war alles Acker"

Nehmen Landwirte an einem solchen Programm teil, werden sie für ihre dabei hingenommenen Ertragseinbußen entschädigt. Dafür bleiben Adonisröschen, Frauenspiegel, Mäuseschwänzchen und andere Wildkräuter erhalten. Wird ein solch ertragsarmer Acker wie der Kalkscherbenacker oberhalb von Götzendorf nicht mehr beackert, sondern als Grünland genutzt, verschwinden diese Kräuter einfach. "Früher war hier oben alles Acker", weist Elsner auf die umliegenden Wiesen hin.

Doch solch ertragsarme Standorte wurden vielfach aufgegeben. Würde aus den Wiesen wieder Ackerfläche, kämen auch die Kräuter vermehrt zurück, jedenfalls dann, wenn der Landwirt auf Pflanzenschutzmittel verzichtet. Die Samen befinden sich ja noch im Boden und sind über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte hinweg keimfähig, erklärte der Pflanzenexperte.

Während die Wiesen fast monoton in grün-braun daherkommen, blüht es in den Feldern noch reichlich. So finden Käfer, Spinnen, Nachtfalter und andere Insekten auch im Sommer noch reichlich Nahrung. Verschwindet jedoch auch nur eine Pflanzenart, verschwinden damit bereits zehn Tierarten, weist Marion Ruppaner vom BN auf die manchmal recht fragilen Zusammenhänge in der gesamten Nahrungskette hin. Finden Insekten nicht ausreichend Nahrung, ist für Insektenfresser das Angebot ebenfalls dürftig.

Ein Ackerrittersporn in und ein Ochsenauge auf der Hand von Marion Ruppauer. Von den Ackerwildkräutern gibt es ungefähr 200 Arten – von denen bereits zwei Drittel gefährdet sind.

© Foto: Sylvia Hubele


Ursprünglich stammen viele dieser Kräuter aus Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris (heute: Irak/Iran). Einmal in Europa angesiedelt, wurden ihre Samen mit dem Getreide immer wieder aufs Neue ausgesät. Können sie wachsen und blühen, sorgen sie für ein faszinierendes Spiel der Farben im Licht: Mit dem morgens aufblühenden Sandmohn schimmert der Acker rötlich. Steigt die Sonne höher, verblasst der Mohn und das Blau von Kornblume und Ackerrittersporn wird intensiver.

200 Arten, zwei Drittel davon sind gefährdet

Von den Ackerwildkräutern gibt es ungefähr 200 Arten, von denen zwei Drittel gefährdet sind, berichtet Ruppaner. Daher setzt sich auch die EU für Biodiversität und den Schutz der Ökosysteme ein.

So sollen beispielsweise bis 2030 nur noch halb so viele Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden wie heutzutage. Gelangen weniger Pestizide auf die Äcker, haben Insekten und Feldvögel eine größere Überlebenschance. "Im Ackerwildkraut-Wettbewerb werden Äcker mit seltenen und konkurrenzschwachen Ackerwildpflanzen prämiert", erläutert Franziska Mayer vom Institut für Agrarökologie der Landesanstalt für Landwirtschaft.

Am 16. September findet die Siegerehrung der 27 teilnehmenden Landwirte statt. "Die Vielfalt und Schönheit der bayerischen Kulturlandschaften ist einzigartig", betont Maike Fischer vom Deutschen Verband für Landschaftspflege. Daher will der Wettbewerb auf diese Schönheiten aufmerksam machen.

SYLVIA HUBELE

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